Interview

Lernen macht Spaß!


Modernste Forschung zeigt: Unser Gehirn verändert sich Tag für Tag – und zwar bis ins hohe Alter

Lebenslanges Lernen: Geht das? Ist unser Hirn dafür überhaupt gebaut? Wir befragten dazu Manfred Spitzer,  Hirnforscher und Psychiatrie-Professor in Ulm.

AKTIV: Lange hat man geglaubt, dass unsere kleinen grauen Zellen sich schon im Säuglingsalter endgültig verdrahten. Stimmt das?

Spitzer: Wir  wissen heute, dass diese Sicht der Dinge falsch ist. Nervenzellen ändern ihre Verbindungen zeitlebens. Auch in erwachsenen Gehirnen werden neue Nervenzellen nachgebildet – und zwar genau dort, wo sie stressbedingt absterben.

AKTIV: Woher wissen Sie das? Gucken Sie in Köpfe rein?

Spitzer: Ja, und zwar beim lebenden Menschen – mit mo-dernster Technik. Da gibt es inzwischen ganz unterschiedliche bildgebende Verfahren. Die Verbindungen zwischen den Nervenzellen – sie heißen „Synapsen“ – lassen sich sogar filmen. Der Nachweis der neu entstehenden Nervenzellen gelang mit radioaktiv markierten Substanzen in sich teilenden Zellen im Gehirn.

AKTIV: Wie sieht „Lernen“ aus, was passiert da im Kopf?

Spitzer: Wann immer wir unser Gehirn benutzen, ändern sich die Verbindungen zwischen Nervenzellen: Die Synapsen werden tatsächlich größer, dicker, wenn  sie benutzt werden. Es entstehen gleichsam  Spuren in unserem Gehirn, Spuren der Erfahrung. Und die sind bei  emotionalen Erlebnissen besonders tief – dafür sorgen Systeme, die bei positiven oder negativen Gefühlen anspringen. Wenn bestimmte Erfahrungen Spaß machen, dann lernen wir schneller.

AKTIV: Lernen macht Spaß?!

Spitzer: So könnte man es verkürzt ausdrücken. Glück und Lernen hängen in unseren Köpfen ganz eng zusammen. Wir wissen jetzt: Das System im Gehirn, das für Glückserlebnisse verantwortlich ist, ist eigentlich zum Lernen da! Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Es geht mir nicht um Spaßpädagogik – es geht um die Erkenntnis, dass das Lernen selbst Freude macht.

AKTIV: Aber wenn der Mensch  Angst hat, etwa vor einem Lehrer oder einer Prüfung?

Spitzer: Dann lernt er nicht zuletzt die Verknüpfung des neu Gelernten mit der Angst. Damit taugt das Gelernte von vornherein nicht mehr zum kreativen Problemlösen. Angst hat in Lernprozessen also nichts zu suchen.

AKTIV: Kann man lernen, solange man lebt?

Spitzer: Ja. Das Gehirn lernt immer – es kann gar nicht anders. Lernen ist nicht etwa eine spezielle Aufgabe des Gehirns, die es manchmal erledigt und manchmal nicht. Das Gehirn lernt, sobald wir es verwenden: beim Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln.

AKTIV: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ – gilt dieses alte Sprichwort also nicht mehr?

Spitzer: In der Tat ändern sich die Synapsen im Laufe eines Lebens zwar immer langsamer. Das ist aber auch gut so, weil wir ja nicht dauernd alles vergessen wollen, was wir schon gelernt haben. Ältere Menschen lernen etwas Neues, indem sie es mit bereits Gelerntem verknüpfen: Sie müssen nicht mehr ihr gesamtes Gehirn verändern, es genügen kleine Änderungen, die die Verknüpfung mit bereits vorhandenem Wissen gewährleisten.

AKTIV: Jüngere und ältere  Kollegen sollten sich dann wohl lieber nicht in einem gemeinsamen Kurs fortbilden?

Spitzer: Da ist etwas dran. Gerade was die berufliche Weiterbildung anbelangt, haben ältere Menschen oft Angst. Diese muss man ihnen nehmen. Ältere sind nur dann langsamer, wenn man ihnen auf genau die gleiche Weise Neuerungen beibringen möchte wie den jungen Menschen. Das ist jedoch der falsche Weg. Bei älteren Menschen kann es immer nur darum gehen, sie dort abzuholen, wo sie stehen. Dann aber werden sie sehr rasch lernen – und womöglich rascher als junge Menschen.

AKTIV: Kann eigentlich das Internet beim Lernen helfen?

Spitzer: Um mit dem Internet sinnvoll umzugehen und sogar von ihm zu lernen, braucht es weder Medienkompetenz noch Internet-Führerschein. Aber man braucht Vorwissen – als Filter, der es einem ermöglicht, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und dieses Vorwissen kann man nicht über das Internet erwerben.

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Man sollte da sehr vorsichtig sein: In den Schulen wird leider immer noch sehr viel übertrieben – mit negativen Konsequenzen für den Lernerfolg der jungen Menschen.

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