Hohe Zinsen? Vertrag checken!

Wie man aus teuren Baukrediten kommt – und viel Geld sparen kann

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Berlin. Er ist in aller Munde, der sogenannte Widerrufs-Joker. Es geht darum, dass die Banken bei vielen Immobilienkrediten keine korrekte Widerrufsbelehrung vorgelegt haben. Das bedeutet, dass man sogar einen uralten Vertrag auch jetzt noch widerrufen kann und dann das gesamte Geschäft rückabgewickelt werden muss. Für betroffene Kunden kann dieser Fehler der Banken eine super Sache sein, die richtig viel Geld bringt. Doch die Materie ist kompliziert, blinder Aktionismus schadet! Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema:

Was bringt es mir, wenn ein Vertrag nicht korrekt ist?

Man kommt sofort aus einem laufenden Vertrag heraus und kann die Immobilie woanders günstiger finanzieren. Das spart oft sehr viel Geld. Außerdem muss die Bank die Zinsen herausgeben, die sie selbst mit den bereits zurückgezahlten Kreditraten verdient hat. Wer eine Vorfälligkeitsentschädigung gezahlt hat, bekommt sein Geld zurück. Das Gleiche gilt für Kunden, die eine sogenannte Nichtabnahmeentschädigung bei einem Forward-Darlehen gezahlt haben.

Wie viele Verträge sind betroffen?

Die Verbraucherzentralen von Hamburg, Bremen und Sachsen haben insgesamt fast 10.000 Kreditverträge überprüft. Dabei waren rund 80 Prozent der Widerrufsbelehrungen nicht in Ordnung.

Welche Banken sind betroffen?

Das kann man so nicht sagen. Die Verbraucherschützer fanden bei den meisten Banken sowohl korrekte als auch fehlerhafte Widerrufsbelehrungen. Es kommt also auf den einzelnen Vertrag an, nicht auf die Bank.

Wie alt dürfen die Verträge sein?

Das Widerrufsrecht für Immobilienkredite wurde im November 2002 eingeführt. Alle Verträge, die danach abgeschlossen wurden, können nach Angaben von Stiftung Warentest und den Verbraucherzentralen betroffen sein.

Wie finde ich heraus, ob mein Vertrag okay ist oder nicht?

Bei der Widerrufsbelehrung kommt es auf die Details an. Ob sie fehlerfrei ist, kann nur der erfahrene (!) Fachmann entscheiden. Viele Verbraucherzentralen prüfen die Verträge gegen eine pauschale Gebühr von circa 70 Euro, die Unterlagen kann man schriftlich oder online einreichen, etwa bei der Verbraucherzentrale Hamburg: vzhh.de

Die Prüfung dauert momentan aufgrund des großen Andrangs allerdings rund 14 Wochen. Alternativ kann man sich an einen entsprechend spezialisierten, erfahrenen Anwalt wenden.

Wann lohnt sich der ganze Aufwand?

Grundsätzlich lohnt sich die Überprüfung des Vertrags immer dann, wenn man entweder eine Vorfälligkeitsentschädigung bezahlt hat oder wenn man für seine laufende Baufinanzierung höhere Zinsen zahlt, als sie aktuell verlangt werden. Da die Zinsen in den letzten Jahren fast permanent gesunken sind, ist das sehr häufig der Fall. Hat man aber sowieso schon supergünstig abgeschlossen und bekommt den Kredit jetzt auch nicht billiger, lohnt sich die Sache nicht.

Wie viel Geld kann ich durch einen neuen Kredit sparen?

Stiftung Warentest spricht von vielen Tausend Euro, teilweise von fünfstelligen Beträgen. Aber wie immer hängt es auch hier vom Einzelfall ab. Faustregel: Man spart um so mehr, je höher die vereinbarten Zinsen im Vergleich zu heute sind, je höher die noch offene Kreditsumme und je länger die Restlaufzeit des Vertrags ist. Hier sollte man wissen, dass man nach zehn Jahren sowieso immer seinen Immobilienkredit kündigen kann. Es geht also nicht um die gesamte Restlaufzeit des Vertrags, sondern nur um die Zeit bis zum zehnten Vertragsjahr.

Dazu ein Beispiel: Wer vor drei Jahren eine zehnjährige Finanzierung zu 4 Prozent abgeschlossen hat, und jetzt für 2 Prozent neu finanzieren kann, spart für die nächsten sieben Jahre rund die Hälfte an Zinsen. Bei einer Restschuld von 180.000 Euro macht das natürlich mehr aus als bei einer Restschuld von 30.000 Euro.

Wer aber schon vor neun Jahren für 4 Prozent abgeschlossen hat, kommt sowieso nächstes Jahr aus dem Vertrag heraus, egal ob die Widerrufsbelehrung korrekt war oder nicht. Hier sollte man genau durchrechnen, ob die mögliche Ersparnis noch in einem sinnvollen Verhältnis zum Aufwand steht. Einen (allerdings ziemlich aufwendigen) Rechner gibt es unter: test.de

Wenn mein Vertrag betroffen ist, soll ich dann den Widerrufs-Joker ziehen?

Bei laufenden Krediten raten die Verbraucherschützer zur Besonnenheit. Wenn die Bank den Widerruf akzeptiert, muss man nämlich die gesamte Restschuld innerhalb von 30 Tagen zurückzahlen. Schafft man das nicht, droht die Zwangsversteigerung. Man braucht also auf jeden Fall vorher die Zusage für einen neuen Kredit (oder die entsprechende Summe auf dem Konto, etwa nach einer Erbschaft). Falls die Bank den Widerruf nicht akzeptiert, braucht man einen Anwalt. Wer seine zu Unrecht gezahlte Vorfälligkeitsentschädigung zurückhaben will, trägt natürlich ein geringeres Risiko, weil die Bank keinen Zugriff auf das Haus hat. In beiden Fällen kann man aber viel falsch manchen! Wer sich nicht 150 Prozent sicher ist, sollte sich besser vorher über das weitere Vorgehen beraten lassen (Anwalt, Verbraucherschützer).

Musterbriefe zum Kreditwiderruf gibt es zum Download unter: test.de

Soll ich nicht erst versuchen, die Sache gütlich zu regeln?

Hier raten die Verbraucherschützer eher ab. Sobald man mit der Bank in Kontakt tritt, hat sie dadurch ja einen Nachweis, dass der Kunde sein Widerrufsrecht definitiv kennt. Wenn danach zu viel Zeit vergeht, bis man die weiteren Schritte einleitet, kann man sein Widerrufsrecht dadurch eventuell „verwirken“, also verlieren. Hier ist die Rechtsprechung aber sehr uneinheitlich, also besser Vorsicht!

Wie reagieren die Banken?

Die bisherigen Erfahrungen der Verbraucherschützer sind durchwachsen. Manchmal bieten die Banken dem Kunden an, den Zins auf das heute übliche Niveau abzusenken. Oft weigern sich die Kreditinstitute aber auch und behaupten, alles sei korrekt gelaufen – wegen der vielen betroffenen Verträge geht es für die Banken um sehr, sehr viel Geld. Stiftung Warentest empfiehlt, sich auf einen Rechtsstreit einzustellen. Gewinnt man, muss die Bank alle Kosten übernehmen, verliert man, bleibt man auf den Kosten sitzen. Gegebenenfalls sollte man vorher überprüfen, ob die Angelegenheit von der Rechtschutzversicherung abgedeckt ist.


Mehr zum Thema:

Normalerweise ist er die größte Anschaffung des Lebens: der Kauf einer eigenen Immobilie. Es gilt also, sich vor dem Gang zum Notar so gut wie nur irgend möglich zu informieren – sowohl, was das Objekt selbst und seine Lage betrifft, als auch über die Baufinanzierung.

aktualisiert am 27.09.2017

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