Ist der Doc top oder flop?

Das bringen Arztbewertungsportale im Internet

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Egal ob Akkubohrer, Ferienreisen oder Restaurants – Bewertungen im Internet sind gang und gäbe. Auch Ärzte sind schon lange keine Halbgötter in Weiß mehr, sondern müssen sich öffentliche Kritik gefallen lassen. Auf Arztbewertungsportalen im Internet können Patienten den Doc bewerten und damit anderen Kranken bei der Arztwahl helfen. Das klingt auf den ersten Blick super, doch was steckt dahinter?

Was wird wirklich bewertet?

Grundsätzlich bewerten solche Portale nicht die fachliche Qualifikation des Arztes. Das wäre auch kaum möglich, weil die meisten Patienten medizinische Laien sind und überhaupt nicht beurteilen können, ob der Doc fachlich auf dem neuesten Stand ist. Bewertet wird nur das Drumherum, also beispielsweise Freundlichkeit, Wartezeiten, Terminvergabe, Praxisorganisation und Ähnliches. Das sind natürlich wichtige Faktoren, aber gerade in diesem Bereich sind die Ansprüche auch extrem individuell. Der eine empfindet eine Wartezeit von 30 Minuten schon als Zumutung, der andere wird erst nach 3 Stunden langsam sauer.

Wenige Bewertungen

Das zentrale Problem in den Portalen ist allerdings die meist viel zu geringe Anzahl von Bewertungen, so eine aktuelle Veröffentlichung des renommierten Instituts für Höhere Studien in Wien. Auch Stiftung Warentest kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. In der Praxis findet man für viele Ärzte also schlicht gar keine Einschätzung. Wenn doch, gibt es häufig nur wenige und dazu oft noch relativ alte Bewertungen. Klar, dass solche Einzelmeinungen nicht wirklich aussagekräftig sind. Manchmal haben aber einzelne Ärzte überdurchschnittlich viele Bewertungen.

Kein Fake-Schutz

Bei einigen Portalen kann man Bewertungen anonym abgeben, bei anderen muss man sich vorher registrieren. Trotzdem können die Anbieter natürlich nicht überprüfen, ob man den Doc nur einmal gesehen hat, seit zehn Jahren in regelmäßiger Behandlung ist oder ob es sich vielleicht sogar um eine frei erfundene Bewertung handelt. Negativwertungen können also nicht nur von frustrierten Patienten, sondern auch von missgünstiger Konkurrenz kommen. Und es ist schließlich auch kein Geheimnis, dass gekaufte Fake-Bewertungen ganz allgemein im Internet weit verbreitet sind.

Immerhin: Um Hasstiraden auf einzelne Ärzte zu verhindern, werden krasse Beschimpfungen und Ähnliches meist herausgefiltert.

Unterschiedliche Systeme

Manche Portale verteilen nur Sternchen, Schulnoten oder Ähnliches, bei anderen gibt es auch Freifelder für Kommentare. Wie aussagekräftig man das jeweilige Bewertungssystem findet, ist Geschmackssache. Auch die Anzahl der bewerteten Kriterien ist unterschiedlich, bei einigen Portalen werden nur wenige Punkte abgefragt, bei anderen umfangreiche Fragebögen.

Die meisten Portale werden von kommerziellen Anbietern betrieben. Die müssen natürlich irgendwie Geld verdienen. Das passiert beispielsweise dadurch, dass sie Anzeigen an Ärzte verkaufen. Hier muss man also höllisch aufpassen, ob man gerade eine Anzeige sieht oder eine echte Bewertung.

Ausnahme: Weiße Liste

Löbliche Ausnahme: Das von der Bertelsmann-Stiftung durchgeführte nichtkommerzielle Projekt Weiße Liste (weisse-liste.de), bei dem Verbraucherzentralen, Sozialverbände und Krankenkassen kooperieren. Hier können nur Mitglieder bestimmter Krankenkassen Bewertungen abgeben, der Fragebogen wurde nach einem wissenschaftlichen Verfahren entwickelt und Bewertungen werden erst veröffentlicht, wenn mindestens fünf Patienten ihre Beurteilung abgegeben haben. Allerdings sind auch hier nur wenige Ärzte überhaupt bewertet worden.

Fazit: Wie bei Kritik im Internet üblich, sind auch Arztbewertungsportale mit Vorsicht zu genießen. Bestenfalls liefern die Portale einen ersten Anhaltspunkt, oft aber gar nichts oder vielleicht sogar Fake-Bewertungen. Ein wirklich fundiertes Urteil kann man sich also nach wie vor erst dann erlauben, wenn man den Arzt persönlich kennengelernt hat.


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