Entwicklung

Die schlauen Autos rollen an


Technik-Spielereien, die eines Tages den Alltag revolutionieren werden

Braunschweig/Berlin. Unser Arbeitstag beginnt in 20 Jahren ganz entspannt: Wir steigen ins Auto, geben das Ziel ein – und lesen Zeitung. Selbstständig bringt uns der Wagen durch das Gewusel des Stadtverkehrs. Er reagiert auf jede Ampel, findet automatisch den Weg. Und bremst im Notfall besser ab als jeder Mensch.

Noch ist das, was AKTIV auf dieser Seite beschreibt, Zukunftsmusik. Doch die „autonomen Autos“, wie die Experten die Selbstfahrer nennen, haben schon die ersten Tests bestanden. Etwa auf dem Stadtring von Braunschweig: Schon mehr als 2.000 Kilometer hat dort das Versuchsauto „Leonie“ der Technischen Universität Braunschweig selbstständig zurückgelegt, mit Tempo 60 und fast immer ohne Eingriff des „Fahrers“.

In Ansätzen schon auf dem Markt

Das bereits seit vorletztem Herbst laufende Projekt ist „ein Meilenstein für die Autoforschung“, sagt Uni-Professor Markus Maurer. Mit 14 Messinstrumenten an Front, Seiten, Heck und auf dem Dach sowie dicken Rechnern im Heck erkennt Leonie Autos, Hindernisse und bewertet Verkehrssituationen. „Unser Fahrzeug biegt inzwischen selbstständig ab und beachtet die Vorfahrt“, berichtet Maurer.

Fünf Systeme braucht das Auto der Zukunft, um autonom zu fahren:

  • eine Rundumsicht mittels Kamera, Radar- oder Laser-Messung,
  • ein Navigationsgerät mit einer Auflösung im Zentimeter-Bereich, um ein Vielfaches höher als heute üblich,
  • Funk für die Kommunikation, etwa mit Ampeln,
  • eine Elektronik, die Gas, Bremse und Lenkrad dirigiert und natürlich
  • den Bordcomputer, der blitzschnell die Verkehrssituation bewertet und entscheidet.

Bei Luxus-Modellen hält das in Ansätzen schon Einzug. Radar-Sensoren überwachen den Abstand zum Vordermann, Kameras scannen die Fahrspur. Und wenn der Fahrer auf das Signal nicht reagiert, greift das System auch schon selbst ein – etwa als „Notbrems-Assistent“ bei manchen Lkws.

2011 lag der Umsatz mit solchen Systemen bei 1,5 Milliarden Euro, schätzt der Elek­trotechnik-Verband ZVEI. Fast im Monatsrhythmus präsentiert die Auto-Industrie neue Prototypen. So hat BMW einen Einfädel-Assistenten entwickelt, Conti einen Helfer für die Fahrt durch Autobahn-Baustellen.

Und Audi forscht an einer Technik, die Autos vollautomatisch einparkt.

„Das schlaue Auto wird kommen“, sagt Ilja Radusch, Experte am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme in Berlin. Und es sorgt für mehr Sicherheit. „Anders als der Mensch ist der Computer immer aufmerksam.“


Super-Tempomat

Flott fahren ohne Gas zu geben – mit drei Testwagen auf Schwabens Landstraßen geht das schon heute. Ein von Porsche entwickelter intelligenter Tempomat beschleunigt, schaltet und bremst selbstständig.

Das so ausgerüstete Fahrzeug saust flink durch Kurven, oft noch schneller, als es der Mensch am  Gaspedal tun würde. Denn es kennt die Strecke aus dem Effeff: Sein Navi hat die Straßen in 3-D gespeichert, inklusive Steigung und Gefälle.

„Aus Zigtausend Varianten kalkuliert der Bordcomputer jede Sekunde die sparsamste Fahrweise für den nächsten Kilometer“, berichtet Porsche-Innovationsmanager Martin Roth. Er versichert: „Auf 100 gefahrene Kilometer hat unser Automat bisher immer einen Liter Sprit gespart.“

Schutz für Passanten

Für Autofahrer ist es die Horrorvision: Zwischen parkenden Pkws rennt ein Kind auf die Straße. In Zukunft warnt der Wagen den Fahrer schon, bevor dieser das Kind überhaupt sehen kann. Möglich machen es Transponder, die Fußgänger oder Radfahrer bei sich tragen.

„Das Auto ortet die Transponder schon früh per Funk – auch hinter einem geparkten Fahrzeug, einem Bus oder einer Hecke“, sagt Daniel Schwarz, Leiter des Projekts „KoTAG“ bei BMW. Das System ermittelt für jeden Transponder Entfernung und Bewegungsrichtung.

Droht eine Kollision, warnt es den Fahrer. Und: „Reagiert der nicht, leitet es eine Bremsung ein.“ Derzeit ist der Transponder so groß wie eine Zigarrenkiste. Mit Forschungspartnern will BMW ihn kleiner machen. „Er soll etwa ins Handy eingebaut werden.“

Schluss mit Stop-and-go: Computer koordinieren das Anfahren

Verzögerte Reaktion auf den Vordermann, 100-fach multipliziert – das ist die Ursache für Stop-and-go und Stau. Dass es anders geht, bewies letztes Jahr ein Test in den Niederlanden.

In einem international ausgeschriebenen Technik-Wettbewerb fuhren neun Fahrzeuge selbstständig in Kolonne, darunter eines vom Karlsruher Institut für Technologie. „Zehnmal in der Sekunde tauschte jedes Auto mit sämtlichen vor ihm fahrenden Wagen Informationen über die Position aus“, erzählt Projektleiter Martin Lauer. „Das funktioniert bis zu 700 Metern Distanz.“

So gibt es deutlich weniger Verzögerung beim Anfahren oder Bremsen. Lauer: „Der Rechner ist schneller als der Mensch. Es geht rascher voran, der Spritverbrauch sinkt, es passieren weniger Unfälle.“

Folgsamer Transporter: Fahrer steuert ihn per Smartphone

Der Postbote und der Kurierfahrer haben es bald einfacher, mittelfristig profitiert von der Technik vielleicht auch der Müllmann: Ein neuartiger Transporter fährt ihnen auf Zuruf selbstständig hinterher. Entwickelt haben ihn Techniker von Volkswagen mit Experten der Post.

Dank GPS-Ortung einer Kamera hinter der Frontscheibe fährt das Elek­tro-Auto „eT“, gesteuert von einem Computer, im Schritt-Tempo selbstständig. Die Kamera erkennt den Fahrbahnverlauf und Gegenstände. Kleinere Hindernisse umfährt der Van – steht ein parkendes Auto voll im Weg, stoppt er. Natürlich hält er auch für Fußgänger oder vor einer Kreuzung.

Den Fahrbefehl gibt der Bote per Smartphone. „Dann kommt eT zu ihm oder folgt ihm von Haus zu Haus“, erklärt Volkswagen-Forscher Alexander Siebeneich. „Über eine W-Lan-Verbindung erfährt der Transporter, wo sein Fahrer ist.“ Im Frühjahr startet der Praxistest.

 

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