Reproduktionsmedizin

Immer mehr Paare setzen auf die künstliche Befruchtung


München. Der Mediziner Ulrich Noss hat das Verschwinden eines Tabus aus der Nähe miterlebt. „Wegen Unfruchtbarkeit schämt sich heute fast kein Mann mehr“, sagt er. Früher haben Patienten in seiner Praxis bei diesem Thema regelmäßig abgeblockt. „Heute empfinden sie es als selbstverständlich, dass ich auch ihre Spermien testen muss“, sagt der Arzt.Noss leitet seit 1987 eine Kinderwunsch-Praxis am Münchner Marienplatz. Er und seine beiden Kollegen führen mittlerweile monatlich rund 150 Erstberatungsgespräche über künstliche Befruchtung. Die Termine mit den Paaren seien heute viel unverkrampfter – und von Jahr zu Jahr finden mehr davon statt. So, wie überall in Deutschland.

120 Zentren im ganzen Land

Nach Schätzungen ist jedes siebte Paar ungewollt kinderlos. Zwar ist das immer noch kein Thema für den Plausch am Gartenzaun. Mit ihrem Schicksal abfinden wollen sich aber immer weniger – und nehmen dafür körperliche, psychische und finanzielle Belastungen in Kauf.

Die Reproduktionsmedizin ist deshalb ein hoffnungsvoller Markt. Und der wächst stetig: Bundesweit 120 Kinderwunsch-Praxen leiten mittlerweile etwa 70.000 künstliche Befruchtungen im Jahr in die Wege – rund ein Drittel mehr als 2005. Das Ergebnis sind 10.000 Wunschkinder mit strahlenden Eltern.

Leider sind nicht alle Versuche erfolgreich. „Das Alter der Frauen“, sagt Noss, „ist unser Hauptproblem.“ Jede dritte Patientin, die in seine Praxis kommt, ist jenseits der 40. Das Durchschnittsalter der Patientinnen in Deutschland liegt bei 35. Doch ab diesem Alter sinkt die Chance auf eine Schwangerschaft immer schneller.

Viele Frauen lassen sich deshalb Hormone spritzen, Ei-zellen entnehmen und winzige Embryos in die Gebärmutter einsetzen – und können dann nur noch abwarten. Und hoffen. „Diese psychische Belastung wird von den meisten Paaren unterschätzt“, berichtet Noss.

Darüber hinaus kostet die künstliche Befruchtung viel Geld – ein Versuch allein schon zwischen 3.000 und 4.000 Euro. Drei Behandlungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen zur Hälfte gezahlt. Nur die Privaten übernehmen in der Regel alles. Die eigenen Ausgaben für die ersten drei Versuche summieren sich so leicht auf 5.000 Euro. Die volle Kostenübernahme wurde 2003 abgeschafft.

Finanzielle Hilfe für Betroffene

Derzeit beabsichtigen Politiker in Bund und Ländern jedoch, ungewollt Kinderlose wieder stärker zu unterstützen. Dadurch ließe sich eventuell auch die Zahl der Geburten erhöhen – nachdem sie im vergangenen Jahr mit nur 663.000 einen neuen Tiefststand erreicht hatte.

Der Plan: Weitere 25 Prozent der Kosten für die ersten drei Versuche sollen erstattet werden, erstmals auch ein vierter zur Hälfte. Strittig ist aber noch, wer die Kosten tragen soll. Die Länder sträuben sich und haben nun die Krankenkassen ins Spiel gebracht. Aber die sind wenig begeistert. Die Betroffenen können also vorerst nur weiter hoffen – in jeder Hinsicht.

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