Glücksspiel in der Grauzone

Sportwetten: Warum die Tipperei eigentlich illegal ist

Köln/Erding. Das Spiel ist elf Minuten jung, da brodelt schon das Blut. „Alter, ey Alter“, brüllt die Gruppe junger Männer durcheinander, „was das, Alter, klarer Elfer, Alter.“ Auf dem Feld hat der Keeper Sekunden zuvor einen scharfen Ball nur nach vorn abwehren können. Der Stürmer setzt nach – und kommt zu Fall. Deshalb: „Alter!“

Fans halt, könnte man denken. Bloß: Wir sind hier gerade nicht in der Stadionkurve. Sondern im Ladenlokal eines privaten Sportwetten-Anbieters in der Kölner Innenstadt. Verspiegelte Eingangstür, dahinter sechs Tische im wohnzimmergroßen Raum. Zwei Dutzend Monitore flimmern, Fußball und Tennis, dazu Live-Daten von Sport-Events in aller Welt.

Es ist voll: Gut 30 Zocker hoffen aufs schnelle Geld. Ständig geben sie Wettscheine am Tresen ab, gezahlt wird bar. Alle wetten sie aufs Top-Spiel des Abends, fast alle setzen auf den Favoriten. Und dann kriegt eben der diesen Elfer nicht. Also noch mal „Ey Alter!“

Bundesländer und Wettbüros streiten um 20 Wett-Konzessionen

Gereizte Stimmung – irgendwie ist das bezeichnend für den deutschen Sportwettenmarkt. Der nämlich gibt derzeit ein zweifelhaftes Bild ab. Zwar kann man längst an gefühlt jeder zweiten Straßenecke auf Sportresultate wetten, im Internet sowieso. 5 Milliarden Euro, schätzen Insider, setzten private Konzerne wie Tipico oder Bwin 2015 in Deutschland um. Nur: Eigentlich gilt hierzulande das staatliche Glücksspielmonopol. Private Wettbüros dürfte es also gar nicht geben. Darum ist die ganze Zockerei streng genommen – illegal! Was aber, siehe Straßenecke, offensichtlich niemanden stört. Da fragt man sich doch: Wie kann das sein?

Wolfgang Feldner, Chef des Instituts für Sportwetten und Glücksspiele an der Hochschule für angewandtes Management im bayerischen Erding, seufzt da ins Telefon: „Der Markt bewegt sich in einem rechtlich luftleeren Raum.“

Feldner gilt weltweit als Top-Experte, er schuf für die Fifa ein Frühwarnsystem gegen Wettmanipulation. Aber angesichts dieses Chaos klingt selbst er gefrustet. „Es sind alle Regeln ausgehebelt.“

Was man wissen muss: Seit Jahren fordert die EU-Kommission die Öffnung des deutschen Sportwettenmarkts. Bislang konnten sich Bundesländer und Wettfirmen nicht einigen. Erst sollte es 20 Lizenzen geben. Jetzt wollen die Länder wohl 40 Konzessionen vorschlagen. Doch Luca Andric, Geschäftsführer der Anbieter-Lobby Deutscher Sportwettenverband in Berlin, winkt gegenüber AKTIV bereits ab: „Die Begrenzung auf 40 Lizenzen ist genauso willkürlich.“

Derzeit agieren alle 85 in Deutschland offiziell aktiven Firmen deshalb mit ausländischen Konzessionen, beispielsweise aus Malta. Und damit in einer Grauzone. Trotzdem unterhalten sie bundesweit 4.500 Wettlokale! Experte Feldner: „Hier werden schlicht Fakten geschaffen.“

Bizarr: Als Steuerzahler sind die Wettbüros aber offensichtlich willkommen. Eine Viertelmilliarde Euro spülte die 5-prozentige Wettsteuer 2015 in die öffentlichen Kassen. Der Staat profitiert also von etwas, was er eigentlich verbietet.

Goldesel Lotto soll geschützt werden

Ein bisschen zumindest: Nicht wenige Wettbuden gelten bei Branchenkennern als höchst bedenklich. Ob halb gare Hinterhof-Klitschen wirklich Steuern abführen oder für ausreichenden Spielerschutz und Suchtprävention sorgen, darf man leise bezweifeln.

Noch bizarrer: Es scheint, als hätten die Beteiligten gar nicht das ganz große Interesse an einer Einigung. Weil sie ganz gut mit dem Status quo leben können, argumentiert Feldner. „Der Staat führt bei den Sportwetten einen Stellvertreterkrieg, um den Goldesel Lotto so lange wie möglich vor privaten Wettbewerbern zu schützen.“ Und die Wettfirmen nützten ihrerseits den Schwebezustand, um neben Sportwetten Casinospielchen und andere Hopp-oder-Top-Zockereien anbieten zu können.

„Alter!“ Im Kölner Wettbüro läuft die Schlussphase des Top-Spiels. Die Laune hier ist so mies wie die Luft: Verlängerung droht. Für die Wetter, von denen manche 500 Euro und mehr auf den hohen Favoriten gesetzt haben, ein GAU: Für ihre Wetten zählt nur die reguläre Spielzeit. Hinter dem Tresen sortiert ein üppig tätowierter Muskelberg die Wettscheine. Er grinst.


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