Das Wichtigste auf einen Blick:
- Beim Girls’ Day und Boys’ Day haben Mädchen und Jungen seit 25 beziehungsweise 15 Jahren die Möglichkeit, für einen Tag in Berufe zu schnuppern, die sonst eher vom jeweils anderen Geschlecht ausgeübt werden.
- Eine externe Studie dazu zeigt: Tage wie diese können Jugendliche bei der Suche nach dem richtigen Job unterstützen. Neun von zehn Teilnehmenden würden den Tag weiterempfehlen.
- Trotzdem ist seit Ende 2012 etwa der Anteil der Frauen in den MINT-Berufen kaum gestiegen. Das Problem ist gerade bei Mädchen die Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten.
Am 23. April 2026 findet der diesjährige Girls’ und Boys’ Day statt
Typisch Mann, typisch Frau? Nein, typisch ich! Damit Geschlechterklischees bei der Berufswahl immer weiter abnahmen, findet er auch dieses Jahr wieder statt: Der Girls’ Day und Boys’ Day. Mädchen und Jungs können in Berufe schnuppern, die sonst eher vom jeweils anderen Geschlecht ausgeübt werden.
Auch viele Industriebetriebe beteiligen sich am Aktionstag, bei dem im Vorjahr rund 175.000 Plätze für Schülerinnen und Schüler angeboten worden waren. Und? Bringt das was?
Das wurde jetzt erstmals extern untersucht, von der Beratungsfirma Prognos. Fazit: Die Girls’ und Boys’ Days können Jugendliche bei der Suche nach dem richtigen Job unterstützen. Neun von zehn Teilnehmenden würden den Tag weiterempfehlen. Die Unternehmen wiederum werden bekannter bei jungen Leuten und finden potenzielle Azubis – das gab immerhin die Hälfte der Firmen und Institutionen an.
Mädchen unterschätzen häufig ihre Fähigkeiten
Kommt dieser positive Effekt auch in der Berufswirklichkeit an? Wenn, dann nur schwach: Seit Ende 2012 ist der Anteil der Frauen in den sogenannten MINT-Berufen kaum gestiegen, von damals 13,8 auf 16,4 Prozent im Juni 2024. Das zeigt eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). „Das heißt natürlich nicht, dass die Aktionstage nichts bringen“, sagt IW-Ökonomin Christina Anger.

„Wir brauchen eine Vorschul- und Schulbildung, die Kinder nicht in Geschlechterrollen steckt“
Christina Anger, Ökonomin am IW Köln
Zentral für die Berufswahl sei allerdings die Selbstwahrnehmung: „Als junger Mensch entscheide ich mich meist für eine Berufsrichtung, wenn ich das Gefühl habe, gut darin zu sein.“ Und da liegt das Problem: Mädchen schätzen ihre Fähigkeiten in Fächern wie Bio, Chemie, Mathe und Physik meist sehr viel schlechter ein, als sie tatsächlich sind. In Mathe sind Jungs im Schnitt besser als Mädchen, bei den Sprachen ist es umgekehrt – das stimmt. Doch bei Physik sind beide gleichauf, in Bio haben die Mädels sogar die Nase vorn. Trotzdem schätzen sich die Mädchen in allen MINT-Fächern schlechter ein. Auch Lehrkräfte und Eltern beurteilen da oft falsch, wie Anger erklärt. „Wir brauchen also nicht nur eine klischeefreie Berufsorientierung. Wir brauchen auch eine Vorschul- und Schulbildung, die Kinder nicht in Geschlechterrollen steckt.“
Das eigene Potenzial erkennen und nutzen
Das soll aber nicht heißen, dass man alle Mädchen von MINT und alle Jungs von sozialen Berufen überzeugen sollte. Es gibt geschlechterspezifische Unterschiede, die keinesfalls schlecht sind. Kein Kind sollte vor seinen eigenen Interessen zurückschrecken, nur weil diese angeblich typisch männlich oder typisch weiblich sind. „Wichtig ist daher auch, dass die Jugendlichen jetzt am Girls’ und Boys’ Day in den Betrieben auf entsprechende Vorbilder stoßen. Das dürfen die Unternehmen gerne im Blick haben.“
Chancengerechtigkeit: Entscheidend ist frühkindliche Bildung
„Chancengerechtigkeit haben wir erst dann erreicht, wenn wir die Voraussetzungen geschaffen haben, dass jedes Kind sein eigenes Potenzial entfalten und das für sich bestmögliche Ergebnis erzielen kann“, erklärt Professor Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt im Gespräch mit aktiv. Um die Chancengleichheit zu verbessern, läuft ab dem Schuljahr 2024/25 das „Startchancen-Programm“: 20 Milliarden Euro extra sollen in den nächsten zehn Jahren an etwa 4.000 Schulen und Berufsschulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schüler fließen.
„Diese Offensive ist wichtig und richtig – und trotzdem setzt sie eigentlich an der falschen Stelle an“, gibt Maaz zu bedenken. „Wir wissen schon lange, dass die Probleme, die im Schulsystem zum Vorschein kommen, nicht dort ihren Ursprung haben.“ Die frühkindliche Bildung sei nämlich ganz entscheidend: In den ersten drei bis sechs Jahren werde der Grundstein gelegt. Übrigens: Bei der Chancengerechtigkeit geht es nicht nur um die frühkindliche und die schulische Bildung – sondern auch um das lebenslange Lernen. „Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es ja jede Menge“, so Maaz, „sie zu nutzen, egal ob beruflich oder privat, das sollte für jeden erstrebenswert sein!“

Nadine Keuthen stürzt sich bei aktiv gerne auf Themen aus der Welt der Wissenschaft und Forschung. Die Begeisterung dafür haben ihr Masterstudium Technik- und Innovationskommunikation und ihre Zeit beim Kinderradio geweckt. Zuvor wurde sie an der Hochschule Macromedia als Journalistin ausgebildet und arbeitete im Lokalfunk und in der Sportberichterstattung. Sobald die Sonne scheint, ist Nadine mit dem Camper unterwegs und schnürt die Wanderschuhe.
Alle Beiträge der Autorin



