Welche Jobs haben noch Zukunft?
Ein Studium galt lange als sicherer Weg in den Beruf – doch die Arbeitslosigkeit unter Akademikern steigt. Ist eine Berufsausbildung in der Industrie jetzt die bessere Wahl? Zwei Arbeitsmarktexperten beleuchten die aktuellen Trends.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Die Arbeitslosenquote unter Akademikern ist im Jahr 2025 auf 3,3 Prozent gestiegen – zum dritten Mal in Folge und erstmals über der Schwelle zur Vollbeschäftigung.
- Eine Berufsausbildung bietet derzeit klare Vorteile: Wer sie macht, hat schon einen Fuß im Betrieb. Und die Einkommen von Fachkräften stiegen zuletzt stärker als die von Hochqualifizierten.
- KI vernichtet bislang keine Jobs in großem Maßstab, schafft aber neue. Entscheidend bleibt, offen für Weiterbildung und Veränderung zu bleiben.
Junge, warum hast du nichts gelernt? Dieser Song der Band „Die Ärzte“ ist nun schon fast 20 Jahre alt. Die Frage dahinter ist und bleibt freilich aktuell: Was ist heute der bessere Weg ins Berufsleben – Studium oder Ausbildung? Der Songtext spielt da mit den Klischees: hier die „Festanstellung“ in „Onkel Werners Werkstatt“, dort die Uni und die Aussicht auf „eine eigene Praxis“ …
Lange galt ein Studium – auch das duale Studium im Betrieb – als sicherer Weg. Eltern verbanden damit gute Jobchancen, ein hohes Einkommen und eine stabile Zukunft für den Nachwuchs.
Doch diese Rechnung geht in Zeiten schwacher Konjunktur und einer sich rasant verändernden Arbeitswelt nicht mehr so einfach auf. Neue Zahlen zeigen: Für Akademiker ist der Einstieg ins Berufsleben schwieriger geworden.
Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit ist die Arbeitslosenquote der Studierten nun bereits das dritte Mal in Folge gestiegen: 2022 lag sie noch bei 2,2 Prozent, 2025 waren es 3,3 Prozent. Damit liegt sie erstmals über der 3-Prozent-Marke, die als Schwelle zur Vollbeschäftigung gilt. 2025 gab es 335.000 arbeitslose Akademiker.
Besonders betroffen sind die Jüngeren: Mehr als 45.000 erwerbslose Hochschulabsolventen unter 30 Jahren waren 2025 arbeitslos gemeldet. Noch ist das kein echtes Drama. Aber es zeigt: Der Weg über die Uni führt nicht immer zur Jobgarantie.
Warum Berufseinsteiger es gerade schwer haben
Liegt das schon an der KI? Vernichten die Sprachmodelle bereits die ersten Jobs? Melanie Arntz, Vizedirektorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, bremst solche vorschnellen Deutungen. „Nach dem, was wir bisher in den Daten sehen, liegt es eher an der schlechten wirtschaftlichen Lage“, sagt die Ökonomin.
Wenn die Wirtschaft lahmt, entstehen eben weniger neue Stellen. Berufseinsteiger haben in solchen Phasen schlicht „mehr Probleme“ – besonders, wenn sie ohne viele praktische Erfahrungen von der Uni kommen. Daher könne eine Ausbildung derzeit von Vorteil sein, sagt Arntz: Wer eine macht, hat schon einen Fuß im Unternehmen. „Das erhöht die Chance, nach der Lehre auch im Betrieb zu bleiben.“ Arntz ist daher überzeugt, dass die Berufsausbildung aktuell an Bedeutung gewinnt.
Auch Alexander Burstedde vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht in der KI nicht den großen Jobvernichter. Nach aktueller Studienlage sei „kein Effekt auf die Gesamtbeschäftigung sichtbar“, sagt er.
Die Zahl der Jobs insgesamt gehe durch KI bislang nicht erkennbar zurück. Allerdings: Die Einstiegschancen verändern sich, Unternehmen sparen in unsicheren Zeiten zuerst bei neuen Stellen – das spüren Berufseinsteiger besonders stark. Bursteddes vorläufiges Fazit: „Wir erleben keine Ausnahmesituation, sondern einen normalen technologischen Wandel.“
Warum Fachkräfte mit Ausbildung gefragt bleiben
Die betriebliche Ausbildung wird nicht nur deshalb interessanter, weil der Einstieg für Akademiker schwieriger geworden ist. Sondern auch, weil der Industrie Fachkräfte fehlen.
Burstedde weist darauf hin, dass die Generation der Babyboomer überwiegend Fachkräfte mit Ausbildung stellt: Mit ihrem Wissen in Fertigung, Instandhaltung und Betriebstechnik sind diese Menschen oft das Rückgrat der Betriebe. Und gerade sie gehen jetzt nach und nach in Rente. Eine IW-Prognose rechnet vor: Der Bedarf an Fachkräften mit Ausbildung dürfte größer bleiben als der Bedarf in anderen Qualifikationsgruppen.
Was für eine technische Ausbildung spricht
Ein weiteres Plus der betrieblichen Ausbildung: ihre Praxisnähe. Laut IAB-Ökonomin Arntz zeigen Studien, dass die Ausbildungsinhalte technikintensiver Berufe häufiger aktualisiert werden. Wer eine solche modernisierte Qualifizierung durchläuft, hat schon beim Berufseinstieg Vorteile, aber auch auf Dauer. Das ist gerade in einer Arbeitswelt wichtig, die sich permanent verändert.
Auch beim Einkommen kann eine betriebliche Ausbildung punkten. Eine IW-Studie zeigt: Die mittleren Einkommen von Fachkräften mit Berufsausbildung stiegen von 2019 bis 2023 um 12 Prozent – und damit stärker als die Einkommen der hochqualifizierten Spezialisten (plus 8 Prozent) oder Experten (plus 9 Prozent).
Wir erleben keine Ausnahmesituation, sondern einen normalen technologischen Wandel
Alexander Burstedde, Senior Economist für Qualifizierung und Fachkräftesicherung
Wobei die Nachfrage der Unternehmen natürlich nicht in allen Berufen gleich hoch ist. In der Metall- und Elektro-Industrie zum Beispiel sind laut IW-Auswertung vor allem Zerspaner, Metallbauer und Schweißer gefragt. In den Top Ten tauchen außerdem Felder wie die elektrische Betriebstechnik und die Kraftfahrzeugtechnik auf.
An eigenen Stärken orientieren – und daran, was Spaß macht
Wer übrigens glaubt, KI werde sowieso bald flächendeckend „alles und jeden“ ersetzen, unterschätzt, wie widersprüchlich die aktuelle Entwicklung ist. Das World Economic Forum geht in seinem „Future of Jobs Report 2025“ davon aus, dass 40 Prozent der Unternehmen dort Personal reduzieren wollen, wo KI Aufgaben übernehmen kann.
Gleichzeitig rechnet es aber mit 170 Millionen neuen Jobs weltweit bis zum Ende des Jahrzehnts. KI lässt also nicht nur menschliche Aufgaben wegfallen – sie schafft auch neue Arbeit. Entscheidend bleibt, dass Beschäftigte sich weiterbilden und offen sind für Veränderungen.
Der Ärzte-Song brachte elterliche Sorgen vor bald 20 Jahren satirisch auf den Punkt: „Was sollen die Nachbarn sagen? Denk an deine Zukunft, denk an deine Eltern.“ Für Jugendliche ist das kein guter Rat. Sie sollten sich einfach an ihren persönlichen Stärken orientieren. Daran, was ihnen wirklich Spaß macht.
Für viele junge Menschen kann daher eine betriebliche Ausbildung ein sehr guter Weg sein. Gerade in der Industrie. Sie bietet nach wie vor viele gute Perspektiven für junge Leute. Aber klar: Sie wird sich weiter verändern – wie auch die Berufswelt insgesamt.
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