Die Haupturlaubszeit hat begonnen, Hotels und Grenzen sind geöffnet. Aber viele Deutsche sind verunsichert, ob sie unbesorgt reisen können. aktiv hat mit Oliver Buttler, Experte für Reiserecht der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, über die wichtigsten Fragen gesprochen.

Für welche Länder besteht aktuell eine Reisewarnung?

„Liegt eine Reisewarnung vor, hat man das Recht, die Reise zu stornieren.“

Oliver Buttler, Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

Unter auswaertiges-amt.de gibt es eine stets aktuelle Liste. Die weltweite Reisewarnung wurde bis zum 31. August 2020 verlängert, aber für die meisten EU-Länder, Schengen-assoziierte Staaten, Großbritannien und Nordirland aufgehoben. Steigt jedoch in einem Land die Zahl der Neuinfizierten wieder über einen bestimmten Wert, wird die Reisewarnung wieder ausgesprochen. Das bedeutet, die Situation kann sich täglich ändern. Daher sollte man unbedingt vor der Reise noch einmal auf die Liste schauen! Liegt eine offizielle Reisewarnung vor, hat man gegebenenfalls das Recht, die Reise auch kurzfristig kostenfrei zu stornieren.

Mit welchen Einschränkungen muss ich am Urlaubsort rechnen?

Ob Sehenswürdigkeiten und Restaurants geöffnet sind und welche Hygieneregeln dort gelten, kann von Land zu Land variieren. Prinzipiell muss man mit ähnlichen Bedingungen rechnen wie in Deutschland: Abstandsregeln und Maskenpflicht, Händedesinfektion in Gastronomie oder Museen, teilweise längere Schlangen. An manchen Orten wird eventuell am Eingang mit Stirn-Scannern die Körpertemperatur gemessen. Ist diese erhöht, darf man nicht rein.

In Hotels gibt es oft kein Büfett, sondern man muss à la carte essen. Bei Flügen gilt Maskenpflicht – schon im Terminal – und der Bordservice ist eingeschränkt. Es kann passieren, dass sich Abflugzeiten ändern, wenn die Airline nicht alle Plätze belegen darf. Je nach Flugstrecke ist eine Abweichung von bis zu vier Stunden zu akzeptieren. Hat der Flug eine Verspätung von mehr als vier Stunden, kann man den Reisepreis mindern.

Wo kann ich mich über aktuelle Reisebedingungen und Hygieneregeln in einzelnen Ländern informieren?

Auf reopen.europa.eu findet man Informationen zu europäischen Ländern: Mit welchen Verkehrsmitteln darf man ein- und ausreisen, durchreisen, im Land herumreisen? Gibt es Quarantänebestimmungen oder eine Attestpflicht? Auf auswaertiges-amt.de gibt es detailliertere Infos zu einzelnen Ländern weltweit: Was ist wieder in Betrieb? Welche öffentlichen Verkehrsmittel fahren zwischen dem Reiseland und Deutschland? Welche Hygieneregeln gelten? Im Zweifelsfall kann man sich auch an die Botschaft des Reiselandes wenden. (Lesen Sie auch auf aktiv-online.de, wie Unternehmen in Deutschland ihre Mitarbeiter vor Corona-Ansteckung schützen.)

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr im Flugzeug?

Die Luftzirkulationssysteme in Flugzeugen sorgen für einen ständigen Luftaustausch. Sie sind mit speziellen Filtern ausgestattet, wie sie auch in Krankenhäusern verwendet werden. Außerdem fließt die Luft von oben nach unten, also in Richtung Boden, anstatt herumzuwirbeln. Zwar ist der Mindestabstand im Flieger kaum einzuhalten, aber die Luftqualität ist vermutlich besser als in Bussen oder Bahnen. Desinfektionsmittel stehen an Bord zur Verfügung und an den Schaltern im Terminal sind Plexiglasscheiben angebracht. Reisende können also davon ausgehen, dass das Ansteckungsrisiko beim Fliegen nicht höher ist als anderswo. Wer Probleme damit hat, lange einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, sollte natürlich auf längere Flüge verzichten.

Welche Rechte habe ich, wenn mein Flug wegen Corona annulliert wird?

Grundsätzlich gilt: Sagt eine Fluglinie den Flug ab, hat man die Wahl zwischen der Erstattung des Flugpreises oder einem späteren Flug. Die Erstattung muss innerhalb von sieben Tagen erfolgen. Manche Airlines bieten Gutscheine an, die man aber nicht akzeptieren muss. Wenn der Anbieter die Erstattung ablehnt oder nicht reagiert, kann man sich an eine Schlichtungsstelle wenden. Je nach Airline ist die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personennahverkehr zuständig oder das Bundesamt für Justiz. Einen Musterbrief stellt die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg bereit: verbraucherzentrale-bawue.de.

Daneben können Urlauber, die ihr Geld nicht zurückbekommen, einfach ein Mahnverfahren gegen den Anbieter einleiten. Zahlt der Veranstalter dann nicht innerhalb von 14 Tagen, kann man als Reisender direkt einen Vollstreckungsbescheid beantragen. Das geht auch online unter online-mahnantrag.de.

Was mache ich, wenn ich kurz vor der Reise, zum Beispiel über die Corona-Warn-App, erfahre, dass eine Person aus meinem Umfeld infiziert ist?

Wenn die Corona-Warn-App einen zurückliegenden Kontakt mit einem Infizierten meldet, heißt das noch lange nicht, dass man selbst auch infiziert ist. Mit der Warnung wird man nur aufgefordert, sich mit den Gesundheitsbehörden in Verbindung zu setzen. Das ist aber keine Pflicht. Es steht also jedem frei, zu entscheiden, wie er auf die Meldung reagiert. Prinzipiell darf man trotzdem reisen. Dann geht man natürlich das Risiko ein, im schlimmsten Fall im Ausland krank zu werden und andere anzustecken.

Komme ich wieder nach Deutschland zurück, wenn mein Urlaubsort zum Covid-19-Risikogebiet erklärt oder sogar die Grenze geschlossen wird? Muss ich in Quarantäne bleiben?

Fällt der Rückflug aus, weil im Urlaubsland plötzlich (wieder) Corona ausbricht, kommt es darauf an: Macht man eine Pauschalreise oder hat man den Flug selbst gebucht? Bei Pauschalreisen ist der Veranstalter für den Rücktransport verantwortlich. Bei individuell gebuchten Flügen muss man sich selbst darum kümmern und auf andere Verkehrsmittel ausweichen. Also Fähre, Bahn, Bus oder Mietauto.

Rückholaktionen hat das Auswärtige Amt ausgeschlossen. Es ist aber kaum vorstellbar, dass die Bundesregierung 1.000 Mallorca-Urlauber auf der Insel sitzen lässt, wenn diese plötzlich (wieder) zum Hotspot wird. Zumal die Bundesregierung die Pflicht hat, sich um gestrandete Bürger im Ausland zu kümmern – notfalls per Rückholaktion und auch bei einer weiteren Corona-Welle. Die Rückholaktion ist nicht kostenlos, hier sind die üblichen Flugpreise zu bezahlen!

Nach Deutschland wieder einreisen darf man auf jeden Fall. Möglicherweise muss man allerdings 14 Tage zu Hause in Quarantäne bleiben. Es sei denn, man hat sich höchstens 48 Stunden vor der Einreise einem molekularbiologischen Test (PCR-Test) in einem akkreditierten Labor unterzogen. Damit kann man nachweisen, dass man nicht infiziert ist. Solche PCR-Tests werden derzeit grundsätzlich aus allen Staaten der Europäischen Union akzeptiert.

Was passiert, wenn in meiner Urlaubsunterkunft ein Corona-Fall auftritt?

Das kommt darauf an, ob man mit der Person Kontakt hatte. Falls nicht und solange man keine Symptome hat, besteht kein Grund zur Beunruhigung oder zur überstürzten Heimreise. Eventuell kommt die örtliche Gesundheitsbehörde auf alle Gäste zu und trifft Maßnahmen, Die muss man natürlich befolgen. Falls man das Gefühl hat, dass die Einschränkungen ungerechtfertigt oder unangemessen sind – zum Beispiel eine Quarantäne, die länger als zwei Wochen dauert – kann man sich an die deutsche Botschaft vor Ort wenden.

Was mache ich, wenn ich im Ausland an Corona erkranke? Übernimmt meine Krankenkasse die Kosten für die Behandlung oder den Rücktransport?

Das hängt davon ab, ob Sie sich innerhalb der EU oder in einem Land außerhalb der EU befinden. Sofern Ärzte oder Krankenhäuser des gesetzlichen Gesundheitssystems in EU-Ländern in Anspruch genommen werden, kommt für notwendige Leistungen die deutsche Krankenversicherung auf. Bei privaten Ärzten oder Privatkliniken muss man vor Ort selbst bezahlen und die Belege zu Hause einreichen. Die Kasse erstattet dann den üblichen Satz.

In Nicht-EU-Ländern ist dies schwieriger. Daher empfiehlt es sich auf jeden Fall, eine Auslandsreisekrankenversicherung abzuschließen und Details beim Versicherer nachzufragen. Sie übernimmt die Kosten einer medizinisch notwendigen Behandlung im Ausland, auch für eine Erkrankung an Covid-19. Es sei denn, Pandemien sind im Kleingedruckten in den Versicherungsbedingungen ausgeschlossen!

Wie der Bund der Versicherten mitteilt, wird eine vorzeitige Heimreise nur dann von der Auslandsreisekrankenversicherung bezahlt, wenn der Rücktransport medizinisch notwendig ist. Zum Beispiel, weil im Reiseland die medizinische Versorgung nicht ausreichend ist. Bessere Tarife schließen auch einen medizinisch sinnvollen Rücktransport ein. Aber wenn die Behörden vor Ort eine Quarantäne und ein Reiseverbot verhängen, ist ein Rücktransport erst einmal nicht möglich. Wer nach Deutschland zurück möchte, weil während des Urlaubs eine zweite Welle stattfindet und das Auswärtige Amt wieder eine Reisewarnung ausgesprochen hat, aber nicht krank ist, kann diese Kosten nicht bei seiner Auslandsreisekrankenversicherung aufrufen.

Bringt die Corona-App im Ausland was oder ist es sinnvoll, sich die jeweilige Länder-App runterzuladen?

Die deutsche App funktioniert nur in Deutschland, im Ausland bringt sie also nichts, da die Apps nicht miteinander kompatibel sind. Daran wird gearbeitet, aber im Moment gibt es leider nur Insellösungen.