Urteil

Auffahrunfall: Hintermann ist nicht immer schuld

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Nebel, Glatteis oder ein Sandsturm wie 2012 auf der A19 bei Rostock, als 83 Fahrzeuge ineinanderkrachten und acht Menschen starben – nach Auffahrunfällen steht oft die Frage: Wer ist schuld? Und wer zahlt welchen Schaden?

Hat’s gekracht, geht man nach einem Auffahrunfall zunächst immer davon aus, dass der Hintermann schuld ist. „Der erste Anschein spricht dafür, dass er nicht genügend Abstand gehalten hat, zu schnell oder unaufmerksam gefahren ist“, erklärt Jost Kärger, Experte für Verkehrsrecht des ADAC in München. Denn ein Autofahrer muss eigentlich immer damit rechnen, dass der Wagen vor ihm bremst.

Massenkarambolagen regulieren Versicherer gemeinsam

Für Karambolagen mit mindestens 50 Autos wie im Jahr 2012 bei Rostock gelten allerdings spezielle Regeln. „Solche Unfälle kommen zum Glück äußerst selten vor“, so Kärger. Weil nach einem Massenunfall schwer festzustellen ist, wer wie viel Schuld trägt, schließen sich die Versicherer zu einer gemeinsamen Regulierungsaktion zusammen. Sie bieten den Geschädigten an, die Schäden nach einem einheitlichen Schlüssel abzurechnen: Heckschäden übernehmen die Versicherer zu 100 Prozent, Frontschäden zu 25 Prozent. Sind Front und Heck des Wagens beschädigt, kommt der Versicherer für zwei Drittel der Kosten auf. In der Regel kümmern sich zwei oder drei beteiligte Haftpflichtversicherer um die Abwicklung. Der Schadenfreiheitsrabatt bleibt von der Zahlung unberührt.

„Geschädigte schätzen die Regelung, weil sie schnell und unbürokratisch ist“, sagt Carsten Schiering, Referent für Kraftfahrtversicherung, Kfz-Technik und Statistik beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Bei Kettenauffahrunfällen ab 20 Fahrzeugen wird das Verfahren ebenfalls angewandt. Allerdings nur, wenn es zu schwierig ist, den Unfallhergang nachzuvollziehen.

So hat das Oberlandesgericht Hamm kürzlich entschieden, dass der Schaden in diesem Fall hälftig geteilt werden kann (OLG Hamm, 6.2.2014, 6 U 101/13). Nach einem Unfall in Gronau im Münsterland konnte niemand mehr sagen, ob die Ehefrau des Klägers zuerst auf ein vorausfahrendes Fahrzeug aufgefahren war oder ob ihr Wagen vom Hintermann in einer Kettenreaktion auf das zuvorderst fahrende Auto aufgeschoben worden war.

Wenn der Vordermann plötzlich bremst …

Auch wenn der Vordermann selbst einen Unfall hatte und deshalb urplötzlich stehen bleibt, kann es sein, dass man einen Teil des Schadens ersetzt bekommt. Dann ist der Auffahrende nicht allein Schuld an dem Unfall, wie das Oberlandesgericht in einem aktuellen Fall in Landshut entschieden hat (OLG München, 14.2.2014, 10 U 3074/13). Ein Gutachter stellte fest, dass das vorausfahrende Fahrzeug aufgrund einer vorangegangenen Kollision plötzlich zum Stillstand gekommen oder durch den Aufprall sogar zurückgeschleudert worden war.

Bremst der Vordermann ruckartig oder ohne zwingenden Grund plötzlich stark ab, liegt ein untypischer Ablauf eines Auffahrunfalls vor, befand das Gericht. Und damit muss ein nachfolgender Autofahrer nicht ohne Weiteres rechnen.


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