Freie Berufswahl ohne das Vorurteil „typischer Frauenberuf, typischer Männerberuf“ im Hinterkopf?

Gelingt offenbar kaum: Tatsächlich ergreifen Frauen nach wie vor nur selten eine Ausbildung in einem MINT-Beruf – also aus den Bereichen Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Denn das, so das tief verwurzelte Klischee, sind Männerdomänen. Dabei ist die Auswahl fantastisch.

50 verschiedene naturwissenschaftliche, technische oder kaufmännische Ausbildungsberufe bietet etwa die Chemie- und Pharmaindustrie an. Bundesweit haben sich 26.000 junge Menschen für diese Branche entschieden.

Rein nach Zahlen sind Chemikanten, Industriekaufleute und Chemielaboranten besonders gefragt. Man kann aber auch Biologielaborant, Industriemechaniker, Elektroniker für Automatisierungstechnik, Lebensmitteltechniker, Koch oder Mechatroniker werden.

Vertrauen in die Fähigkeiten junger Frauen stärken

Bei Mädchen steht jedoch die Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement ganz oben im Beliebtheitsranking, gefolgt von der medizinischen und der zahnmedizinischen Fachangestellten. Schaut man genauer hin, fällt auf: Sogar unter den 20 beliebtesten Ausbildungsberufen junger Frauen ist kein einziger, der naturwissenschaftlich, technisch oder IT-geprägt ist.

Anders bei den Männern: Sie werden bevorzugt Kraftfahrzeugmechatroniker, Elektroniker, Fachinformatiker oder Anlagenmechaniker – alles angesiedelt im MINT-Bereich.

Experten vermuten, dass diese Präferenzen noch immer stark von klassischen Rollenbildern im Elternhaus geprägt sind: Mädchen bekämen von Kindesbeinen an oft vermittelt, dass es „unweiblich“ sei, sich mit diesen Themen zu beschäftigen, zudem fehlten in Familie und Gesellschaft weibliche MINT-Vorbilder.

Unbestritten sind MINT-Berufe Männerdomänen: Laut einer Studie der Bundesagentur für Arbeit sind nur 15 Prozent der aktuell etwa 7,7 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Bereich weiblich. Deshalb will man die Selbsteinschätzung von Mädchen in den unteren Schulklassen stärken, also das Vertrauen in ihre mathematischen oder technischen Fähigkeiten und Talente.

Eine neue Broschüre für die Schulen in Rheinland-Pfalz solle eine „passgenaue Ansprache“ liefern, sagt Bildungsministerin Stefanie Hubig.

Zunehmendes Interesse an manchen MINT-Berufen

An den Hochschulen zeigt sich ein ähnliches MINT-Ungleichgewicht wie in der Ausbildung: Zwar fingen laut den aktuellen Zahlen der Hochschulrektorenkonferenz im Studienjahr 2019 bundesweit rund 262.000 Frauen ein Studium an und nur 248.000 Männer. Allerdings beträgt der Frauenanteil an den MINT-Studierenden lediglich 28 Prozent.

Und: MINT-Studentinnen wählen zum Großteil die Fächer, in denen Frauen ohnehin in der Mehrzahl sind – Pharmazie, Biologie, Architektur und Innenarchitektur. In verkehrstechnischen und elektrotechnischen Studiengängen hingegen stellen sie nur 12,8 beziehungsweise 16 Prozent der Eingeschriebenen.

Unterm Strich nimmt der Anteil weiblicher Studierender, Auszubildender und Angestellter im MINT-Bereich aber langsam zu, kleine Erfolge werden sichtbar: So stieg zwischen 2016 und 2018 der Ausbildungsberuf „Fachinformatiker“ in der Beliebtheitsskala der Mädchen von Platz 41 auf Rang 33. Das meldete kürzlich der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Und der Kraftfahrzeugmechatroniker eroberte immerhin Platz 36 (zuvor 43).

Bleibt zu hoffen, dass mit mehr weiblichen Vorbildern auch das Vorurteil schwindet.

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