Berlin. Meist sorgen sie für Halt und Ordnung – doch in diesem Fall für Zoff: Schrauben, genauer Schrauben aus China. Sie wurden europaweit zu Preisen verkauft, die heimischen Herstellern schwer zu schaffen machen. Daher verhängte die EU Mitte Februar Anti-Dumping-Zölle auf einen Großteil chinesischer Schraubenprodukte. Zuvor hatten Importeure vor Nachschubmangel etwa in Baumärkten und Handwerksbetrieben sowie vor Preisaufschlägen gewarnt.

Der Fall ist beispielhaft für die Handelsbeziehungen Europas zu China: Die Gemengelage ist oft uneindeutig, immer wieder gibt es Streit – zuletzt etwa wegen konkurrenzlos billiger Stahlimporte und weil China Litauen aus politischen Gründen boykottiert. Dabei sind beide Seiten stark miteinander verflochten. Und das macht deutlich, wie heikel es sein kann, wenn wegen Chinas Staatskapitalismus keine fairen Wettbewerbsverhältnisse bestehen.

Im gegenseitigen Handel liegt China klar vor Deutschland.

Vorwurf der EU: Preise unter Herstellkosten

Angefangen hat der Schrauben-Streit mit einer Beschwerde des europäischen Dachverbands der Schraubenhersteller bei der EU: Das „European Industrial Fasteners Institute“ argumentiert, China verkaufe Schrauben, Unterlegscheiben und Bolzen unter Herstellkosten. Bereits im Jahr 2009 hat die EU-Kommission aus demselben Grund Schutzzölle von zunächst 85 Prozent verhängt. Die mussten sieben Jahre später wieder aufgehoben werden, nach einer Klage Chinas bei der Welthandelsorganisation WTO. Die Europäer, so deren Urteil, hätten zur Begründung der Zölle unzulässige Vergleichszahlen herangezogen.

Und genau das macht alle Anti-Dumping-Verfahren gegen chinesische Produkte schwierig. Denn auf Preisinformationen aus China will sich die EU nicht verlassen. Schließlich seien der Wettbewerb und die Preise in China stark verzerrt. Daher nutzt die Kommission die Produktionskosten von Vergleichsländern. Im Fall der Schrauben ist das jetzt Thailand. Nach ausführlicher Untersuchung kommt Brüssel zu dem Ergebnis: China ist hier viel zu billig.

Daher schlägt sie einen Anti-Dumping-Zoll von 86,5 Prozent auf die meisten Schraubenprodukte vor. Ob es dazu kommt, entscheiden die EU-Staaten. Ist eine große Mehrheit von ihnen dagegen, stoppt das Vorhaben.

Wie auch immer dieser Zwist ausgeht – gerade für die Exportnation Deutschland wird China zum immer härteren Konkurrenten auf dem Weltmarkt. „Selbst in Europa haben wir zuletzt Marktanteile verloren. Und das längst nicht mehr nur bei Cent-Artikeln, sondern auch bei technologisch anspruchsvollen Gütern“, berichtet Jürgen Matthes, Außenhandelsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft. Gleichzeitig ist China unser wichtigster einzelner Handelspartner – und das seit dem Jahr 2015. Allerdings importieren wir sehr viel mehr aus China, als wir dorthin exportieren.

Auch als Investitionsstandort ist China für die deutsche Wirtschaft wichtig, trotz aller Widrigkeiten. Das unterstreicht eine aktuelle Umfrage der Deutschen Auslandshandelskammer (AHK) China. Befragt worden sind rund 600 deutsche Unternehmen, die vor Ort aktiv sind.

China bevorzugt verstärkt heimische Unternehmen

Die frühere Aufbruchstimmung unter ihnen schwindet jedoch zusehends, stellt die AHK fest. Hauptgrund dafür sei die zunehmende Bevorzugung heimischer Wettbewerber: Chinas Wirtschaft konzentriert sich immer mehr auf sich selbst. Ebenfalls Sorgen bereiten etwa der Konflikt zwischen den USA und China – der auf Europa abstrahlt – sowie Reisebeschränkungen infolge der Corona-Pandemie.

„Unsere Umfragen zeigen Jahr für Jahr: Der Umgang mit China wird intensiver, aber auch komplexer“, so Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). „Das Land bleibt ein Wachstumsmotor für viele deutsche Unternehmen, doch die Früchte hängen höher.“