Weiterbildung

Zwei Meister drücken die Schulbank


Beispiel Rhein-Erft Akademie: Facharbeiter können Ingenieur werden

Noch Jahrzehnte das Gleiche tun? Jeden Tag bis zur Rente? Darauf haben Ufuk Kockesen (32) und Reza Vali (40) keine Lust.

„Es gibt noch viel zu lernen“, sagt Kockesen. „Ich möchte Anlagen und Prozesse besser verstehen.“ Kollege Vali sieht das ähnlich und hofft auf mehr Aufstiegschancen. Beide drücken deshalb bei der Rhein-Erft Akademie in Knapsack bei Köln neben dem Beruf die Schulbank. Sie studieren Prozesstechnik und wollen den Bachelor machen. Denn Ingenieure sind gesucht.

Dabei haben Kockesen, Sohn türkischer Zuwanderer, und der im Iran geborene Vali längst eine Menge erreicht: Sie sind Be­triebsmeister und tragen Ver­antwortung – Kockesen bei  Evonik Röhm in Wesseling in ei­ner Anlage, Vali beim Standortbetreiber Infraserv Knapsack in Ver- und Entsorgung.

Eine Ausbildung reicht nicht fürs Leben

Doch als die Rhein-Erft Akademie zusammen mit der Fachhochschule Aachen 2007 erstmals einen berufsbegleitenden Studiengang anbot, legten die beiden wieder los. Mit „Lust am Lernen“ und Überzeugung. „Drei Jahre Ausbildung ma­chen und dann 40 Jahre davon leben – das reicht heute nicht mehr“, weiß Vali.

Eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn belegt das: 47 Prozent der dafür befragten 20.000 Arbeitnehmer mussten sich in den letzten zwei Jahren auf neue PC-Programme einstellen, 42 Prozent auf neue Anlagen und Maschinen und 37 Prozent auf neue Technik. Ohne Weiterbildung geht es nicht mehr.

Für die Sozialpartner der Chemie ist die betriebliche Qualifizierung deshalb ein Top-Thema – und Teil des neuen Demografie-Tarifvertrags. Denn viele Be­schäftigte werden bis zum 66. oder 67. Lebensjahr arbeiten. Da ist Hinzulernen gefordert.

Mitarbeiter wie Kockesen und Vali tun das. Und ihre Arbeitgeber unterstützen sie bei den Kosten. Jeden Tag stehen die beiden im Betrieb ihren Mann. Vali: „Wir arbeiten Vollzeit.“ Studiert wird nebenher. An zwei Nachmittagen pro Wo­che sowie samstags sind Vorlesungen: Mathe, Physik, Apparatekunde, EDV, Messtechnik.

Studium hilft bei der Karriere

„Wir sind da zu Zehnt; die Professoren rechnen auch Beispiele aus dem Alltag durch, das ist Klasse“, lobt Vali. „Und wir können sie Tag und Nacht fragen.   Sie   antworten   auf   jede E-Mail“, ergänzt Kockesen.

Ge­paukt wird abends, „wenn die Kinder im Bett sind“. Vor Prüfungen auch an freien oder Urlaubstagen. Klar, dass Frau und Kinder mitziehen müssen. „Sonst geht es nicht“, sagt Vali. „Das sollte man vorher zu Hause durchdiskutieren.“

Sieben Semester dauert das Studium, ein weiteres halbes Jahr benötigt man für die Abschlussarbeit im eigenen Betrieb. Dann hat man den „Bachelor“ in der Tasche und die Chancen bei Bezahlung und Karriere steigen.

„Bei allem Stress, die vier Jahre verfliegen im Nu“, erzählt Kockesen. Erst recht, wenn die Tochter fragt: „Papa, gehst du nun zur Arbeit oder zur Schule?“ Dann macht es „riesig Spaß“. Der Familienvater lacht. Oder wenn man mit den Kindern bei den Noten wetteifern kann. Sein Fazit: „Ich würde es jederzeit wieder tun.“

 

Info: Rhein-Erft Akademie GmbH

Die Rhein-Erft Akademie gehört zum Standortbetreiber Infraserv Knapsack und ist der Aus- und Weiterbildungsbetrieb des Industrieparks bei Köln. Zurzeit lernen hier 300 Auszubildende ihren Beruf. Etwa 300 Facharbeiter – auch von Nachbar-Standorten – machen einen Meisterkurs und 23 einen Techniker-Kurs. 45 Arbeitnehmer absolvieren ein Bachelor-Studium (Prozesstechnik, Industriemanager).

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