Donaueschingen. Marvin Welte verdrahtet den Schaltschrank für einen Prüfstand. Sehr konzentriert, sehr präzise. Sein Chef nickt ihm anerkennend zu. „Marvin macht seine Arbeit super“, sagt er. Ganz selbstverständlich ist das nicht. Denn Welte, junger Mechatroniker beim Automobilzulieferer IMS Gear, hat nur noch ein Bein. Trotzdem meistert er seinen Arbeitsalltag: mit Freude, Motivation – und einer Hightech-Prothese.

Als Azubi auf dem Moped von einem Auto erfasst

Wie es dazu kam, erzählt er beim aktiv-Besuch. Rückblick auf einen Novembertag 2013: Welte, damals 16 Jahre alt, fährt mit dem Moped zur Ausbildung in Donaueschingen. Im Gegenverkehr überholt ein Autofahrer unvorsichtig – und erfasst den Azubi frontal.

Ab dieser Sekunde ist für den Jugendlichen aus dem Schwarzwalddorf Mundelfingen nichts mehr wie vorher.Rettungshubschrauber. Klinik. Intensivstation. Das linke Bein und das Hüftgelenk können aber nicht mehr gerettet werden.

„Da bricht schon erst mal die Welt zusammen“, sagt der 22-Jährige heute. „Aber dann geht’s doch wieder weiter. Den Kopf in den Sand zu stecken, bringt ja nichts.“ Ob wie hier im Schwarzwald oder anderswo: Die Rehabilitation macht’s möglich, dass Menschen nach einem schlimmen Unfall, einer schweren Operation oder einer zehrenden Erkrankung wieder ihren Arbeitsalltag aufnehmen können.

Mehr als eine Million Rehas werden in Deutschland pro Jahr gemacht

Die Zahl der in Anspruch genommenen Behandlungen hat stark zugenommen, allein 2017 gab es rund 1,2 Millionen Fälle. Bei Marvin Welte zum Beispiel war die Reha erfolgreich. Das lag auch an seinem ausgeprägten Willen, wieder arbeiten zu können. Schon kurz nach dem Unfall sagte er zu seinem Chef: „Sobald ich wieder fit bin, will ich meine Ausbildung weitermachen!“ Und sein Arbeitgeber IMS Gear (2.300 Beschäftigte in Deutschland) versprach, dass man das auf jeden Fall möglich machen werde.

Wie gut Welte dann den Unfall verarbeitete, hat in seinem Umfeld viele überrascht. Sein Ausbildungsleiter Uwe Wälde schüttelt beinahe ungläubig den Kopf, beschreibt es so: „Für mich ist es ein Wunder, dass ein junger Mensch in dieser schlimmen Situation so gefasst bleibt und seine Lebensfreude nicht verliert.“ Das liege auch an seinen guten Freunden, erklärt Welte. Allein war er im Krankenhaus kaum: „Im Gegenteil – ich musste richtig organisieren, wann wer kommen kann“, sagt der junge Mann lachend.

Unfallopfer Welte war nach sieben Wochen Krankenhaus und acht Operationen zunächst für rund einen Monat stationär auf Reha. „Dann folgten Aufbau-Maßnahmen“, erzählt der Mechatroniker. Er bekam zuerst eine einfache Prothese, später eine elektronisch gesteuerte, mit Akku: Knie- und Fußgelenk werden von Motoren bewegt.

Er musste das Laufen ganz neu lernen

„Ich kann damit sogar Treppen hinabsteigen“, erklärt er, „aber das Laufen musste ich ganz neu lernen.“ Das tat er – auch wieder auf einer Reha, im Allgäu: „Da bin ich mit zwei Krücken angereist, und nach vier Wochen auf zwei Beinen wieder abgereist, mit einem Gehstock als Sicherheit.“

Gut ein Jahr nach dem Unfall war Welte wieder zurück im IMS-Gear-Ausbildungszentrum. „Es war schon ein tolles Gefühl, wieder arbeiten zu können“, erinnert er sich. Nach einer Reha kommt oft die Wiedereingliederung ins Arbeitsleben – sie ist Aufgabe des Arbeitgebers. Sebastian Lang, Personalleiter bei IMS Gear, erklärt: „Wir nehmen unsere Fürsorgepflicht für die Mitarbeiter sehr ernst, wir wollen auch in schlechten Zeiten für sie da sein.“ Wichtig sei, dass bei einer Wiedereingliederung alle Beteiligten mit im Boot sind, etwa der Betriebsarzt und die Berufsgenossenschaft. Gemeinsam würden dann zum Beispiel Ideen gesammelt, wie man den Betroffenen jeweils am besten unterstützen kann. „Natürlich hängt der Erfolg auch sehr stark davon ab, wie groß die persönliche Motivation ist“, betont Lang.

Trotz Handicap aktiv – sogar bei der Feuerwehr

Weil Marvin Welte manche Dinge im Mechatroniker-Alltag doch nicht so gut machen kann, arbeitet er jetzt nicht in der Produktion, sondern im Testlabor. „Hier kann er so gut wie alles ganz normal erledigen“, sagt sein Chef Markus Domachowski. Das Unternehmen produziert unter anderem elektromechanische Getriebe, die an vielen Stellen im Auto stecken: zum Beispiel in der Sitzverstellung, der Servolenkung oder in den Fensterhebern. All diese Komponenten testet Welte, dafür baut er Prüfstände auf, kontrolliert und wartet sie.

Auch am Feierabend lässt sich der 22-Jährige die Freude am Leben nicht von seinem Handicap vermiesen. Früher spielte er leidenschaftlich Fußball – das geht jetzt nicht mehr. Aber vieles ist noch drin: Traktorfahren (!) etwa, Treffen mit den Kumpels von der Landjugend, baden gehen.

„Ich bin ja auch bei der Feuerwehr aktiv“, sagt Welte noch, als wäre es das Normalste der Welt. Die Prothese hindert ihn nicht: Bei Bränden rückt er mit aus, hilft dann als Melder und Assistent der Einsatzleitung.