Convenience Food

Kochen Sie noch, oder mampfen Sie schon?


Wir stöhnen über steigende Lebensmittelpreise. Trotzdem boomt der Markt für teure Fertignahrung.

Ein Toaster, so weiß der Duden, ist ein „elektrisches Gerät zum Rösten von Weißbrotscheiben“. Zum Mitschreiben: Weiß-BROT-scheiben. Von Fleisch ist  nicht die Rede.

„Da geht doch noch was“,  dachten sich da wohl die Produkt-Entwickler des Fleisch-Konzerns Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Und erfanden „Toasty“: Ein dünnes, entfernt an ein Schnitzel gemahnendes  paniertes Viereck aus Pressfleisch für die Zubereitung im – bingo – Toaster.

Seit Januar liegt das in den Tiefkühlregalen unserer Supermärkte. Wobei „liegen“ der falsche Ausdruck ist: Die Dinger gehen weg wie warme Semmeln. „Die Nachfrage liegt weit über dem, was wir uns vorgenommen haben“, jubelt Firmenchef Clemens Tönnies. 

Tönnies’ hipper Happen ist ein Paradebeispiel für den Megatrend, der derzeit durch deutsche Küchen wabert: Schnell muss es gehen mit dem Essen. „Convenience Food“ (deutsch: Bequeme Nahrungsmittel) heißt das Zauberwort.

Da stört es uns scheinbar auch nicht, dass die Preise für die bequeme Fertignahrung gesalzen sind. Bei ein paar Cent Milchpreiserhöhung wittern wir alle gleich den Untergang des Abendlandes,    bei Convenience Food langen wir dagegen beherzt zu.

„Höllen-Dynamik im Markt“

Die Lebensmittelindustrie freut’s: Statt früher Mutti oder Omi schwingen jetzt die Unternehmen den Kochlöffel. Von der Tiefkühl-Pizza und Chicken Wan Tan über vorgekochte Drei-Minuten-Tortellini, die Fix&Fertig-Currywurst bis hin zum schon gewaschenen „Gourmet-Salat“ aus der Tüte inklusive Italian-Dressing-Beutel und Plastikgäbelchen: Das Angebot an industriell vorgefertigten Lebensmitteln und Fertiggerichten wächst stetig.

„In diesem Markt ist eine Höllen-Dynamik“, sagt Convenience-Experte Torben Heinlein vom Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK. „Und es gibt überhaupt keinen Grund anzunehmen, dass das irgendwann mal abbricht.“

Insbesondere zwei Bereiche tragen die Dynamik:

 

Tiefkühl-Kost: Nach Angaben des Deutschen Tiefkühlinstituts schnabulierte jeder Deutsche im vergangenen Jahr 38,1 Kilogramm Tiefgekühltes – so viel wie nie zuvor. Im Zehnjahresvergleich erreichte der Mehrverbrauch von Baguettes, Frühlingsrollen und Co. sagenhafte 221 Prozent.

Insgesamt setzte die Frost-Branche im letzten Jahr 10,5 Milliarden Euro um – Rekord!

 

Chilled Food: Das klingt nicht nur cool, sondern ist es auch. „Der Markt versteht darunter  hoch  qualitative und frische Convenience-Produkte ohne Konservierungsstoffe aus der Kühltheke“, definiert Dietmar Erlebach, Trendforscher der Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA).

Ob Sushi oder frisch gepresste Obst- und Gemüsesäfte, Antipasti oder Sauerbraten – mit immensem Entwicklungs- und Werbeaufwand versuchen die Konzerne, der vorgefertigten Nahrung mittels „Chilled Food“ den Makel des Massen-Mampfs zu nehmen.

Erst Kalorien futtern, dann verfeuern

Mit Erfolg: Die GfK beziffert den Chilled-Food-Umsatz im vergangenen Jahr auf 3 Milliarden Euro, ein Plus von 7 Prozent.

 

Ein Ende des Trends ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: „Da ist noch jede Menge Luft nach oben, in England werden mit solchen Produkten schon 10 Milliarden Euro umgesetzt“, so Torben Heinlein.

Klar, dass die Manager der Nahrungsmittelkonzerne von Unilever („Knorr“, „Bertolli“) bis Nestlé („Maggi“, „Mövenpick“) derzeit selig lächelnd durch die Gegend laufen.

 

Hauptsache bequem: Für den Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder, Autor eines Buches über europäische Esskultur, liegen die Gründe für diese Entwicklung auf der Hand. „Die Kunden glauben, sich mit Convenience Food Zeit einzukaufen.“ Da mampfe man mal schnell eine Fertigmahlzeit, um anschließend genügend Freizeit dafür zu haben, die aufgenommenen Kalorien im Fitness-Studio wieder zu verfeuern. „Das ist doch absurd“, findet Hirschfelder.

Zudem hat der Wissenschaftler auch eine Erosion des Wissens rund ums Kochen festgestellt. „Gerade junge Leute haben heute oft gar keine Ahnung mehr, wie man zum Beispiel einen Braten zubereitet.“ Denen bliebe dann eben nur noch der Griff ins Convenience-Regal.

Auch der Dauerbeschuss mit TV-Koch-Shows, immerhin unumstrittene Quoten-Könige, ist für Hirschfelder kein Indiz für eine Rückkehr an den Herd: „Reine Unterhaltung. Die Leute konsumieren das allein vorm Fernsehen. Und essen dabei Tiefkühl-Pizza.“

Ulrich Halasz

 

„Der Kunde hat kein Preisbild“

Klettert der Preis für Milch, Butter oder Brot um ein paar Cent, meckern wir. Wir reagieren wütend auf die Meldung des Statistischen Bundesamts, nach der die Inflation (2,9 Prozent) im ersten Quartal 2008 stärker kletterte als die Reallöhne (2,8 Prozent).

Warum aber kaufen wir andererseits teures „Convenience  Food“, Fertig-Nahrung also, die mal richtig ins Geld geht?

„Die Kunden haben bei diesen Produkten kein definiertes Preisbild“, erklärt Torben Heinlein vom Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK das Phänomen. „Wenn die Milch vier Cent teurer wird, merken sie das sofort. Aber ob die Pizza jetzt 1,99 oder 3,99 kostet, das wissen die Leute einfach nicht auf Anhieb.“

Zudem kauften die Kunden viele verschiedene Fertig-Produkte, „mal Pizza, die Woche drauf landet dann Paella oder Linseneintopf im Korb.“ Das verbaue dem Kunden den Durchblick aufs Preisniveau.

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