Musik-Industrie

Lena für lau


Ade CD: Wie der Massenklau eine ganze Branche verändert

Blutrote Lippen, das Haar schwarz wie Ebenholz, ihre Haut fast so weiß wie der Schnee, so stand Lena Meyer-Landrut im Mai auf der Bühne beim „Eurovision Song Contest“ in Oslo. Ein bisschen wie Schneewittchen sah das aus, wie im Märchen eben. Dann begann sie zu singen.

Der Rest ist bekannt: Sieg für „lovely Lena“! Top-ChartPlatzierungen in halb Europa! Bald geht sie auf Tournee! Der Beginn eines märchenhaften Aufstiegs. Oder, um es mit Lena zu sagen: „Wow, alter Finne, verdammte Axt! Ist das geil ...“

Branche pfeift aus dem letzten Loch

Tja. So schnell kann’s gehen. Vor ein paar Monaten noch kannte die 19-Jährige kein Mensch. Jetzt plötzlich gilt das trällernde deutsche Fräulein-Wunder bereits als Hoffnungsträgerin einer ganzen Branche – der deutschen Tonträger-Industrie. Die nämlich hat ein großes Prob-lem: Immer weniger Musikfans, vor allem immer weniger jüngere Menschen, kaufen Musik-CDs.

Hauptgrund für die Misere: Statt wie früher brav im Laden für Tonträger zu löhnen, bedient man sich heute einfach im Internet – per illegalem Download. Da gibt es alles. Auch Lena. Und zwar für lau!

Die Musik-Industrie lässt das zunehmend aus dem letzten Loch pfeifen: Gingen 1999 hierzulande noch 210 Millionen CDs über die Ladentheke, waren es im vergangenen Jahr nur noch 147 Millionen. Der Gesamtumsatz der Branche sank im gleichen Zeitraum von 2,65 auf nur noch 1,53 Milliarden Euro.

Aussicht auf Besserung? Fast null! „Die Umsätze werden auch zukünftig weiter sinken, ein Ende dieses Trends ist nirgendwo in Sicht“, glaubt Professor Hubert Wandjo, Chef der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim.

Eine ganze Industrie, down durch Download: Wohl keine andere Branche ist durch die Entwicklung des Internets so sehr unter Druck geraten wie das Musik-Business. An ihrem Beispiel zeigt sich, was in der Marktwirtschaft passiert, wenn Eigentumsrechte nicht mehr zu sichern sind. Können andere Industriezweige wie der Fahrzeug- oder Maschinenbau bekanntlich noch einigermaßen effektiv gegen Kopien ihrer Produkte vorgehen, muss die Tonträger-Industrie scheinbar hilflos mit ansehen, wie ihre Erzeugnisse, ihre Musik, als MP3-Datei in den Weiten des World Wide Web unendlich oft und reichlich hemmungslos hin- und hergeschoben werden.

Allein in Deutschland wurden nach Berechnungen des Bundesverbands Musikindustrie in Berlin im vergangenen Jahr 258 Millionen Musiktitel illegal aus dem Netz gesaugt. Urheberrecht? Wen interessiert’s ...

Musik als reines Wegwerfprodukt

Die Plattenfirmen stellt das vor ein Dilemma. „Denn eigentlich wird heutzutage mehr Musik konsumiert als jemals zuvor, per iPod oder per Multimedia-Handy“, sagt der Branchen-Experte Daniel Reinke von der Hochschule für Musik in Hannover. „Nur die Bereitschaft, für die gehörte Musik dann auch zu zahlen, sinkt immer weiter.“ Musik, so Reinke, sei auf dem besten Weg, „zu einem Wegwerfprodukt zu werden, dem man einfach keinen Wert mehr beimisst“.

Daran haben auch die immer zahlreicher werdenden legalen Download-Portale bislang nichts ändern können. 40 davon gibt es hierzulande bereits, und im vergangenen Jahr kletterte ihr Umsatz um immerhin fast 35 Prozent auf 118 Millionen Euro.

„Das reicht aber noch lange nicht, um die Verluste aus dem CD-Bereich zu kompensieren“, sagt Branchen-Kenner Wandjo.

Seine Begründung dafür dürfte die ehemals als PartyBranche titulierte Musik-Industrie noch tiefer in Moll-Stimmung versinken lassen: „Wer keine CDs mehr kauft, der greift eben nicht ersatzweise zu legalen Downloads. Sondern geht der Platten-Industrie als Kunde gleich ganz verloren!“

Das klingt nicht gut. Und es kommt noch schlimmer. Denn während die deutschen Plattenlabels derzeit noch versuchen, der Musikpiraterie mit immer neuen Abmahn- und Klagewellen Herr zu werden, zeichnet sich schon der nächste Trend ab, der dem alten CD-Geschäftsmodell endgültig den Todesstoß versetzen könnte.

Reiner Online-Konsum im Kommen

„Wir beobachten, dass immer mehr gerade junge Menschen gar keinen Wert mehr darauf legen, Musik physisch zu besitzen“, sagt Wandjo. Was er meint: Der vom digitalen Lifestyle geprägte Musikfan kauft nicht nur keine CDs mehr, sondern pfeift auch auf üppig mit MP3-Dateien gefüllte Festplatten. Stattdessen hört er seine Musik nur noch online, über Youtube oder On-Demand-Musikdienste wie Spotify, Napster oder Simfy.

Wandjo: „Zukünftig könnten Nutzer nur noch für den Zugang zum gesamten Musik-Reservoir zahlen wollen. Aber nicht mehr für die Musik eines einzelnen Künstlers.“

Auch nicht für Lena. Zugegeben: Deren Debüt-Album „My Cassette Player“ läuft erfreulich gut, rund 400.000-mal wurde der Erstling europaweit bis Mitte Juli verkauft oder legal runtergeladen. Doppel-Platin – ein netter Erfolg, in für die Musik-Industrie so düsteren Zeiten.

Hinter vorgehaltener Hand aber unkt ein Sprecher eines Labels zu AKTIV: „Ohne das Internet könnte man da locker eine Null dranhängen!“

 

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