Nidda. „Könnten Sie sich denn vorstellen, den Betrieb einmal von mir zu übernehmen?“ Als Unternehmer Hagen Puttrich das seinen Betriebsleiter Jens Vonderheid fragt, fällt der erst mal aus allen Wolken. „Damit hatte ich nun so gar nicht gerechnet“, erinnert sich Vonderheid an die wichtige Unterredung an einem Sommertag 2016. Zwei Nächte kann er danach kaum schlafen, die gleichen Fragen gehen ihm immer wieder durch den Kopf: „Will ich das – kann ich das – schaffe ich das?“

Dann macht er sich schlau, führt viele Gespräche: mit seiner Frau, mit der Familie, mit Firmenchef Puttrich, nicht zuletzt mit den Banken. Und er wagt es. Seit Anfang 2018 ist Vonderheid geschäftsführender Gesellschafter der mittelständischen Firma Hera Papierverarbeitung. Nach eineinhalb Jahren zieht er beim aktiv-Besuch eine Zwischenbilanz: „Bis jetzt habe ich meine Entscheidung keinen Augenblick bereut.“ 

Große Vielfalt von Tüten in unterschiedlichsten Formaten

Hera ist mit knapp 50 Mitarbeitern ein wichtiger Arbeitgeber in Nidda, am Rande der hessischen Region Wetterau. Der 1946 gegründete Betrieb ist bekannt für eine große Vielfalt von Spezialverpackungen in unterschiedlichsten Formaten und Qualitäten. Manche Tätigkeiten werden in Heimarbeit erledigt: „Dabei geht es ganz oft ums Tütenkleben“, erläutert Vonderheid. Das Produktprogramm reicht von Tüten aus Pergamin (ein fettdichtes Transparentpapier) etwa für Döner und Hot Dogs oder Banderolen zum Bündeln von Geldscheinen bis zu Hüllen für Röntgenbilder und Beutelchen für Räucherkegel; Mindestabnahmemenge: 5.000 Stück. Möglich wird die bunte Vielfalt durch fast 50 verschiedene Produktionsanlagen, von der altgedienten Nut- und Lochmaschine bis zur modernen Digitaldruckmaschine.

Extraschichten um den Betrieb kennenzulernen

Notfalls könnte der Firmenchef viele Anlagen sogar selbst reparieren: Vonderheid ist gelernter Energieelektroniker. Nach seiner Meisterausbildung kommt er 2004 zu Hera, wo eine entsprechende Stelle ausgeschrieben ist. Nach dem Vorstellungsgespräch bietet ihm Firmenchef Puttrich den Job als Betriebsleiter an. Vonderheid, damals gerade 27, traut sich das zu. Er lernt bald, betriebswirtschaftliche Zusammenhänge ebenso zu beurteilen wie Papiersorten und Grammaturen. „Anfangs war es schon hart“, sagt er im Rückblick, „ich habe viele Samstage extra im Betrieb verbracht, um mich in alle Bereiche einzuarbeiten.“

Damit legt er zugleich eine solide Basis für den späteren Schritt zum Unternehmer – der ihm angeboten wird, weil es in der dritten Generation der Gründerfamilie einfach kein persönliches Interesse am Chefsessel des Unternehmens gibt.

Mitarbeiter sind begeistert vom bodenständigen neuen Chef

Nachfolger Vonderheid ist Vater von zwei Söhnen und ein bodenständiger Typ, der sich in seiner knappen Freizeit noch bei der Feuerwehr und in der Lokalpolitik engagiert. Das Echo in der Belegschaft ist offenbar eindeutig: „Wir sind alle froh, dass Jens neuer Chef ist, weil wir ihn kennen und wissen, dass der Betrieb weiterläuft und es auch in Zukunft menschlich zugehen wird.“ So sagt es Betriebsschlosser Daniel Gebhard. Und Produktionsmitarbeiterin Roswitha Tischler, schon seit mehr als 30 Jahren bei Hera, ergänzt: „Wir haben uns alle gefreut, dass er diesen Schritt gewagt hat.“