Ein bisschen Frieden …

Schlagermusik: Wo die neue Sehnsucht nach Heimat überall zu Geld gemacht wird


Köln. Haaaaaach, ist das traurig! Der Mann liebt eine andere. Bald ist er weg, aber Gott sei Dank nicht im wahren Leben, sondern nur in einem Lied. Es heißt „Denn die Tränen“ – gesungen von Nadine Prinz (31), gelernte Fleischerei-Fachverkäuferin aus dem westfälischen Städtchen Gronau.

Auf Internet-Radiosendern ist sie schon allgegenwärtig, und zu sehen ist sie auf diversen Veranstaltungen. Aber jetzt will sie professionell einsteigen. Ins Schlagergeschäft – eine höchst lukrative Welt, die gerade einen erstaunlichen Imagewandel durchlebt.

Vorbei die Zeiten, als man die seichten Melodien eher im stillen Kämmerlein hörte. Kaum ein Möbelhaus wird eröffnet, in dem nicht vor großem Publikum ein Schlager- oder Volksmusik-Sternchen auftritt. Und es steigt kaum eine Abi-Party, auf der nicht alle am Ende zu Rex Gildos „Hossa“ und Udo Jürgens „Griechischer Wein“ tanzen.

„Es ist plötzlich nicht mehr peinlich, Schlager und Volksmusik zu hören“, sagt Martin Lücke, Professor für Musikmanagament an der Hochschule für Medien und Kommunikation in München.

Die Lieder über die schöne heile Welt seien massentauglich, erklärt der Experte. Sie würden von immer mehr jüngeren Leuten gehört. Und das komme nicht von ungefähr: „In einer komplexeren und globalisierten Welt wie heute sehnt man sich eben nach dem Einfachen, auch nach einem Stück Heimat.“

Vielleicht hat die große Wirtschaftskrise ab 2008 doch mehr Spuren hinterlassen, trotz der inzwischen wieder soliden Konjunkturzahlen? „Am Feierabend, nach einem Arbeitstag am Fließband oder an der Kasse, wollen die Leute keine komplexe, anstrengende Musik hören“, so Lücke. „Sie brauchen offenbar etwas Eingängiges.“

Dabei definiert er den Begriff umfassend: „Ein Schlager ist ein einfaches, kommerziell erfolgreiches Stimmungs- und Unterhaltungslied.“ Dazu zählen die Produktionen der Branchenriesen Andrea Berg, Helene Fischer und Florian Silber­eisen genauso wie so manch harmloses Mittanzlied von Herbert Grönemeyer und der Deutschpop-Gruppe Marquess.

Oder auch des 1996 verstorbenen Agitrockers Rio Reiser – der sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, wie seine Lieder heute das alkoholisierte Massenpublikum auf Mallorca und beim Après-Ski in St. Anton zum Gröhlen bringen.

Und zum Bezahlen. Denn mit den Herzschmerz-Melodien wird an allen Ecken und Enden Geld verdient.

Dabei sind die 90 Millionen Euro für Plattenverkäufe und Downloads, die der Bundesverband der Musikindustrie für Schlager- und Volksmusik ausweist, nur der Auftakt. „Der Umsatz ist in Wahrheit viel höher“, sagt Lücke. „Denn viele Sänger wie DJ Ötzi oder Udo Jürgens werden in der Statistik zum Pop gerechnet.“ Der kommt insgesamt auf rund 600 Millionen Euro Umsatz.

Weitere 130 Millionen Euro spülen Konzerte in die Kassen, so der Bundesverband für Veranstaltungswirtschaft. Hinzu kommen Gagen, Merchandising-Artikel, Fernsehauftritte. Selbst wer seine Freizeit nicht auf Schützenfesten, in Bierzelten, Aprés-Skihütten und in Dorfdissen verbringt, kann sich dieser Welt nur schwer entziehen.

Helene Fischer bekommt zur besten Sendezeit den besten Sendeplatz: 20.15 Uhr im Ersten. Und 5,4 Millionen Menschen schalten ein.

Wenn sich das Traumpaar der Volksmusik trennt, also Stefan Mross und Stefanie Hertel, titelt damit die „Bild“-Zeitung. Und der „Spiegel“ enthüllt, dass Handball-Nationaltorwart Silvio Heinevetter ein Fan von Andrea Berg ist. Zum Open-Air-Spektakel „Schlagermove“ in Hamburg pilgert jährlich eine halbe Million. Dann gibt es in der Stadt kaum noch ein freies Zimmer, die Gastronomie freut sich über 20  Prozent Umsatzsteigerung. Köln feiert „Hüttengaudi“, auch wenn der nächste ernst zu nehmende Berg der Kahle Asten im Sauerland ist.

Und dann ist da noch Heino. Der 74-Jährige hat gerade ein Album herausgebracht, singt Lieder etwa von Rammstein und den Ärzten.
Die neue Heimat-Sehnsucht zeigt sich übrigens nicht nur beim Schlager.

Auch in den Nürnberger Würstchen bei McDonalds, in der Millionenauflage des Magazins „Landlust“ und in der „verstärkten Nachfrage nach Trachtenmode“, die der Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels erlebt. Das Idylle-Feeling ist omnipräsent.

Newcomerin Nadine Prinz wäre gern ein Teil davon: „Seit ich das erste Mal vor großem Publikum stand, will ich nichts anderes.“ Immerhin hat ein Produzent aus Oberhausen ihr Talent erkannt: Er schreibt ihr die Songs und kümmert sich, damit sie in Discos und im Radio laufen.

Ihr Manager Werner Nürnberger stellt klar: „Jetzt muss sich ihr Name bei den Leuten einprägen. Da zählt jede Aktion – auch die Autogrammstunde im Möbelhaus.“

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Hintergrund

Da steckt Musik drin

• 13 Millionen Platten hat Andrea Berg, im früheren Leben Krankenschwester aus Krefeld, bis heute verkauft. Eine Karte für eine Generalprobe kostet schon mal 60 Euro.

• 50.000 Leute pilgern alljährlich zum Spatzenfest nach Kastelruth.

• Altstars wie Jürgen Drews und Udo Jürgens bekommen Gagen in fünfstelliger Höhe.

• Rund sechs Millionen Menschen schauen sich die Feste der Volksmusik mit Florian Silbereisen an.

Schlager: Wahnsinn oder Hölle, Hölle, Hölle, Hölle?

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