Lindenberg/Roding/Coburg. Seinen schwierigen Entschluss fasste Thomas Schmid (25) noch vor dem Ende seines ersten Jahres an der Hochschule. „Die Theorie war mir viel zu trocken, den praktischen Bezug zur Technik habe ich total vermisst“, schildert er. „Und wenn erst das Interesse fehlt, fehlt schnell auch die Motivation.“ Schmid brach sein Maschinenbaustudium ab – und sorgte damit zunächst für enttäuschte Gesichter bei Freunden und in der Familie.

Jeder Dritte gibt sein Studium wieder auf. Leistungs- und Motivationsprobleme sowie der Wunsch nach einer praktischen Tätigkeit gelten laut Studien als Hauptgründe. Für viele junge Menschen ist der Abbruch erst mal schmerzlich. Aber das Ende aller Karriereträume muss dieser Schritt noch lange nicht bedeuten – er kann auch der Beginn einer Erfolgsgeschichte sein.

Das hofft jedenfalls Ex-Student Schmid. Er ist mittlerweile angehender Industriemechaniker beim Luftfahrtzulieferer Liebherr-Aerospace in Lindenberg im Allgäu. „Beim Lernen tue ich mich hier deutlich leichter“, sagt er. Sein Ziel: prima Noten – 2,0 oder besser. „Dann könnte ich meine Ausbildung verkürzen“, so die Hoffnung.

Genau das hat Christian Faber (28) im Herbst 2016 geschafft. Da schloss er seine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik beim Automobilhersteller und Karbon-Spezialisten Roding Automobile in Roding im Bayerischen Wald ab – nach nur zwei Jahren. Sein abgebrochenes Studium „Automobiltechnik und Management“ hatte zuvor länger gedauert.

Es hilft, auf die eigenen Interessen zu achten

Obwohl Faber im Studium recht schnell klar wurde, dass die inhaltlichen Schwerpunkte andere waren als gedacht, blieb er zunächst dabei. Auch wegen der Mitarbeit im Hochschulteam der „Formula Student“; bei diesem Wettbewerb entwickeln und bauen Studierende aus der ganzen Welt Rennwagen.

Dem eigenen Interesse schließlich nachzugeben – das brachte dann auch den beruflichen Erfolg. Über den Wettbewerb entstand der Kontakt zu Roding Automobile. „In der Firma konnte ich von Anfang an mein Hobby zum Beruf machen“, berichtet Faber, der bis heute vor allem Sportwagen und Autoteile aus Karbon baut. Seit Ende 2018 tut er das sogar als Industriemeister. Fabers Tipp für Abiturienten: „Zieht eine Ausbildung zumindest in Erwägung.“

56 Prozent eines Jahrgangs beginnen in Deutschland ein Studium

Doch viele entscheiden sich zunächst dagegen: Mehr als die Hälfte (!) eines Geburtsjahrgangs beginnt inzwischen ein Studium. Zugleich zählen die Jahrgänge insgesamt weniger Köpfe als früher. Dadurch fehlen vielen Unternehmen Nachwuchsfachkräfte auf der mittleren Qualifikationsebene.

Für die Betriebe sind ehemalige Studenten daher sehr interessante Bewerber, um die sich die Wirtschaft denn auch intensiv bemüht. Da gibt es zum Beispiel die „Allianz für starke Berufsbildung in Bayern“. Mit ihrer Hilfe werden seit 2015 Studienabbrecher und Studienzweifler an Hochschulen gezielt über die Karrierechancen nach einer beruflichen Ausbildung informiert. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft unterstützt dieses Engagement zusammen mit der Bayerischen Staatsregierung, der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit sowie den Kammern.

Auch beim Automobilzulieferer Brose in Coburg beginnen immer wieder junge Menschen nach vorzeitigem Hochschulabgang eine Ausbildung. „Mit Studienaussteigern haben wir sehr positive Erfahrungen gemacht“, berichtet Michael Stammberger, Leiter Aus- und Weiterbildung der Brose Gruppe.

„Das Engagement und die Leistungsbereitschaft sind hoch – und mit ihren Kenntnissen aus dem Studium ziehen sie auch unsere jüngeren Auszubildenden mit.“ Matthias Ruppert (25) zum Beispiel ist heute im dritten Jahr seiner Ausbildung zum Elektroniker für Automatisierungstechnik. Zuvor hatte er erst ein Informatik-Studium und später ein Studium der Produktions- und Automatisierungstechnik abgebrochen.

Mehr über Studienabbrecher als Zielgruppe von Betrieben lesen Sie auf iwd.de.

Karrierechancen als Techniker oder Meister

„Eine Ausbildung war für mich erst einmal kein Thema“, erzählt Ruppert. „Nach dem Abitur zu studieren, ist doch heute der normale Weg. Das wird von vielen ja fast schon erwartet.“ Erst durch den Austausch mit Studienkollegen, die vorher eine Ausbildung gemacht hatten, sei ihm bewusst geworden, dass dieser Weg eine echte Option ist. „Jetzt habe ich den Praxisbezug, den ich immer vermisst habe“, berichtet er. Nach der Ausbildung und ein paar Jahren im Beruf will er eine Weiterbildung zum Techniker machen.

Deutlich schneller zog Kai Rottmann (19) die Reißleine. Schon nach dem ersten Semester schmiss er sein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in Nordrhein-Westfalen und begann 2018 eine Ausbildung zum Mechatroniker bei Kaeser Kompressoren in Coburg. „Ich habe früh erkannt, dass ein Studium nichts für mich ist“, erzählt er. „Man wird an der Hochschule ins kalte Wasser geworfen und muss sofort alles selbst organisieren.“ Ihm sei das sehr schwer gefallen. Zudem kam ein wenig Heimweh dazu: Rottmann ist in seiner oberfränkischen Heimat tief verwurzelt, spielt etwa im Verein American Football.

Die Zeit in der Ferne war für ihn allerdings keine verlorene Zeit. Sie ist vielmehr unter dem Stichwort „Lebenserfahrung“ abgebucht: „Ich hätte mir wohl mein ganzes Leben Vorwürfe gemacht, wenn ich es mit dem Studium nicht versucht hätte“, sagt er.

Über die Karrierechancen im Zuge einer beruflichen Ausbildung hatte er sich nach der Schule zum Glück schon informiert. Sorgen musste er sich nach dem Abbruch deshalb keine machen: „Ich wusste, dass es gute Möglichkeiten gibt.“ Techniker, Meister – das seien interessante Optionen. Später einmal. „Heute könnte ich nicht glücklicher sein als da, wo ich bin.“

Interessante Ergebnisse einer Studie über Studienabbrecher lesen Sie auf iwd.de. 

 

Interview: „Die Ausbildung ist für viele eine neue Chance“

Regensburg. Weg von der Uni - und dann? Sogenannte Akquisiteure helfen: Im Rahmen der „Allianz für starke Berufsbildung in Bayern“ klären sie Abbrecher über Berufsoptionen ohne Studium auf. Fragen an Kristin Weiherer, Akquisiteurin von den Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft in Regensburg.

Knapp ein Drittel aller Studenten schmeißt das Studium. Warum?

Oft ist es das falsche Fach oder zu viel Theorie. Einigen ist es an der Hochschule oder Universität auch zu anonym. Oder sie kommen mit der geforderten Eigenverantwortung nicht klar, da es ihnen an der bekannten Struktur der Schule fehlt.

Die berufliche Ausbildung ist ja auch eher gut strukturiert.

Unter anderem deshalb fühlen sich dann dort viele deutlich wohler als im Studium. Manche empfanden zuvor Druck, studieren zu müssen: Ein Studium gilt überall als erstrebenswert, ist teils auch eine Statusfrage.

Was raten Sie Abiturienten, die vor der Wahl zwischen Studium und Ausbildung stehen?

Nicht die großen Fehler machen: Zu schnell entscheiden, bloß Erwartungen erfüllen wollen, nur nach dem erwarteten Einkommen schauen. Angehende Abiturienten sollten sich stattdessen rechtzeitig und ausgiebig informieren, sich ihrer Stärken bewusst werden und auch auf die eigenen Interessen achten.

Und wenn die Entscheidung dann doch falsch war: Wie gehen junge Menschen damit um?

Der Abbruch des Studiums ist natürlich für viele zunächst eine persönliche Niederlage. Aber was einen aus der Bahn wirft, bringt einen eben auch häufig auf den richtigen Weg. Schon beim Bewerben merken „Abbrecher“, dass sie bei den Firmen als Azubis durchaus begehrt sind. Und in der Ausbildung selbst gehören sie dann oft auch zu den Besseren. All das stärkt das Selbstbewusstsein.

Was schätzen die Unternehmen an den ehemaligen Studenten?

Sie bringen oft schon ein wenig Fachkenntnisse aus dem Studium mit. Vor allem aber sind sie aufgrund ihres höheren Alters meist reifer, selbstsicherer und sensibler. Das ist nützlich unter Kollegen – und noch wichtiger im Kundenkontakt. Und natürlich sind viele besonders motiviert: Die Ausbildung ist für sie eine neue Chance.

Michael Stark
aktiv-Redakteur

Michael Stark schreibt aus der Münchner aktiv-Redaktion vor allem über Betriebe und Themen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Darüber hinaus beschäftigt sich der Volkswirt immer wieder mit wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Das journalistische Handwerk lernte der gebürtige Hesse als Volontär bei der Mediengruppe Münchner Merkur/tz. An Wochenenden trifft man den Wahl-Landshuter regelmäßig im Eisstadion.

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