Kurzarbeit

„Nicht in Depressionen verfallen!“


Was Psychologen empfehlen, um mit der Krise fertig zu werden

Sie kennen viele Betriebe von innen – und wissen um die Sorgen derer, für die jetzt Kurzarbeit angesagt ist. Drei promovierte Psychologen geben Ratschläge für einen souveränen Umgang mit der Krise:

Professor Tim Hagemann, Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin (IAPAM) in Herdecke

Albert Nußbaum, Geschäftsführer Deutschland der Personalberatungsfirma Mercuri Urval

Thomas Rigotti, Forscher am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie der Uni Leipzig

Kurzarbeit: Was löst diese Ansage im Kopf aus?

Hagemann: Der Rückgang der Überstunden, der extremen Arbeitsbelastung, hat zwar auch positive Seiten – aber die Betroffenen fühlen sich vor allem ausgeliefert. Ungewissheit ist schlimmer als vollendete Tatsachen, das lässt sich wissenschaftlich nachweisen.

Rigotti: Natürlich will ich wissen, wie es weitergeht. Das ist ein zentrales Thema: Die Unsicherheit, der Kontrollverlust verursacht Stress.

Nußbaum: Länger andauernde Kurzarbeit und unklare Perspektiven – da drohen Passivität und Resignation.

Wie lässt sich der Frust bekämpfen?

Rigotti: Ich sollte erst mal das Positive sehen: Ich habe meine Stelle noch! Kurzarbeit ist ja auch ein Zeichen des Arbeitgebers, solidarisch durch eine schwierige Zeit kommen zu wollen.

Hagemann: Man sollte die Tage nicht mit Nichtstun zu Hause verbringen. Nicht die Hände in den Schoß legen und in Depressionen verfallen! Man sollte den Tag strukturieren, sich Dinge vornehmen, die man immer schon tun wollte – und das tatsächlich als Liste aufschreiben. Zum Beispiel: Nächsten Freitag mache ich vormittags eine zweistündige Radtour und räume nachmittags endlich die Garage auf.

Das bringt zum einen kleine Erfolgserlebnisse, zum anderen hilft körperliche Bewegung gegen Niedergeschlagenheit. Und man sollte feste Verabredungen treffen.

Mit den Kollegen in den Biergarten – oder lieber nicht?

Hagemann: Durchaus auch mit Kollegen, mit denen man gut auskommt: Reden kann helfen!

Rigotti: Betroffene sollten das Gespräch im Kollegenkreis suchen – und darüber hinaus. Und die Firma sollte möglichst transparent machen, was geschieht.

Was kann der Betrieb noch tun – und was die Kurzarbeiter?

Hagemann: Hilfreich ist es, wenn eine Firma Qualifizierungsmaßnahmen anbietet – das wäre ein wichtiges Signal, es würde den Mitarbeitern aufzeigen, dass das Unternehmen langfristig mit ihnen plant. Für die Betriebe ist das eine wunderbare Chance, sich zu verbessern. Und sie können sich zum Beispiel auch um Arbeitsplatz-Ergonomie kümmern oder um Schicht- und Takt-Abfolgen, damit der Job bis 67 verträglich bleibt. Um Fragen also, für die während der Vollauslastung gar keine Zeit war.

Nußbaum: Auch für die Betroffenen bedeutet Kurzarbeit einen einmaligen Zeitgewinn – und damit die Gelegenheit, Kompetenzen aufzubauen, die in Zukunft dringend gebraucht werden. Ich rate zu irgendeiner Form von Aktivität, die einen weiterqualifiziert – das kann zum Beispiel auch die Mitarbeit in ehrenamtlichen Projekten sein.

Ist das für Otto Normalarbeiter nicht viel zu hoch gegriffen?

Nußbaum: Der Arbeitnehmer von heute muss sich immer mehr auch als Vermarkter der eigenen Kompetenzen verstehen. Es ist eine Frage der Einsicht, sich für den Arbeitsmarkt der Zukunft zu qualifizieren.

Wie lange kann man mit der Ungewissheit leben?

Hagemann: Ich empfehle: Bis Juni, Juli erst mal abschalten, die Kurzarbeit aktiv nutzen, für sich persönlich und die eigene Gesundheit. Wenn danach noch keine Besserung in Sicht ist: Nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen – sondern aktiv werden, sich nach anderen Beschäftigungs- und Lebensmöglichkeiten umsehen.

Rigotti: Sind schon neue Aufträge am Horizont – warum nicht die freie Zeit ein Stück weit genießen, sie nutzen  etwa für den Partner oder die Kinder? Ist aber keine Besserung in Sicht: Nicht warten, bis der „Tag X“ kommt, sondern frühzeitig aktiv nach einer anderen Stelle suchen. Manchmal sieht man neue Möglichkeiten ja erst, wenn alter Ballast weg ist.

Gute Leute müssen sich also keine allzu großen Sorgen machen?

Hagemann: Sobald sich die Wirtschaft normalisiert, wird der Fachkräftemangel wieder das große Thema sein.

Nußbaum: An diesem längerfristigen Trend, dass uns in erheblichem Maß Fachkräfte fehlen werden, ändert sich ja nichts! Uns fehlen sogar jetzt, mitten in der Krise, 30.000 bis 40.000 Ingenieure.

Thomas Hofinger

Info: Schnelle Auskunft

Fragen zum Thema Kurzarbeit und Weiterbildung beantwor­tet das Info-Telefon des Arbeitsministeriums unter der Nummer 01805-676712 (Festnetz-Anrufe kosten 14 Cent pro Minute). So­lide Auskunft gibt’s auch im Internet: www.einsatz-fuer-arbeit.de

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