Benningen. „¡Hola!“, schallt es fröhlich durch die Büroräume. So begrüßen die Kollegen Ana María Hinojosa Rosado, die gerade die Tür aufgestoßen hat. Die Spanierin mit den pechschwarzen Haaren und dem roten Blazer ist angekommen. In der Otto Christ AG im Allgäu. „Mitten in Europa“, wie sie selbst sagt. Sie hat ihren Ausbildungsabschluss in Bayern so gut wie in der Tasche und steht kurz davor, einen Arbeitsvertrag zu unterzeichnen.

„Ich wollte gerne ins Ausland. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es für immer sein wird“, sagt die junge Industriekauffrau. Europa hat ihr die Tür geöffnet, hinein in die bayerische Arbeitswelt. In Spanien hat sie drei Jahre erfolglos einen Job gesucht – trotz ihres Studiums in Betriebswirtschaft. „Wir haben immer noch Krise und wenig Arbeitsplätze.“

Da war das Projekt „career(me)“ der bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeberverbände bayme und vbm eine tolle Chance. Es vermittelt junge Spanier zu Firmen in Bayern, die Ausbildungsplätze anbieten. So kam sie vor drei Jahren zur Otto Christ AG bei Memmingen. Die Firma fertigt Waschanlagen, die Autos, Lkws, Straßenbahnen und Züge von Verschmutzung befreien. Für den Betrieb ist die Spanierin ein Gewinn. Einerseits, weil er durch die Freizügigkeit in der EU unkompliziert eine dringend benötigte Fachkraft einstellen konnte. Andererseits, weil er als globaler Player Geschäftspartner in aller Welt hat, auch im spanischsprachigen Lateinamerika.

Dortige Kunden sind jedes Mal erstaunt, wenn sie auf Hinojosa Rosado treffen, die in perfektem Spanisch verhandelt. Sie arbeitet für eine Tochterfirma von Christ, die Kartoniermaschinen vornehmlich für die Pharma- und Kosmetik-Industrie herstellt. Marketing, Vertrieb und Rechnungswesen sind ihre Aufgaben. Fragen Kunden sie nach ihren spanischen Wurzeln und ihrer Entscheidung, in Bayern zu leben, sagt sie: „Das ist Europa. Wir haben offene Grenzen, freien Warenverkehr.“

Sie weiß dies zu schätzen, denn sie kennt es auch anders: Ihre Freundin lebt in Kolumbien und muss vor jeder Reise einen Bürokratie-Marathon absolvieren, um die nötigen Papiere zu bekommen.

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Kulturaustausch: Bayerisches Hobby und spanischer Kochkurs

 

Die Europäische Union ist für Hinojosa Rosado die „beste Erfindung“, die es je gegeben hat. Ihr Studium werde überall anerkannt. „Und dank Roaming telefoniere ich jederzeit günstig mit meiner Mama.“ Mehrmals im Jahr fliegt sie zu ihrer Familie nach Sevilla – natürlich ohne Passkontrollen.

 

Die Möglichkeit, innerhalb Europas ihren Traumjob zu finden, hat ihr Selbstbewusstsein gestärkt. „Früher war ich sehr schüchtern. In Bayern musste ich von Beginn an mutig sein.“ Ihr Deutsch habe anfangs kaum zum Einkaufen gereicht. Mit Händen und Füßen musste sie im Supermarkt einen Chip für den Einkaufswagen ergattern. Bewusst habe sie zunächst darauf verzichtet, Kontakt zu Landsleuten im Allgäu aufzunehmen. Sie wollte maximale Integration. Dabei halfen Sprachkurs und Betreuer, die zum „career(me)“-Projekt gehören.

 

So fand die Spanierin deutsche Freunde – und hat mittlerweile ein sehr bayerisches Hobby: Sie wandert begeistert durch die Allgäuer Berge. „Ich liebe es, wenn die Sonne über den Gipfeln untergeht.“ Und wenn Familie oder Freunde zu Besuch kommen, plant sie stets eine Wandertour, natürlich meist Richtung Schloss Neuschwanstein.

 

Kulturaustausch macht Hinojosa Rosado aber auch in die andere Richtung: Sie bietet für die Kollegen in der Firma Kochkurse an. Der erste war schon belegt, bevor überhaupt ein Hinweis am Schwarzen Brett hing. Klar, dass Paella hoch im Kurs steht. Aber auch Schweinefilet mit Whiskey, die Lieblingstapa der Spanierin, kommen bei den Christ-Mitarbeitern gut an. Europa geht auch durch den Magen.

3 Fragen...

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?

Das Thema Wirtschaft hat mich immer interessiert, es ist der Kern unseres alltäglichen Lebens. Deswegen habe ich Betriebswirtschaft studiert.

Was reizt Sie am meisten?

Der Kontakt mit vielen unterschiedlichen Kunden, denen ich ein verlässlicher Partner sein möchte.

Worauf kommt es an?

Die Kunden müssen mir und unserer Firma vertrauen. Wenn sie eine Maschine bei uns kaufen, dann ist das keine Anschaffung, die man mal schnell von heute auf morgen macht.