Alkohol-Sucht

„Ich hab nur noch fürs Saufen gelebt"


1,3 Millionen Deutsche hängen an der Flasche. Nicht nur nach Feierabend …

Die Laken sind verdreckt, seine Unterwäsche auch. Seit Tagen liegt Rolf* schon dort oben in der abgedunkelten Dachkammer seines Hauses in Duisburg. Zitternd. Schreiend. Mit nur einem Gedanken: Ich will nicht mehr trinken! Nie mehr Alkohol!

Dann, nach sieben Tagen Märtyrium, glaubt der Chemielaborant, den Kampf gegen die Sucht gewonnen zu haben. Er zieht die Rollläden hoch, Sonnenstrahlen durchschneiden das Dunkel. Er kleidet sich an, schließt die Tür auf, geht hinunter. Das Haus ist leer, seine Frau ist längst ausgezogen, die Kinder hat sie mitgenommen. Eine Weile verharrt Rolf reglos in der dröhnenden Stille. Dann geht er hinaus, rüber zum Kiosk. Er kauft sich literweise Schnaps. Und trinkt sich besinnungslos. Er hat den Kampf verloren. Wieder einmal.

Volksdroge Alkohol: Laut aktuellem Suchtbericht der Bundesregierung gelten in Deutschland etwa 1,3 Millionen Menschen als alkoholabhängig. Weitere 9,5 Millionen trinken Alkohol in bedenklichen Mengen. Im Schnitt kippt jeder Deutsche jährlich 10 Liter reinen Alkohol – das entspricht etwa 40 Flaschen Wodka! „Das ist dramatisch“, sagt Raphael Gassmann, Chef der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm. „Der Alkoholkonsum in Deutschland ist viel zu hoch, zu riskant, zu folgenreich.“

„Immer eine Flasche Fusel im Spind“

Und teuer. Experten schätzen die volkswirtschaftlichen Schäden durch Alkoholmissbrauch hierzulande auf knapp 27 Milliarden Euro im Jahr. Für die Behandlung alkoholbedingter Krankheiten, für Sachschäden nach Unfällen unter Alk-Einfluss. Aber auch für Arbeitsleistungsausfall: Laut DHS liegen die Fehlzeiten alkoholkranker Mitarbeiter 16-mal höher als bei gesunden Kollegen

Das war auch bei Rolf so. Die Saufattacke nach dem kalten Entzug in der Dachkammer war seine letzte, 17 Jahre ist das nun her. Jetzt sitzt der 58-Jährige in der Essener Altbauwohnung einer Bekannten und erzählt von täglichen Besuchen bei den Anonymen Alkoholikern, die ihm damals halfen, die Sucht zu überwinden. Und von dunklen Tagen im Würgegriff des Alks: „Ich hab damals nur noch fürs Saufen gelebt.“

1979 hatte alles begonnen. Als klar war, dass der gemeinsame Sohn behindert zur Welt kommen würde, ertränkte Rolf den Schmerz in Mariacron. Das Trinken wurde erst Gewohnheit, dann Zwang. Bald griff er schon morgens zum Schnaps. Wenn der Pegel im Laufe seines Arbeitstags in einem großen Chemie-Konzern sank, kippte er heimlich nach. „Ich hatte immer eine Flasche Fusel im Spind.“

Seine Arbeitsleistung sank, „manchmal habe ich im Betrieb so gezittert, dass ich kein Reagenzglas mehr halten konnte.“ Als ihn sein Chef einmal auf seine morgendliche Fahne ansprach, murmelte Rolf erschrocken etwas von einer wilden Party am Vorabend. Der Chef klopfte ihm grinsend auf die Schulter: „Kann ja mal passieren, Junge.“

„Wer wegsieht, verlängert das Leid“

Für Suchtexperten wie Albrecht Aupperle eine ebenso typische wir fatale Reaktion. „Es wird noch immer viel zu oft weggesehen, wenn Kollegen ein Problem mit Alkohol haben“, sagt der Chef des auf betriebliche Suchtberatung spezialisierten Instituts „iPrevent“ in Hiddenhausen.

„Damit aber hilft man den Betroffenen nicht“, sagt der Coach. Im Gegenteil: Wer wegsehe, handele leidensverlängernd. „Weil der Alkoholiker sich sagt: Solange ich nicht auffalle, habe ich ja auch kein Problem“, so Aupperle.

Zwar gebe es vor allem in großen Konzernen oftmals fest installierte Selbsthilfegruppen, Suchtbeauftragte oder Präventionsaktionen. In kleineren Unternehmen aber werde das Problem häufig totgeschwiegen. „Dabei sind schon rein statistisch 5 Prozent der Belegschaft jedes Unternehmens alkoholkrank, sie müssten dringend behandelt werden, um von der Flasche loszukommen.“

Chemielaborant Rolf hat das geschafft. Nach 15 Jahren Sucht, in denen er bis zu sechs Liter Weinbrand am Wochenende soff. Doch er weiß: „Auch wenn ich jetzt trocken bin – Alkoholiker bleibst du dein Leben lang.“

Und wenn er ab und an wieder das Verlangen nach einem Schluck aus der Pulle spürt? Dann, sagt Rolf, wäge er ab: „Was gewinne ich? Nichts. Und was verliere ich?? Mein Leben! Alles!“

Info: Für Betroffene

Sie haben ein Alkoholproblem? Oder Sie vermuten das bei Kollegen, Freunden, in der Familie? Hier finden Sie Hilfe:

anonyme-alkoholiker.de

beratung-caritas.de

blaues-kreuz.de

sucht-und-drogen-hotline.de

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