Ratgeber

„Mit gutem Gewissen faulenzen“


Nur wer nach Feierabend runterfährt, bleibt produktiv. Ein Arbeitspsychologe erklärt, wie’s geht

Weihnachten – das ist eine Zeit der Muße. Professor Tim Hagemann sagt, wie man auch sonst in der Balance bleiben kann, trotz hoher Anforderungen im Beruf. Er lehrt an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld.

AKTIV: Wenn von „Stress“ die Rede ist, hat man klingelnde Handys vor Augen. Ist Stress eine Managerkrankheit?

Hagemann: Das ist ein weit verbreitetes Vorurteil. Tatsächlich sind Fabrikarbeiter wesentlich stärker belastet. Sie sind viel häufiger von einem Herzinfarkt betroffen als Manager.

AKTIV: Warum ist das so?

Hagemann: Stress kommt ja nicht nur dadurch zustande, dass man viel zu tun hat. Druck baut sich vor allem dann auf, wenn man das Gefühl hat, die Anforderungen nicht meistern zu können und sie nicht selbst steuern zu können.

AKTIV: Wie kann man damit umgehen?

Hagemann: Wichtig ist es, ein Gegengewicht zur Arbeit zu haben. Besonders hilfreich sind soziale Kontakte, also Familie und Freunde.

AKTIV: Man muss also nicht unbedingt abends um den Block joggen. Ein Glas Wein mit guten Freunden tut es auch?

Hagemann: Wenn man Stress-Hormone im Blut hat, ist es wichtig, abends abzuschalten. Wer weiter grübelt, dessen Körper schüttet auch weiter die gleichen Hormone aus. Diese kann man am besten beim Ausdauersport abbauen. Aber auch Entspannung oder Ablenkung helfen dabei, etwa wenn man sich einen schönen Film anschaut.

AKTIV: Was ist im Arbeitsalltag möglich?

Hagemann: In den Betrieben erlebe ich oft, dass die Pausen direkt neben den Maschinen verbracht werden. Um abzuschalten, sollte man jedoch den Arbeitsplatz verlassen und wirklich etwas anderes machen, möglichst an der frischen Luft.

AKTIV: Viele Menschen empfinden sogar Weihnachten als Stress. Warum?

Hagemann: In den Betrieben steigt zum Jahresende die Nervosität wegen der Abschlussarbeiten. Gleichzeitig ist man damit befasst, ein großes Familienfest vorzubereiten – so kommen viele Aufgaben zusammen.

AKTIV: Wie können wir wieder mehr Muße erleben?

Hagemann: Zunächst steht fest, dass für die meisten Menschen Weihnachten ein sehr positives Erlebnis ist, worauf sie sich auch freuen – das zeigen Untersuchungen.

Gerade zu solchen Anlässen sollten wir uns jedoch überlegen, was tatsächlich wichtig ist. Für die meisten ist es wahrscheinlich am wichtigsten, einfach einen schönen Abend beisammen zu haben.

AKTIV: Ist Stress also auch eine Frage der Einstellung?

Hagemann: Teilweise ja. Es liegt nicht allein am Arbeitsplatz, dass Stress zunimmt. Für einen Burnout sind in den seltensten Fällen nur berufliche Probleme verantwortlich. Es spielen immer auch private Sorgen mit hinein.

Wichtig ist es, für sich eine Orientierung zu haben: Was ist im Zweifel wichtiger im Leben, Familie oder Karriere? Manche Menschen sind überfordert damit, solche Entscheidungen zu treffen.

AKTIV: Haben wir zu hohe Ansprüche?

Hagemann: Das spielt sicher eine Rolle. Denn bei allen Schwierigkeiten geht es uns ausgesprochen gut. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen. In manchen Bereichen ist die Entwicklung nach oben einfach ausgereizt. Da muss man sich zurückbesinnen. Wir sollen dabei nicht vergessen, dass wir uns auf einem extrem hohen Niveau befinden.

AKTIV: Was sind Ihre drei Top-Tipps zur Stressvorbeugung?

Hagemann: Erstens sollte man auch einfach mal faulenzen und das „Nichtstun“ als eine notwendige Pause begreifen. Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen schon ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie mal eine halbe Stunde nur auf dem Sofa liegen. Das ist jedoch eine aktive Phase der Erholung: einfach mit gutem Gewissen faulenzen.

Zweitens sollte man hin und wieder „offline“ sein, also das Handy ausschalten und auch keine E-Mails lesen.

Und drittens sollte man sein soziales Umfeld pflegen: mal wieder alte Freunde und Bekannte anrufen oder einladen. Das darf bei aller Zeitnot nicht vernachlässigt werden. Denn solche Kontakte sind wichtige Quellen, die uns Kraft geben.

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