Jetzt purzeln die Fahrpreise

Starke Konkurrenz für die Bahn: Die Fernbusse kommen auf Touren


Köln. Noch ist alles provisorisch – da muss sich Helga Hendler erst mal schlaumachen, wo die Fahrt überhaupt losgeht. „Mein Sohn hat das Ticket im Internet gekauft“, sagt die 79-jährige Rentnerin auf dem wuseligen Breslauer Platz hinter dem Kölner Hauptbahnhof. Ganz cool checkt sie an einem der beiden Schalter die Bussteig-Nummer. „Er wohnt in der Nähe von Freiburg“, erzählt sie. „Bisher bin ich die Strecke immer mit dem Zug gefahren. Aber heute fahre ich Bus.“

Und nicht nur sie. Gut neun Monate nach dem Ende des Bahn-Monopols im öffentlichen Fernverkehr kommt der Reisebus auf Touren – als noch umweltfreundlichere und zudem viel billigere Alternative. „Für 46 Euro komme ich hin und zurück“, berichtet die rüstige Rentnerin. „Das ist doch ein Superpreis!“

Für 16 Euro von Hamburg nach Berlin

Inzwischen machen rund 50 Busreisen-Anbieter dem Fernzug Konkurrenz – unter allerlei bunten Labels wie „MeinFernbus“, „Flixbus“, „city2city“ oder „Deinbus.de“. Die Deutsche Bahn mischt mit, ab Oktober auch die Deutsche Post gemeinsam mit dem ADAC. Das sorgt für Schub: ein riesiges Filialnetz für den Ticketverkauf gepaart mit rund 18,8 Millionen Autoclub-Mitgliedern!

„10 Prozent Marktanteil“ sind für die Reisebusse mittlerweile eine realistische Perspektive, sagt Christoph Gipp, Bereichsleiter Mobilität beim Berliner Wirtschaftsforschungsinstitut Iges. „Auf wichtigen Hauptstrecken wie Köln-Frankfurt können sie sogar 25 Prozent erreichen.“ Nach einer aktuellen Auswertung, veröffentlicht Ende August, kommt das Institut auf 3.590 Fahrten pro Woche im deutschen Buslinienverkehr.

Wer glaubt, die neue Reisefreiheit werde nur von Ököfreaks und Langzeitstudenten genutzt, sieht sich von Passagieren wie Helga Hendler eines Besseren belehrt. „Die Rhein-Strecke nach Freiburg kenne ich auswendig“, sagt sie, „jetzt will ich mal was anderes sehen.“ Der Kunde ist nun auf der Fernstrecke König. Wer etwa freitags von Hamburg nach Berlin will, hat die Wahl zwischen 22 Bussen – für 16 bis 27 Euro pro Fahrt. Mit dem ICE sind es regulär 76 Euro. Allerdings braucht der Bus mindestens zweidreiviertel Stunden, eine Stunde länger als die Bahn.

Bis zum Neujahrstag 2013 war dieser Wettbewerb in Deutschland verboten. Das lag an einem absurden Relikt aus den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts: „Die Genehmigung ist zu versagen“, hieß es in Paragraf 13 des Personenbeförderungsgesetzes, wenn ein Fernbus „ohne eine wesentliche Verbesserung der Verkehrsbedienung Verkehrsaufgaben wahrnehmen soll, die Eisenbahnen bereits wahrnehmen“.

Im Klartext hieß das: keine Chance für den Wettbewerb. Doch dann rang sich die Regierung dazu durch, einen lapidaren Satz hinzuzufügen. Diese Vorschrift „gilt nicht für den Personenfernverkehr“. Ein Lehrstück dafür, wie man ganz ohne Steuergeld politisch sehr viel bewegen kann.

Der Wettbewerb wird die Bahn zu Niedrigpreisaktionen zwingen – und es wird kein Nullsummenspiel. Das zeigt die Erfahrung mit dem Boom der Billigflieger: Von 2004 bis 2012 kletterte die Zahl der Fluggäste bundesweit von 136 auf 179 Millionen – und die Zahl der IC- und ICE-Passagiere ging nicht zurück, sie stieg von 116 auf 131 Millionen.

Es hapert noch an der Infrastruktur

Mehr Wettbewerb, niedrigere Preise, höhere Nachfrage – so kurbelt Marktöffnung die Wirtschaft an. Das zeigte sich schon beim Telefon: Bevor die Politik 1998 den Markt für Festnetzgespräche öffnete, kostete ein Telefonat in die Nachbarschaft noch 4,1 Cent pro Minute, bei innerdeutschen Ferngesprächen bis zu 32 Cent. Seitdem sind die Preise gepurzelt und die Qualität hat sich enorm verbessert. Man darf gespannt sein, wohin jetzt die Reise im Fernverkehr geht. Schnelles Internet, Entertainment, leckere Snacks, Liegesitze – die Anbieter werden schon herausfinden, wie man die Busreisenden über die zusätzliche Stunde Fahrzeit hinwegtrösten kann.

Emilio Röder und Fabio Frattesi aus Essen jedenfalls können heute nur Gutes berichten. „Das war eine bequeme Fahrt“, bekunden die beiden 17-jährigen Schüler, als sie in Köln aus dem Fernbus steigen. „Unsere erste Tour – und bestimmt nicht die letzte.“

Noch liegt freilich beim Drumherum einiges im Argen. Es mangelt an leicht erreichbaren Haltepunkten, und so mancher Busbahnhof dürfte bisher eher abschrecken. Propere Wartehäuschen? Elektronische Abfahrtstafeln? Sucht man vielerorts vergebens.

Eine Frau will von Köln nach Frankfurt und sieht erst im letzten Moment, dass der Bus am anderen Ende des Breslauer Platzes eingefahren ist. Ups! Beinahe hätte sie ihn verspasst!

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