Medizin

Gummibärchen als Nerven-Ersatz


Forscher der Firma Gelita wollen mit Gelatine Unfallfolgen heilen

Ein Fehler beim Motorrad-Fahren, beim Heimwerken an der Säge oder beim Job an der Maschine – schon ist es passiert: Hand oder Arm sind verletzt, Nerven beschädigt, zerschnitten oder abgerissen! In vielen Fällen kann die Chirurgie da zwar helfen. Doch oft stellt sich für das Opfer die bange Frage: „Werde ich die Finger und die Hand wieder voll bewegen können?“

Schwierig wird es, wenn der Nerv durchtrennt ist oder gar ein Stück fehlt. Der Chirurg überbrückt die Lücke mit Nervenstücken aus der Wade des Patienten. Oder mit winzigen Kunststoff-Röhrchen als „Wachstums-Kanäle“ für die Nerven. Aber im einen Fall verliert der Patient das Gefühl im Außenrist am Fuß. Und im anderen Fall hat er sehr lange oder gar für immer ein Röhrchen um den Nerv.

Jetzt bahnt sich für die jährlich etwa 200.000 Betroffenen ein Durchbruch an. Denn dem Nerven-Spezialisten Burkhard Schloßhauer von der Uni Tübingen ließ das Problem keine Ruhe. Der Professor suchte nach einer besseren Lösung, stieß auf Gelatine – und wandte sich an den Hersteller Gelita in Eberbach.

Schutz-Schiene mit Verfallsdatum

 

Seine Idee: Wenn man daraus die winzigen Wachstums-Kanäle für die Nerven machen könnte – das wäre optimal! Denn Gelatine ist hervorragend verträglich und der Körper kann sie abbauen.

Die Eberbacher machten gerne mit. Die Bundesforschungs-Ministerin förderte das Projekt. Und die Gelita-Forscher Michael Ahlers und Melanie Huber legten los. Sie entwickelten eine Spezial-Gelatine („NerVusion“), die lange genug stabil bleibt, damit die Nerven in Ruhe wachsen können, und

die danach wieder abgebaut wird – eine „Gelatine mit programmiertem Verfallsdatum“, wie Ahlers sagt.

 

 

 

„Keine einfache Aufgabe, aber lösbar. Mit normaler Gelatine geht das natürlich nicht, die schmilzt im Körper sofort“, erklärt der Forscher. „Aber es gibt auch langzeitstabile Gelatine-Typen. Damit haben wir eine Menge Erfahrung.“

Drei Jahre intensiver Arbeit folgten. Heute stehen die Eberbacher kurz vor dem Durchbruch im Labor. „Die letzten Versuchsreihen laufen“, sagt Ahlers. „Doch wir sind sicher, dass es funktioniert.“ Tests mit Ratten zeigen: Das Überbrücken der Lücken klappt.

 

Auch längere Lücken lassen sich schließen

Ein Trick hilft dabei: Die Röhrchen bestehen aus zwei Teilen – einer aufgewickelten Folie im Inneren und einem Schwamm als Mantel. Die Folie weist den wachsenden Nervenzellen die Richtung, der Schwamm bettet das Ganze ins Gewebe ein, zieht Blutgefäße an und lässt die Nährstoffe vom Blut zu den wachsenden Nervenfasern durch.

 

„Gelatine fördert die Bildung von Blutgefäßen massiv“, weiß Ahlers. Ein dickes Plus für den Naturstoff. Bei Kunststoff-Kanälen klappt das nicht.

Zudem lassen sich mit Gelatine auch längere Fehl-Strecken überbrücken. Mehrere Zentimeter sind hier drin, bei Kunststoff kaum mehr als zwei.

Und schließlich löst sich die Gelatine-Leitschiene nach fünf, sechs Monaten auf. Nun können die jungen Nervenfasern kräftiger werden.

 

„Das Gummibärchen wird zum Medizinmann“, nennt Schloßhauer es. In einigen Monaten beginnen die präklinischen Härte-Tests für die Röhrchen. Der Professor und sein Partner bei Gelita aber denken längst weiter. Sie wollen so auch Querschnitts-Lähmung behandeln. Das ist ihr Fernziel.

Hans Joachim Wolter

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