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Schneller schuldenfrei: Das bringen die neuen Regeln für Privatinsolvenz

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Es kann jeden treffen: Sieben Millionen Menschen in Deutschland sind überschuldet. Sie kommen mit ihrem Geld nicht mehr klar. Nicht nur Promis, die über ihre Verhältnisse leben, machen pleite: Arbeitslosigkeit, Scheidung sowie Krankheit und Unfälle sind die häufigsten Gründe für den Absturz der eigenen Finanzen. Etwa 90.000 Schuldner stehen so tief in der Kreide, dass eine Privatinsolvenz der letzte Ausweg ist. Das ist eine Art persönlicher Bankrott-Erklärung vor Gericht. Wer durchhält, ist am Ende seine Schulden los.

Schneller raus aus den Schulden

Sechs Jahre lang mussten Schuldner in dem Verfahren bisher möglichst viel von ihren Rückständen an ihre Gläubiger abstottern. Dann wurde ihnen die Restschuld erlassen. Doch jetzt haben sie schon früher die Chance auf einen Neuanfang: Seit 1. Juli können Betroffene die übrig gebliebenen Schulden bereits nach drei Jahren erlassen werden. Voraussetzung ist aber, dass sie in der Zeit mindestens 35 Prozent der Forderungen plus die Kosten für Gerichtsverfahren und Insolvenzverwalter begleichen.

„Eine hohe Hürde“, findet das Bundesministerium für Verbraucherschutz. Denn allein die Vergütung für den Insolvenzverwalter beträgt 40 Prozent der eingezogenen Forderungen bis zu einer Höhe von 25.000 Euro – maximal also 10.000 Euro.

Eine andere Möglichkeit: Wer zumindest die Verfahrenskosten zahlt, braucht fünf Jahre, bis er raus ist aus den Schulden. Nicht erlassen werden Geldbußen und Schulden aus vorsätzlich begangenen Straftaten, zum Beispiel Schmerzensgeld.

Eisern sparen und Einkommen offenlegen

Das Verfahren zur Verbraucherinsolvenz funktioniert in vier Schritten. Nur wer die vierte Stufe erreicht, dem winkt der Schuldenerlass. Ein Schuldner muss zunächst all seine Schulden auflisten und sein Einkommen offenlegen. Sobald das Verfahren läuft, heißt es eisern sparen. Der Betroffene muss mit seinem Geld auskommen und darf auch keine neuen Schulden mehr machen.

Versuch zur Einigung mit den Gläubigern

Voraussetzung für den Antrag ist zudem, dass vorab versucht wird, mit allen Gläubigern eine außergerichtliche Lösung zu finden (Schritt eins). Dabei kann eine Schuldnerberatungsstelle helfen, von denen es rund 1.000 in Deutschland gibt (eine Liste und Informationen auf der Seite der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung in Kassel – oder ein Fachanwalt. Am besten einer mit Beratungshilfeschein, so der Tipp der Schuldnerberatung Hessen. Kommt es zu keiner Einigung, kann der Schuldner einen Antrag auf Privatinsolvenz beim zuständigen Gericht stellen. Beim Ausfüllen des Vordrucks sollte man sich ebenfalls von der Beratungsstelle oder einem Anwalt helfen lassen.

Das Gericht entscheidet dann, ob ein zweiter Anlauf für eine Einigung unternommen wird (Schritt zwei), etwa wenn der erste Versuch nur knapp gescheitert ist. Ist dieser sogenannte gerichtlich unterstützte Schuldenbereinigungsplan aussichtslos oder scheitert er ebenfalls, eröffnet das Gericht das eigentliche Insolvenzverfahren (Schritt drei). Dazu setzt es einen Insolvenzverwalter ein. Der listet peinlich genau die Forderungen der Gläubiger auf und zieht daraufhin das pfändbare Vermögen und Einkommen des Schuldners ein. Davon werden erst die Verfahrenskosten bezahlt und dann die Gläubiger so weit wie möglich bedient. Ein alleinstehender Schuldner ohne Unterhaltspflicht darf von seinem monatlichen Einkommen knapp 1.050 Euro behalten (Ehepaare das Doppelte).

Wer erbt, muss die Hälfte abgeben

Schon aus eigenem Interesse sollte man dem Verwalter mitteilen, ob man noch etwas Wertvolles besitzt, rät die Schuldnerberatung Hessen. Zum Beispiel ein teures Auto, das dann gegebenenfalls gegen ein günstigeres ausgetauscht wird, eine Lebensversicherung oder ein Grundstück, das sich zu Geld machen lässt.

Wer nicht ehrlich ist, riskiert, dass er auf seinen Schulden sitzen bleibt. Denn der Verwalter checkt die Angaben genau. „Stößt er auf Einkommen oder Vermögenswerte, die im Antrag bewusst verschwiegen wurden, droht das Verfahren zu scheitern“, so die Berater. Auch wer etwas erbt, muss die Hälfte davon zum Abstottern der Schulden an den Insolvenzverwalter abgeben – oder kann das Erbe ausschlagen. Jede familiäre oder finanzielle Veränderung, auch einen Wechsel von Arbeitsplatz- oder Wohnung, muss der Schuldner melden.

Schritt vier ist der längste: Die sogenannte „Wohlverhaltsphase“, nachdem vor Gericht alles geregelt worden ist. Durchhalten lohnt sich: Nach Ende dieser jetzt von sechs auf drei Jahre verkürzten Zeit, kann das Gericht den Antragsteller von der Restschuld befreien. Den ersehnten Erlass können die Richter aber verweigern, wenn der Schuldner in den letzten drei Jahren vor Antragstellung einen Kredit oder öffentliche Leistungen beantragt und dabei grob fahrlässig falsche Angaben gemacht hat. Oder wenn er in dieser Zeit Vermögen verschwendet und neue Schulden gemacht hat.

Im Schnitt 33.000 Euro Schulden

Im Schnitt haben private Schuldner bei einer Privatinsolvenz rund 33.000 Euro Schulden angehäuft, so das Statistische Bundesamt. In der Gruppe der unter 25-Jährigen sind es 7.450 Euro. Teure Handys und Mobilfunkverträge sind die häufigsten Fallstricke für die unter 25-Jährigen. Bei einem Fünftel dieser Altersgruppe wird die Privatinsolvenz durch unbezahlte Rechnungen von Telekommunikations-Anbietern ausgelöst.

Weitere Informationen zur Privatinsolvenz gibt die Zentrale Schuldnerberatung in Bonn:
schuldnerberatung-bonn.de

Weil sich viele Menschen schämen, offen über Geldprobleme zu reden, gibt es in vielen Städten zudem Selbsthilfegruppen nach dem Vorbild der anonymen Alkoholiker:
anonyme-insolvenzler.de


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