Nicht die Finger verbrennen!

Cent-Auktionen im Internet: Warum man sie sich unbedingt sparen sollte

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Berlin. Smartphones, Tablets, Fernseher, Küchengeräte und viele andere teure Dinge für kleines Geld – das versprechen sogenannte Cent-Auktionen im Internet. Das klingt nicht nur wie ein Märchen, sondern ist auch eins. Am Ende gewinnt nämlich kaum jemals der Kunde, sondern der Anbieter. Stiftung Warentest und die Verbraucherzentralen warnen schon seit Jahren vor diesen Praktiken. Trotzdem fallen gutgläubige Schnäppchenjäger immer wieder drauf rein. Und so funktioniert das lukrative Geschäftsmodell:

Jedes Gebot kostet

Die Anbieter stellen attraktive Produkte zur Versteigerung ins Internet, beispielsweise ein Smartphone. Der Startpreis liegt meist bei null und jedes Gebot erhöht den Preis nur um einen einzigen Cent, manchmal auch ein wenig mehr. Daher auch der Name Cent-Auktionen.

Zum Mitbieten braucht man Punkte, die bei jedem Anbieter anders heißen, beispielsweise Bietpunkte, Kauf-Centos, Biddys oder Bids. Diese Punkte kosten meist um die 50 Cent pro Stück. Oft locken die Anbieter mit ein paar Gratis-Punkten, beispielsweise bei der Anmeldung.

Wer mitbietet, verbraucht für jedes Gebot einen Punkt, bezahlt also rund 50 Cent. Das Gemeine daran: Durch den Umweg über die Punkte merkt man nicht, wie viel Geld man beim Mitsteigern in Wirklichkeit ausgibt. Wer beispielsweise 20-mal mitbietet, erhöht den Preis des Produkts um schlappe 20 Cent und bezahlt dafür aber rund 10 Euro. Und dieses Geld ist immer weg – egal, ob man am Ende den Zuschlag erhält oder nicht.

Satte Gewinne

Die Anbieter machen ihren Gewinn also in erster Linie mit den erfolglosen Geboten der Kunden, nicht mit dem Verkauf der Ware. Dazu ein Beispiel: Ein Smartphone im Wert von 200 Euro wird für 40 Euro versteigert. Das entspricht 4.000 Geboten zu je 1 Cent. Jedes dieser 4.000 Gebote kostet aber 50 Cent. Insgesamt haben die Bieter also 2.000 Euro für ein 200-Euro-Smartphone bezahlt. Das klingt wirklich nach einem super Geschäft – für den Anbieter.

Manchmal gibt’s für die sinnlos verpulverten Euro aber immerhin eine kleine Entschädigung, beispielsweise Payback-Punkte oder Prämien. Gut zu wissen: Nicht genutzte Punkte kann man in der Regel nicht zurückgeben, das Geld ist also weg.

Lukrativer Betrug

Es gibt keinen festen Zeitpunkt, zu dem eine Auktion endgültig beendet wird. Durch jedes Gebot startet vielmehr eine neue Frist für weitere Gebote, beispielsweise 15 Sekunden. Wenn in dieser Zeit irgendjemand neu bietet, läuft die Auktion aufs Neue für 15 Sekunden länger weiter - theoretisch bis zum Sankt Nimmerleinstag.

Für kriminelle Anbieter lohnt es sich deshalb, über sogenannte Biet-Roboter automatisiert selbst mitzubieten. So können sie die Preise erst in die Höhe treiben. Und wenn am Ende die Konten der echten Bieter leer geräumt sind, können sie das Produkt ganz einfach selbst ersteigern, müssen also niemals Ware ausliefern. Der Kunde jedenfalls kann kaum kontrollieren, ob zum Abschluss tatsächlich ein echter Bieter ein echtes Produkt bekommen hat oder ob es sich um reine Fake-Angebote findiger Betrüger handelt.

Beruhigungspillen

Viele Anbieter versuchen, misstrauische Interessenten zu beruhigen, beispielsweise durch die Veröffentlichung der Ergebnisse bereits abgeschlossener Auktionen oder durch Fotos und Kommentare begeisterter Kunden. Doch es ist ja ein offenes Geheimnis, dass das Internet noch geduldiger sein kann als Papier und auch Kundenbewertungen nicht immer echt sind.

„Bei Problemen mit dem Anbieter kann es schwierig werden, sein Recht durchzusetzen“, warnt der Kölner Jurist Harald Rotter von der Arbeitsgemeinschaft Allgemeinanwälte beim Deutschen Anwaltsverein. So mancher Anbieter sitzt nämlich im Ausland, bei einigen findet man auf der Website zwar teure Service-Hotlines, aber keine Postadresse oder gar allgemeine Geschäftsbedingungen.

Teurer als im Laden

Bei den meisten Anbietern kann der Kunde auch selbst Biet-Roboter nutzen. Dann gehen die Gebote – und damit das Geld – automatisch im Sekundentakt raus. Im Eifer des Gefechts geht dann leicht der Überblick verloren, wie viel man inzwischen für einen bestimmten Artikel bezahlt hat. Mit Pech kosten die vielen einzelnen 50 Cent teuren Gebote insgesamt mehr als dasselbe Produkt beim normalen Einkauf.

Erhebungen der Stiftung Warentest sowie der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zeigen zudem, dass der Wert der versteigerten Waren häufig recht hoch angesetzt wird. Viele der angebotenen Produkte bekommt man im Handel deutlich günstiger, als von den Anbietern angegeben.

Illegales Glücksspiel

Wer bei solchen Auktionen mitmacht, will in der Regel nicht nur shoppen, sondern sucht auch den Nervenkitzel. Viele Experten betrachten solche Cent-Auktionen deshalb als Glücksspiel. Die Rechtslage ist allerdings etwas kompliziert: „Hierzulande hat zwar jedes Bundesland ein eigenes Glücksspielgesetz“, erklärt Harald Rotter von der Arbeitsgemeinschaft Allgemeinanwälte beim Deutschen Anwaltsverein. „Faktisch haben sich aber alle Länder an der bundeseinheitlichen Regelung des Glücksspielstaatsvertrags beteiligt, es gelten also überall dieselben Regeln. Bis 2012 war demnach jegliches Glücksspiel im Internet verboten. Seit der Änderung des Glücksspielstaatsvertrags im Jahr 2012 gibt es Ausnahmen von diesem Verbot.“

Cent-Auktionen fallen aber nicht unter diese Ausnahmeregelung. Deshalb hatte ein Verwaltungsgericht eine solche Auktion verboten. Der Anbieter ging in die Berufung, und die Sache landete vor dem Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg. Die Richter stellten fest, dass Cent-Auktionen wegen der schnellen Wiederholfrequenz beim Bieten Suchtgefahr auslösen. Deshalb handele es sich um unerlaubtes Glücksspiel. (VGH Baden-Württemberg, 23.5.2013, 6 S 88/13).

Anschließend gab es allerdings ein wenig Verwirrung. Denn trotz dieser eindeutigen Aussage hatte der Verwaltungsgerichtshof das vorherige Verbot aufgehoben und für ungültig erklärt. „Der Grund war allerdings nur, dass dem Verwaltungsgericht ein Formfehler unterlaufen war“, erklärt Harald Rotter diese Entscheidung. „Beide Gerichte waren sich in der Sache einig: Es handelt sich um verbotenes Glücksspiel.“

Manche Anbieter schreiben nun auf ihren Seiten, dass Cent-Auktionen völlig legal seien. Rechtsanwalt Harald Rotter dagegen sieht das anders: „Die Rechtslage ist absolut klar. Bei Cent-Auktionen handelt es sich um verbotenes Glücksspiel nach dem bundesweit gültigen Glücksspielstaatsvertrag.“ Das Mitbieten bei solchen Cent-Auktionen ist also illegal. Wer Ärger vermeiden will, lässt die Finger davon und bietet lieber bei normalen Auktionen mit, beispielsweise bei eBay.


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