Drei von vier Erwachsenen in Deutschland haben große Probleme im Umgang mit Gesundheitsinformationen. Es fällt ihnen schwer, medizinischen Rat zu ihren persönlichen Beschwerden zu finden und Therapievorschläge richtig zu verstehen.
Das zeigt eine repräsentative Studie der TU München. Die Zahl der gesundheitlich „Ahnungslosen“ ist heute sogar um einiges höher als noch 2014. Besonders bei jungen Menschen ist die Gesundheitskompetenz drastisch gesunken! Wie kann das sein – in Zeiten, in denen einem KI-Chatbots jede Frage in Sekundenbruchteilen beantworten?
Wer ängstlich klingt oder weiblich ist, den schickt die KI seltener zum Arzt
Fragen wir doch einfach ChatGPT: Was trägt künstliche Intelligenz eigentlich zur Gesundheitsbildung bei? „KI kann die Gesundheitskompetenz durchaus fördern, birgt aber auch Risiken, die nicht unterschätzt werden dürfen“, antwortet der Bot. Und listet diverse Gefahren auf: KI könne auf keine „qualitätsgesicherten Informationen“ zurückgreifen, gebe die Quellen oft nicht preis. „Und ohne Belege ist kritisches Hinterfragen kaum möglich“, textet ChatGPT.
Studien bestätigen die Vorbehalte. So testete ein Team des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA kürzlich vier KIs mit simulierten Gesundheitsanfragen in unterschiedlichen Sprachstilen. Das Ergebnis: Enthielt die Anfrage Schreibfehler, empfahl die KI häufiger, trotz Krankheitssymptomen nicht zum Arzt zu gehen.
Auch wenn der Text emotional geschrieben war oder Gesundheitsängste mitschwangen, riet sie seltener zum Besuch in der Praxis. Das Gleiche galt, wenn die Anfrage von Frauen kam. Das zeigt ein strukturelles Problem der KI auf: Trainiert werden die Sprachmodelle nämlich mit Daten aus dem Internet – und dort finden sich massenhaft Verzerrungen und üble Geschlechter-Stereotype. Die können sich in Form von Vorurteilen dann auch in die KI-Antworten einschleichen.
Seriöse Gesundheitsinfos im Netz
Wer Symptome oder Diagnosen dennoch online nachschauen möchte, sollte nicht einfach wild im Netz nach Begrifflichkeiten suchen. Denn es gibt durchaus geprüfte Websites, die verlässliche Informationen anbieten. Zum Beispiel diese hier – alle Angebote sind kostenlos, unabhängig und evidenzbasiert.
- gesund.bund.de Das nationale Gesundheitsportal informiert mit über 600 Erklär-Artikeln zu unterschiedlichen Krankheitsbildern. Die Infos sind in fünf Sprachen verfügbar. Außerdem erden hier alle 15.000 ICD-Codes erklärt, die etwa auf Krankschreibungen zu finden sind.
- gesundheitsinformation.de Hier gibt es umfassende Informationen, die vom IQWiG bereitgestellt werden. Dieses unabhängige wissenschaftliche Institut wird aus der gesetzlichen Krankenversicherung finanziert. Informationen gibt es auch in leichter sowie in Gebärdensprache.
- stiftung-gesundheitswissen.de Neben Informationen zu Krankheitsbildern wird hier auch das allgemeine Gesundheitswissen gefördert. Die Initiative wird von den privaten Krankenversicherungen unterstützt und bietet außer den Texten auch einige Erklär-Videos an.
- washabich.de Was hab’ ich? ist ein unabhängiges, gemeinnütziges Unternehmen, das sich für verständliche und individuelle Gesundheitsinformationen für alle einsetzt. Dafür übersetzen Sie medizinische Befunde in verständliche Sprache und bieten zudem Kommunikationskurse für Angestellte im medizinischen Bereich an.
Chatbots und online Recherchen können den Rat des Arztes an vielen Stellen noch nicht ersetzen. Deshalb hat aktiv mal vier Top-Mediziner zu den häufigsten Leiden von Arbeitnehmern befragt.
Ihre gesunden Tipps finden Sie hier.
Kopf und Psyche
Die Expertin: Professorin Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums in Essen und Gründerin der digitalen Gesundheits-App „Headacy“.

Die Fakten: Etwa 54 Millionen Menschen in Deutschland leiden regelmäßig unter Kopfschmerzen. Am häufigsten ist die Migräne: Von ihr sind laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft über 40 Prozent der Frauen und 20 bis 30 Prozent der Männer zwischen 20 und 50 Jahren betroffen.
Was tun, wenn’s wehtut? Spannungskopfschmerzen gehen oft von allein weg. Bei Migräne-Attacken oder heftigem Cluster-Kopfschmerz dagegen sollte man frühzeitig handeln. „Das ist wie im Zug die Notbremse zu ziehen“, sagt Holle-Lee. „Man könnte zwar warten, bis der Zug 300 km/h fährt, aber dann braucht es umso länger, bis er steht.“ Wichtig: Bei ganz neu auftretendem Kopfschmerz sollte ärztlich geprüft werden, ob eine andere Erkrankung dahintersteckt – zum Beispiel eine harmlose Nasen-Nebenhöhlen-Entzündung.
Wie kann ich vorbeugen? „Es gibt eine Veranlagung für Migräne“, erklärt Holle-Lee. „Ob die Attacken dann aber wirklich kommen, hängt auch vom Lebensstil ab.“
Diese Tipps können helfen:
- Routinen: „Regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten beugen Kopfschmerzen vor“, sagt Holle-Lee. „Deshalb gibt es auch die Wochenend- und die Urlaubsmigräne: Die entsteht, wenn man länger als sonst ausschläft.“ Auch bei Schichtarbeit sollte man auf Regelmäßigkeit achten, etwa beim Einhalten von Pausen.
- Reiz-Reduzierung: „Das Migräne-Gehirn ist sehr reizoffen“, so die Neurologin. „Arbeitet man in einer lauten Umgebung, sollte man wenn möglich die Ohren schützen.“ Und in der Pause nicht am Handy daddeln.
- Bewegung: „Die Reizüberflutung führt oft zu einer Entzündungsreaktion“, sagt die Neurologin. „Regelmäßiger Sport – egal welcher – ist ein Faktor, um diese zu beruhigen.“
- Beratung. Mit dem Arzt reden: Es gibt Medikamente, mit denen sich Migräne-Attacken vorbeugen lässt.
Rücken und Nacken
Der Experte: Professor Dietrich Grönemeyer, Radiologe und Gründer des Grönemeyer Instituts für Mikrotherapie in Bochum und anderen Städten.

Die Fakten: Fast ein Drittel der Bevölkerung leidet unter Rückenschmerzen. „80 Prozent dieser Beschwerden gehen auf verspannte Muskeln zurück“, sagt Grönemeyer. Weitere 10 Prozent entstünden durch Blockaden oder Arthrose der kleinen Wirbelgelenke, 7 Prozent durch Erkrankungen. Die berüchtigten Bandscheibenvorfälle seien also nur für 3 Prozent der Schmerzfälle verantwortlich.
Was tun, wenn’s wehtut? „Bewegung ist der Schlüssel für einen gesunden, schmerzfreien Rücken“, sagt der Experte. Bringt die Mobilisierung über längere Zeit nichts, sollte man einen Arzt konsultieren. Er kann eine Diagnose stellen und eine Schmerztherapie beginnen. „Eine OP ist nur dann notwendig, wenn schnell gehandelt werden muss, etwa bei einer drohenden Lähmung.“
Wie kann ich vorbeugen?
- Moderates Krafttraining: Etwa zweimal pro Woche ist optimal. Aber auch einfache Übungen sind wichtig, Rücken und Rumpf stärken. Dabei helfen Videos oder Apps. Auch die Bauchmuskulatur trainieren! Grönemeyer: „Das entlastet den Rücken, stabilisiert die Wirbelsäule und reduziert den Druck auf die Bandscheiben.“ Rückenschwimmen oder Kraulen eignen sich gut dafür.
- Haltung bewahren: „Beginnen Sie den Tag mit sanftem Strecken“, rät der Experte. Nehmen Sie sich die Zeit, kurz in Ihren Körper zu horchen. Werden Sie bewusst wach und gehen Sie mit einer positiven Grundeinstellung in den Tag: Die wirkt sich über den ganzen Tag aus. Stress und Ängste lassen uns in eine gekrümmte Haltung sinken. „Richten Sie sich auf, machen Sie sich bewusst gerade“, rät der Experte. „Und das mehrmals am Tag.“ Das regelmäßige Aufrichten wirkt sich nachweislich positiv auf Befindlichkeit und Selbstwertgefühl aus – und letztlich auch auf die Rücken- und Nackenmuskulatur.
- Die Balance halten: „Bauen Sie leichte Dehn- und Kraftübungen in den Alltag ein“, rät Grönemeyer. Balancieren Sie zum Beispiel beim Telefonieren oder Zähneputzen auf einem Bein. Das trainiert die stabilisierende Mikro-Muskulatur. Treppensteigen wiederum stärkt den unteren Rücken und sorgt für Haltung und Stabilität. Professor Grönemeyer: „Wichtig ist, die Balance zwischen Muskelgruppen, zwischen Körper und Seele sowie zwischen Anspannung und Entspannung zu halten.”
Herz und Kreislauf
Der Experte: Professor Bernhard Schwaab, Chefarzt der Curschmann Klinik in Timmendorfer Strand und Mitglied im Vorstand der Deutschen Herzstiftung.

Die Fakten: Das Herz schlägt täglich bis zu 100.000 Mal. Ein etwa 80-Jähriger kommt so in seinem Leben auf drei Milliarden Schläge. Die größte Gefahr droht dem Organ durch Bluthochdruck. 2022 erlitten fast 540.000 Deutsche einen Herzinfarkt.
Wann wird es kritisch? Liegt der Blutdruck zwischen 80 und 120, ist alles in Ordnung. Steigt der untere Blutdruck-Wert regelmäßig über 90 und der obere auf über 140, sollte man einen Arzt aufsuchen. „Die erste wichtige Maßnahme ist deshalb, regelmäßig den Blutdruck zu messen“, rät Herz-Experte Schwaab. So können Probleme frühzeitig erkannt werden.
Wie kann ich vorbeugen? Unser Herz ist ein Wunderwerk, „kein vom Menschen konstruierter Motor ist zuverlässiger“, spitzt Schwaab es zu. Dafür sollten wir es aber fit halten – da helfen schon diese einfachen Tipps.
- Stress verringern: „Bauen Sie Entspannungsphasen in Ihren Arbeitstag ein“, rät der Experte. Nutzen Sie die Mittagspause für einen Spaziergang, achten Sie auf kurze Auszeiten zwischen langen Besprechungen.
- Rauchen vermeiden. Keine andere Einzelmaßnahme ist so effektiv! Experte Schwaab: „Nicht rauchen halbiert das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko.“
- In Bewegung bleiben: Bewegung ist doppelt effektiv: Sie baut Stresshormone ab und wirkt blutdrucksenkend. Schwaab erklärt: „Durch die Bewegung müssen die Arterien mehr Blut zur Muskulatur befördern. Sie weiten sich dadurch, ihr Querschnitt nimmt zu. Während der Belastung steigt der Blutdruck zunächst. Nach dem Ende der Bewegung bleiben die Gefäße erweitert, Ergebnis: Der Blutdruck sinkt.“ Auch kleine Aktivitäten können helfen. „Arbeiten Sie mal im Sitzen, mal im Stehen, nehmen Sie die Treppe statt den Aufzug in die nächste Etage“, rät der Experte. Bietet Ihr Arbeitgeber eine bewegte Pause an? Dann nehmen Sie daran teil!
- Auf eine gute Ernährung achten: Weniger Zucker, weniger Alkohol, weniger Frittiertes, viele Ballaststoffe – und das schmeckt!
Darm und Magen
Die Expertin: Professorin Birgit Terjung, Chefärztin der GFO Kliniken Bonn und Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.

Die Fakten: Der Verdauungstrakt ist mit etwa acht Meter Länge das größte Organ im Körper und erstreckt sich vom Mund bis zum After. Dazu kommen noch anhängende Verdauungsdrüsen wie Leber, Gallenblase und Bauchspeicheldrüse. „Alles ist eng miteinander verzahnt“, erklärt Terjung. Mittlerweile wisse man von den sogenannten Darm-Achsen, die zum Herzen, zum Hirn und zur Leber führen: „Da findet ein permanenter Informationsaustausch durch verschiedene Botenstoffe statt.“ Das ist auch der Grund, warum Gefühle wie Glück oder Angst sich oftmals sofort im Bauch bemerkbar machen.
Etwa 8,5 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Refluxbeschwerden, etwa 600.000 Menschen haben eine chronisch entzündliche Darmerkrankung wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Insgesamt gehören Magen-Darm-Beschwerden zu den häufigsten Erkrankungen, ebenso wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Neben der Nahrungsverdauung ist der Magen-Darm-Trakt essenziell für unser Immunsystem – er hat nämlich ein eigenes! „Dort werden zum Beispiel Gedächtniszellen programmiert, die sich Krankheitserreger oder unbekömmliche Lebensmittel merken und bei einem erneuten Kontakt die entsprechende Abwehrreaktion auslösen können“, erklärt Terjung.
Im Darm leben außerdem jede Menge Kleinstlebewesen wie etwa Bakterien. „Jeder von uns trägt davon ein bis zwei Kilo mit sich rum“, sagt die Ärztin. „die meisten leben im Dickdarm.“ Durch seine mehrfach gefaltete Struktur – man kann sich das wie einen zusammengeschobenen Vorhang vorstellen – besitzt der Darm eine enorm große Oberfläche: 200 Quadratmeter. „Damit wird die großflächige Aufnahme von Nährstoffen ermöglicht.“
Was tun, wenn’s rumort? Unverträglichkeiten oder Allergien können die Ursache sein. Aber: „Oft liegt es nicht daran, was man gegessen hat – sondern nur daran, dass man gegessen hat!“ So sagt es Terjung. „Der Darm ist von einem eigenen Nervennetz umspannt, das wir nicht aktiv ansteuern können. Finden dort fehlerhafte Signalübertragungen statt, kann sich der Darm in wenigen Sekunden aufblähen.“ Einen Einfluss darauf haben wir kaum. „Viele Patienten machen sich verrückt, weil sie den Grund für ihre Beschwerden suchen, den es meist gar nicht gibt.“ Aber Warnsignale sollte man unbedingt beachten: Dazu gehören beispielsweise Fieber, stärkste Bauchschmerzen, Blutauflagerungen auf dem Stuhl, starke Gewichtsabnahme oder Nachtschweiß.
Wie kann ich vorbeugen? „Die Darmgesundheit ist ausschlaggebend für unser allgemeines Wohlbefinden“, betont die Expertin. Und wir können unserer Magen- und Darmflora sehr wohl etwas Gutes tun – etwa hiermit:
- Bauchgefühl: Unsere Gefühle können auch unsere Darmgesundheit beeinflussen. „Sind wir glücklich, entsteht im Bauch ein Wohlbefinden: Magen und Darm werden gut durchblutet. Stress oder Aufregung bewirken das Gegenteil.“
- Ernährung: Bunt, abwechslungs- und ballaststoffreich sollte die Ernährung sein. Ein Richtwert: fünf Hände voll Obst und Gemüse am Tag! Weniger tierische Fette, lieber eiweißreiche Hülsenfrüchte oder Nüsse. „Dabei können wir uns super an der mediterranen Kost orientieren“, rät Terjung.
- Was eher nicht hilft: „Stuhlanalysen sind meist oberflächig, kosten viel Geld – aber bringen kaum Erkenntnisse“, sagt die Chefärztin. Vorsicht sei bei Saftkuren geboten, die oft als Entgiftungskur angepriesen werden: „In den Säften steckt hauptsächlich Obst und damit sehr viel Fruchtzucker. Das lässt den Blutzuckerspiegel rasant ansteigen und führt auf Dauer schlimmstenfalls zu einer Fettleber.“ Außerdem gehen durch das Auspressen zu Saft die wichtigen Ballaststoffe verloren, besser also: Einfach frisches Obst und Gemüse essen!

Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band.
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Nadine Keuthen stürzt sich bei aktiv gerne auf Themen aus der Welt der Wissenschaft und Forschung. Die Begeisterung dafür haben ihr Masterstudium Technik- und Innovationskommunikation und ihre Zeit beim Kinderradio geweckt. Zuvor wurde sie an der Hochschule Macromedia als Journalistin ausgebildet und arbeitete im Lokalfunk und in der Sportberichterstattung. Sobald die Sonne scheint, ist Nadine mit dem Camper unterwegs und schnürt die Wanderschuhe.
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