Zollerklärungen ausfüllen, Frachtpapiere zusammenstellen, Touren planen, Versandkosten berechnen – es ist ganz schön viel Papierkram, mit dem Marvin Hemmer in der Lagerlogistik bei Schlüter- Systems in Iserlohn zu tun hat. Doch der 22-Jährige winkt ab: „Es ist abwechslungsreich, macht Spaß.“

Dabei wäre sein Start ins Berufsleben beinah an zu viel Theorie gescheitert. Der Realschüler strebte das Fachabi in Wirtschaft und Verwaltung an. Doch die Betriebswirtschaft machte ihm das Leben schwer. Er rasselte durch die Vorabi-Klausuren.

Zwei Jahre später schließt er mit Bestnote die Ausbildung als Fachlagerist ab, sattelt das dritte Lehrjahr und die Qualifizierung zur Fachkraft für Lagerlogistik drauf und erledigt seinen Job zur vollsten Zufriedenheit seines Arbeitgebers.

Iserlohner Firma Schlüter-Systems bietet Produkte rund um die Fliese an

Schlüter-Systems hat damals trotz des Schulabbruchs am zugesagten Ausbildungsplatz festgehalten. „Wir machen das nicht zeugnisabhängig“, sagt Daniel Hagelstange, gewerblich-technischer Ausbildungsleiter. Vielmehr werden die Bewerber zu einem Tag im Betrieb eingeladen, an dem sich zeigt, ob es passt.

Bei Marvin Hemmer war das der Fall. Gute Leute sind gefragt in der Lagerlogistik des Unternehmens, das Produkte und Systemlösungen rund um die Fliese anbietet. 130 Mitarbeiter kümmern sich darum, dass die mehr als 10.000 verschiedenen Produkte von der Schlüter-Schiene über die Drainagerinne bis zum LED-Kantenprofil den richtigen Platz finden, innerhalb Deutschlands in 24 Stunden geliefert und sicher verpackt in alle Welt verschickt werden.

„Es gehört im Job schon ein bisschen mehr dazu, als zu Hause ein Geschenk einzuwickeln“

Produkte einlagern, Aufträge kommissionieren, die richtigen Aufkleber und Frachtpapiere zuordnen, das Scanner-System beherrschen, angesichts der vielen, teils sehr filigranen Teile den Überblick behalten: „Es gehört schon ein bisschen mehr dazu, als zu Hause ein Geschenk einzuwickeln“, sagt Tobias Heutmann, der mit Christian Nolte im Lager ausbildet. Die Betriebswirtschaft schreckt Marvin Hemmer dabei nicht mehr: „In der Praxis versteht man plötzlich, was dahintersteckt.“ Diesen Aha-Effekt erleben die Schlüter-Azubis öfter, sei es beim obligatorischen Fliesenlegen oder beim Knigge-Seminar. „Seitdem kann ich fünf Krawattenknoten“, grinst der Lagerlogistiker.

Die nächsten Ziele sind gesteckt: Am Englischkurs im Betrieb nimmt er teil, den Neubau des Logistikzentrums möchte er in der Projektgruppe begleiten, als Pate einen neuen Azubi unterstützen. „Es ist gut, wenn man jemanden fragen kann“, weiß er aus Erfahrung. Anderen helfen, hinter die Dinge schauen – das treibt den 22-Jährigen auch privat um.

Fußball – das ist sein großes Hobby. Aber auch an Geschichte ist Hemmer sehr interessiert

Seit 16 Jahren ist er Fußballtorwart, trainiert den Nachwuchs beim SC Hennen, hat als Schiedsrichter bis zum letzten Jahr für Fairplay auf dem Platz gesorgt.

Aber er hat auch – im Bildungsurlaub – sieben Konzentrationslager und Gedenkstätten besucht. „Mich beschäftigt die Frage, warum und wie das passieren konnte“, sagt er: „Nur darüber zu lesen, reichte mir nicht.“ Im Lager Auschwitz erinnere zunächst nichts an die Schrecken der Nazis, und doch sei dort mehr als eine Million Menschen ermordet worden. „Es ist extrem beklemmend.“ Anschließend gehe man anders mit rechten Parteien oder Hakenkreuz-Tattoos um: „Man schaut nicht mehr so leicht weg.“

Persönlich

Wie kamen Sie zu Ihrem Job?

Am Berufskolleg hatten wir uns auch mit Lagerlogistik beschäftigt. Das fand ich interessant.

Was reizt Sie am meisten?

Die Abläufe sind sehr unterschiedlich, kein Tag ist wie der andere. Es gibt immer wieder neue Probleme, die Lösungen brauchen.

Worauf kommt es an?

Auf Gewissenhaftigkeit. Und man muss eigenständig, aber trotzdem im Team arbeiten.

Hildegard Goor-Schotten
Autorin

Die studierte Politikwissenschaftlerin und Journalistin ist für aktiv vor allem im Märkischen Kreis, in Hagen und im Ennepe-Ruhr-Kreis unterwegs und berichtet von da aus den Betrieben und über deren Mitarbeiter. Nach Studium und Volontariat hat sie bei verschiedenen Tageszeitungen gearbeitet und ist seit vielen Jahren als freie Journalistin in der Region bestens vernetzt. Privat ackert und entspannt sie am liebsten in ihrem großen Garten

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