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„Wir haben den Dreh raus“

Chefin-Interview mit Alexandra Schmidt von der Hessischen Schraubenfabrik

Es war ein Sprung ins kalte Wasser: Alexandra Schmidt erzählt, wie sie Unternehmerin wurde. Und wie sie Hessische Schraubenfabrik (hsf) in Marburg führt. Der Familienbetrieb hat eine spannende Geschichte.

Stark: Alexandra Schmidt mit einer Spezialschraube für die Energiebranche. Foto: Scheffler

Stark: Alexandra Schmidt mit einer Spezialschraube für die Energiebranche. Foto: Scheffler

Fachsimpeln: Alexandra Schmidt im Gespräch mit Einrichter Oliver Schmidt. Foto: Scheffler

Fachsimpeln: Alexandra Schmidt im Gespräch mit Einrichter Oliver Schmidt. Foto: Scheffler

Marburg. Dass sich auch ein kleineres Unternehmen an einem international hart umkämpften Markt gut behaupten kann, zeigt die Hessische Schraubenfabrik Welter (kurz: hsf) in Marburg mit 75 Mitarbeitern auf eindrucksvolle Weise. AKTIV sprach mit der Geschäftsführerin Alexandra Schmidt, Freundin klarer Ansagen und direkter Wege.

Was macht gute Schrauben aus?

Wenn sie eine perfekte Verbindung schaffen. Wir haben den Dreh raus und fertigen keine Massenware, sondern Qualitätsschrauben. Schrauben sind innovative Verbindungslösungen, die wir oft gemeinsam mit Kunden entwickeln und auch in kleinen Mengen produzieren, ab 3.000 Stück, im Extremfall sogar als Einzelstück.

Wer sind Ihre Kunden?

Die Auto-Industrie, Motoren- und Maschinenbau, aber auch viele andere Branchen bis hin zum Handel. Unser Können wird in der ganzen Welt geschätzt, die Exportquote liegt bei 25 Prozent. Sie finden unsere Produkte einfach überall. Verbaut sieht man sie aber meistens nicht, weil sie keinen Kopf haben.

Wie produziert man kleine Stückzahlen ohne draufzulegen?

Mit guter Planung, Ausstattung und vor allem mit guten und motivierten Mitarbeitern. Hier wird keine Maschine gekauft ohne Zustimmung der betroffenen Leute. Wir rüsten manche Maschinen drei- bis viermal am Tag um. Da muss jeder wissen, was er tut. An jeder Anlage haben wir deshalb qualifizierte Einrichter. Ein eigener Werkzeugbau hilft uns, flexibel und schnell reagieren zu können. Organisation ist meine Stärke, und ich bin sehr ergebnisorientiert. Nicht fackeln, sondern sehen, kurz reden und entscheiden. Wir optimieren ständig und sorgen für Vielfalt bei Werkzeugen und Material. Mit dem Konzept stehen wir gut da und werden beim Umsatz 2018 nun die 10-Millionen-Euro-Marke überschreiten.

Finden Sie noch genügend qualifizierte Mitarbeiter?

Wir bilden selbst aus, testen bei Stellenausschreibungen auch Neues. Wir haben zum Beispiel auf Bierdeckeln bei Festen für uns geworben und gute Leute bekommen. Ich gehe auch unkonventionelle Wege, bin spontan und schaffe eine neue Stelle, wenn eine tolle Bewerbung vorliegt. Wir haben ganz bewusst die Charta „Beruf und Pflege vereinbaren“ unterzeichnet, weil man Menschen in so einer Situation unterstützen muss. Und wir haben eine Berufsunfähigkeitsversicherung für alle, die die Mitarbeiter durch Mehrarbeit mitfinanzieren, weil es nicht sein darf, dass jemand in Not gerät, weil er nicht mehr voll arbeiten kann.

Wollten Sie schon immer Unternehmerin werden?

Nein. Mein Vater war Wirtschaftsprüfer innerhalb eines Großkonzerns, als er 1996 hier einstieg. Damals war die hsf noch auf Großserien ausgerichtet und wäre daran fast kaputtgegangen. Er richtete die hsf komplett neu aus, es wurde kräftig investiert. Ich half immer von Beginn an aus, zuerst im Marketing, weil ich in der Werbebranche arbeitete. Die interessierte mich immer weniger, denn in der Fabrik fand ich das Reelle, eben Produkte, die Nutzen stiften. Als mein Vater krank wurde, sprang ich ein und blieb.

Nun doch der Traumberuf?

Ja, aber mit großer Verantwortung für den Betrieb und die Menschen hier. In so einem Familienunternehmen landet unglaublich viel beim Inhaber, auch wenn die Teams viel selbst entscheiden. Aber alle wissen: Im Zweifel hilft die Chefin.

Was würden Sie gerne ändern?

Dass sich Leistung wieder mehr lohnt. Für ein sattes Plus im Geldbeutel würden viele Mitarbeiter hier gerne mehr arbeiten. Das täte ihnen und dem Betrieb gut. Aber nach allen Abzügen bekommt vor allem der Staat mehr Geld und nicht die Menschen. Also schieben die meisten Überstunden vor sich her. Es ist für mich ein Skandal, dass Staat und Gewerkschaften Menschen derartig bevormunden, und dennoch ihre sozialen Aufgaben nicht wahrnehmen.

Was macht Sie richtig stolz?

Dass die hsf dort steht, wo sie heute ist, und wir auch Konzernen auf Augenhöhe begegnen, ohne auf jeden Auftrag angewiesen zu sein. Auch, dass wir die schlimme Wirtschaftskrise 2009 gemeinsam überstanden haben, während viele andere, kleinere Familienunternehmen Insolvenz anmelden mussten. Als Nischenanbieter balanciert man immer auf einem schmalen Grat. Manchmal ist er aber besonders schmal, und dann ist man einfach froh, wenn alles gut geht.

Zur Person


Alexandra Schmidt

  • 1969 geboren in Bad Homburg v. d. H.
  • Erste Berufstätigkeit in Frankreich
  • Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau
  • BWL-Studium in Würzburg
  • Werbeagenturen in Köln und Düsseldorf
  • 1997 Einstieg bei der Hessischen Schraubenfabrik
  • Seit 2003 geschäftsführende Gesellschafterin
Schlagwörter: Metall und Elektro

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