Privatsofa statt Hotelbett

Couchsurfing: So funktioniert der Reisetrend

Foto: dpa

Reisen bildet, bereichert, begeistert. Nur leider ist es nicht ganz billig. Wie schön wäre es da, wenn man sich wenigstens die Hotelkosten sparen und zugleich neue Bekanntschaften mit Einheimischen schließen könnte. Couchsurfing macht beides möglich.

Schon 13 Millionen Menschen sind auf entsprechenden Internetplattformen registriert, „surfen“ von Sofa zu Sofa durch die Welt oder lassen Wildfremde kostenlos in ihren Wohnungen nächtigen. Doch wer die Freuden der Gastfreundschaft erleben und beleben will, der sollte die folgenden Tipps unbedingt beherzigen.

Gerade für junge Leute mit wenig Geld in der Reisekasse ist das Couchsurfing eine gute Alternative. Der Interrail-Reisende im Studentenalter ist aber genauso Couchsurfer wie der gestandene Lehrer oder Banker jenseits der 50. „Den meisten Couchsurfern geht es nämlich nicht allein um das Monetäre“, sagt Journalistin Anja Kühner aus Düsseldorf.

Sie muss es wissen, die 48-Jährige „surft“ seit mehr als zehn Jahren durch die Welt, war schon Dutzende Male selbst Gastgeberin und hat gewissermaßen das Standardwerk der Couchsurfer-Szene verfasst: „(Fast) gratis Reisen: Ein Guide durch die Gastfreundschaftsnetzwerke“. „Den Couchsurfern geht es darum, Menschen kennenzulernen, neue Erfahrungen zu machen und auch die eigenen Grenzen auszuloten“, so Kühner.

Das klingt ein bisschen nach Gefahr, nach Abenteuer. Ist es auch, denn das Sofa kann sich als Luftmatratze oder als Türblatt zwischen zwei Stühlen entpuppen und der Gastgeber als Dreckspatz oder Langweiler. Das Prinzip geriet in den vergangenen Jahren auch mehrfach in Verruf, weil es Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe auf Übernachtungsgäste gab oder „Couchanbieter“ von ihren Gästen bestohlen wurden. Vorsicht ist also geboten. „In den meisten Fällen sind die Erfahrungen aber positiv“, sagt Kühner. „Zumindest dann, wenn man sich gut auf die Reise vorbereitet.“

Das richtige Portal finden

Marktführer mit elf Millionen Mitgliedern ist couchsurfing.org. Hier werden Sofas in 150.000 Städten weltweit angeboten. Vorteil: Hier findet man die größte Auswahl an Gastgebern. Nachteil: Die Datenschutzbestimmungen sind mangelhaft, man überträgt den Betreibern quasi das uneingeschränkte Recht zur Daten-Nutzung.

Alternativen sind hospitalityclub.org (ca. 600.000 Mitglieder) und bewelcome.org (85.000 Mitglieder), allerdings mit einem deutlich kleineren Angebot an Gastgebern (sogenannten Hosts). Für Leute mit speziellen Interessen gibt es auch Portale wie dachgeber.de vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) für Radfahrer oder teacherstravelweb.com für Lehrer.

Kosten für Verifizierung sind gut investiert

Die Registrierung ist in der Regel kostenlos, allerdings kann für eine Verifizierung der Personenangaben je nach Anbieter eine Gebühr (circa 18 Euro) anfallen. Von dieser Option sollte man jedoch Gebrauch machen, garantiert sie einem doch ein höheres Maß an Sicherheit, dass sich hinter dem Angebot auch wirklich eine reale Person verbirgt. „Couchsurfer bewegen sich schließlich zunächst im virtuellen Raum. Niemand weiß, wer da am anderen Ende des Rechners sitzt“, sagt Kühner.

Deshalb gilt für Surfinteressierte auch: Vorab so viel wie möglich über den Gastgeber erfahren. „Schauen Sie sich die Profile genau an. Was verbindet einen? Was erwartet der Host von seinem Gast? Immer individuelle Anfragen schreiben, das erhöht die Chancen, dass man wirklich eingeladen wird“, sagt die erfahrene Couchsurferin.

Wichtigstes Indiz für eine gute Übernachtungsoption sind die Bewertungen, die frühere Couchsurfer zum Gastgeber abgegeben haben. „Da bekommt man ein guten Eindruck, wie es vor Ort laufen kann“, sagt Kühner. Gerade als Frau sollte man nicht bei Personen nächtigen, die noch keine oder negative Bewertungen haben. Anmache und eindeutige Angebote sind keine Seltenheit.

„Wer auf Nummer sicher gehen will, versucht erst einmal, nur bei weiblichen Gastgebern unterzukommen“, so Kühne. Wenn es vor Ort mit dem Host nicht klappt, das Bauchgefühl einen warnt oder die Wohnung absolut nicht den Hygienevorstellungen entspricht, dann lieber in einem Hotel absteigen. Am besten schon vorab Adressen in der Nähe heraussuchen.

Gastgeschenke sollten im Gepäck sein

Damit der erste Eindruck vor Ort positiv ausfällt, sollten die Surfer ein kleines Gastgeschenk mitbringen. „Das ist ein Zeichen von Wertschätzung“, so die Expertin. Ein nettes Mitbringsel aus der Heimat, das spendierte Bier am Abend oder das Angebot, mit dem Haushund Gassi zu gehen, erfüllen schon diesen Zweck.

„Und jeder Gast sollte gleich zu Beginn wissbegierig sein“ sagt Kühner. „Das beginnt schon mit der Frage, ob man die Schuhe ausziehen soll. So werden Fettnäpfchen vermieden und das Zusammenleben auf Zeit wird einfacher.“

Tipps für Gastgeber

Wer selbst gesurft ist, muss nicht unbedingt auch Gastgeber werden – und umgekehrt. Wer sich lieber nur die Welt nach Hause holt, kann seine Couch auch auf den entsprechenden Portalen feilbieten. „Beschreiben Sie sich und ihre Übernachtungsgelegenheit ausführlich“, rät Kühner.

Entscheiden Sie selbst, wie weit sie den Surfer in ihr Leben lassen. Darf er auch in der Wohnung sein, wenn Sie nicht da sind? Darf er ihr WLAN nutzen oder gar ihren Schlüssel haben? Das alles kann man auch erst einmal ausschließen und erst bei gegenseitiger Sympathie erlauben.“

Allerdings ergeben sich durch den Hausgast auch versicherungstechnische Fragen: Verursacht ein Gast einen Schaden – zum Beispiel, weil er eine Kerze brennen lässt – und ist nicht haftpflichtversichert, dann kann die Hausratversicherung des Gastgebers greifen.

„Erhöht sich durch die vielen Besucher aber das Risiko eines Schadens, kann die Versicherung sich auch querstellen“, sagt Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale NRW. „Am besten fragt man zuvor bei seiner Versicherung nach.“

Sollte der Surfer sich als Langfinger entpuppen, haben Gastgeber schlechte Karten. Die Hausratversicherung zahlt nur bei Einbruch-Diebstählen. „Hat man den Dieb selbst reingelassen oder ihm gar einen Schlüssel gegeben, bleibt man auf dem Schaden sitzen.“

Expertin Kühner rät: „Wer hier auf Nummer sicher gehen will, lässt sich am besten gleich beim ersten Treffen eine Kopie des Ausweises aushändigen. Das wird jeder ehrliche Couchsurfer in Ordnung finden.“

Gemeinsam statt einsam

Der Gastgeber sollte seinem Gast aber nicht alleine ein Dach über dem Kopf bieten, sondern auch etwas Zeit mit ihm verbringen. „Das ist schließlich der Grund, warum man beim Couchsurfen mitmacht – das Miteinander“, sagt Kühner.

Eine kleine Stadtführung, ein gemeinsames Abendessen oder der Besuch einer Party sind gute Möglichkeiten, sich kennenzulernen. Kühner mahnt aber: „Man sollte einen Gast, der gerade erst mit Jetlag angekommen ist, auch nicht überfordern. Manche Surfer wollen erst mal einfach nur schlafen und sofort auf die Couch.“

Die Idee, gratis bei Fremden zu nächtigen, ist übrigens kein Phänomen des Internetzeitalters. Schon 1949 riefen dänische Studenten das Netzwerk „Servas“ ins Leben. Damals funktionierte die Kontaktanbahnung noch über gedruckte Gastgeberlisten und Briefe. Im Jahr 2000 gründeten deutsche Studenten den Hospitalityclub, couchsurfing.com ist seit 2003 im Netz. Das Durchschnittsalter der Surfer dort liegt bei 28 Jahren.

Der älteste Surfer, der bei Kühner nächtigte, war schon 72. „Wer sich unsicher ist, ob das Surfen auch was für ihn oder sie ist, der kann auch zu Couchsurfing-Stammtischen gehen oder spontane Events besuchen und mal in die Szene reinhorchen“, rät die erfahrene Globetrotterin. „Infos dazu gibt es in den Foren der entsprechenden Internetplattformen.“


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aktualisiert am 29.08.2017

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