Spiel mir das Lied vom Kino-Tod


Killt das Web nach der Musik jetzt die nächste Branche?

Leipzig. Das Duell schien entschieden, Recht und Gesetz wiederhergestellt: Mitte Juni nahmen Kripo-Fahnder die Internetseite Kino.to, das deutsche Portal für Spielfilm-Raubkopien, vom Netz. Und verhafteten in Leipzig den mutmaßlichen Boss der Betreiber. Die Film-Industrie feierte den Coup als „Schlag gegen die Filmpiraterie“.

Tja, zu früh gefreut: Seit ein paar Tagen ist die Seite wieder da! Aus Kino.to wurde über Nacht Kinox.to, gleiche Aufmachung, mit Weblinks zu über 30.000 Streifen im Angebot. Online hinterließen die Film-Banditen sogar eine höhnische Botschaft: „Liebe FilmIndustrie, glaubt ihr wirklich, ihr könnt uns stoppen, nur weil ihr haufenweise Geld habt?“ Und der finale Satz der Netz-Nachricht erinnert endgültig an das Shoot-Out eines Italo-Westerns: „Legenden schlafen vielleicht, aber sie sterben nie.“ Peng!

Das Gezerre um das Streaming-Portal mag man bizarr finden. Eigentlich aber zeigt es vor allem eines: Wie weiland schon die Platten-Industrie muss nun die Filmbranche zusehen, wie ihr gewohntes Geschäftsmodell zerbröselt.

Vier Millionen Zugriffe täglich

Neue Filme zuerst ins Kino zu bringen, nach einer Schamfrist auf DVD zu vermarkten, um sie nach Jahren im TV wiederzukäuen – im Zeitalter des schnellen Internets scheint das nicht mehr zu funktionieren. Weil sich immer mehr Film-Fans offensichtlich sagen: Wozu Kino, wenn es Topfilme auch online gibt – illegal zwar, aber dafür kostenlos. Laut der im Fall Kino.to ermittelnden Dresdner Staatsanwaltschaft verzeichnete die Website kurz vor ihrer Stilllegung täglich rund vier Millionen Seitenzugriffe – allein aus Deutschland! Geschätzter Schaden für die Branche: jährlich Hunderte Millionen Euro.

Erstes Opfer der neuen Konsumkultur sind die Kinos. Laut Filmförderungsanstalt (FFA) in Berlin verkauften die Kinos letztes Jahr nur noch 127 Millionen Karten. Vor zehn Jahren, in der Prä-DSL-Ära, lösten Filmfans noch 178 Millionen Tickets. Folge des Aderlasses ist ein Kinosterben: Laut FFA ist die Zahl der Leinwände 2010 zum fünften Mal in Folge gesunken.

Wie heftig das Internet an den Säulen der Film-Industrie rüttelt, zeigt auch ein Blick auf den bislang so starken Heimkinomarkt. Von Januar bis März 2011 wurden hierzulande zum ersten Mal  überhaupt weniger Film-DVDs verkauft als im Vorjahreszeitraum. Legenden sterben nie? Man frage mal nach bei der Musik-Industrie ...

 

Info: Legal, illegal, alles egal?

Ist das Filmegucken im Netz nun legal oder nicht? Der Kölner Medienanwalt Christian Solmecke zumindest hält den Konsum von Streams für nicht rechtswidrig. „Das gilt jedenfalls dann, wenn keine Kopie des Streams auf dem eigenen Rechner hergestellt wird.“ Die Film-Industrie dagegen wertet auch das Zwischenspeichern eines Films im flüchtigen Speicher eines PCs (RAM) als illegale Kopie. Abmahnungen sind daher derzeit nicht ausgeschlossen.

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