Knoten sanft ertasten

Blinde Frauen helfen jetzt bei der Brustkrebs-Früherkennung


Alfter. Eins, zwei, drei – eins, zwei, drei. „Unser Walzer“, schmunzelt Katrin Kasten. Im Takt gleiten die Finger der blinden Arzthelferin auf der Suche nach winzigen Knoten über eine weibliche Brust. Die ungewöhnliche Art der Krebsvorsorge wird von der Initiative „Making more health“ („Mehr Gesundheit machen“) unterstützt.

Dahinter stehen der Pharma-Konzern Boehringer Ingelheim bei Mainz und die gemeinnützige Organisation Ashoka. Sie fördern weltweit Unternehmer, die sich sozialen Zielen im Dienste der Gesundheit verschrieben haben. Wie Frauenarzt Frank Hoffmann.

Seine Idee: Den ausgeprägten Tastsinn von blinden und stark sehbehinderten Frauen zur Früherkennung von Brustkrebs einsetzen. Hoffmann gründete das Sozialunternehmen „discovering hands“ („Entdeckende Hände“), um Medizinische Tastuntersucherinnen auszubilden. Bundesweit arbeiten schon 14 Absolventinnen in Praxen und Kliniken. Pro Jahr sollen 20 dazukommen.

„Wir sind dabei, mehr Mediziner von diesem Tätigkeitsfeld zu überzeugen“, so Hoffmann. „Es ist nicht ganz einfach für das Praxisteam, einen blinden Menschen zu integrieren.“ Michael Döll, Einkaufsmanager bei Boehringer Ingelheim, hilft bei Verhandlungen und sucht nach neuen Finanzierungsquellen. Sein Arbeitgeber hat ihn für ein halbes Jahr zu „discovering hands“ entsandt. Alle 44.000 Mitarbeiter des Weltkonzerns sind angehalten, diese Projekte zu unterstützen.

Expertinnen erkennen bereits Knoten ab der Größe einer Linse

Zurück zur Krebsvorsorge: Die Schulung des Fingerspitzengefühls dauert neun Monate. Die ehemalige Buchhalterin Kasten, die nach einem Unfall erblindete, spürte Gummibärchen unter einem Schaumstoffkissen auf und übte dann an Silikonmodellen. Sie lernte Medizintheorie, hospitierte im OP und in der Pathologie.

Nun kann sie Knötchen finden, so groß wie eine Linse. Ärzte ertasten Tumore ab der Größe einer Kaffeebohne, Patientinnen selbst erst im Ausmaß einer Murmel. Hoffmann: „Je früher man einen Tumor entdeckt, desto eher kann man ihn behandeln.“

Seit Anfang 2012 arbeitet Kasten in einer gynäkologischen Praxis im nordrhein-westfälischen Alfter. Im ersten Jahr kamen über 200 Frauen zu ihr, manche zweimal. Obwohl bisher nur wenige Krankenkassen die Kosten übernehmen.

Ihre Chefin, Dorit Indefrei, ist hellauf begeistert: „Die Patientinnen kommen von weit her“, sagt sie. Jede verdächtige Stelle wird anschließend noch mal per Ultraschall überprüft. Demnächst wird es Tastuntersucherinnen übrigens auch in Österreich geben.

Mit dieser Methode lassen sich zudem Veränderungen der Lymphknoten, der Schilddrüse und vieles mehr erkennen. Hoffmann: „In Entwicklungs- und Schwellenländern, wo die Apparatemedizin nicht so verbreitet ist, bietet es sich an, die Diagnostik in die Hände von Blinden zu legen.“

discovering-hands.de

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