Technik

Auf Zukunft programmiert


Galileo ist das größte EU-Industrieprojekt im All. Firmen aus Bayern sind vorne dabei

München. Oben am Himmel, da leuchten die Sterne – und es blinken immer öfter Satelliten. 30 weitere dieser Hightech-Stationen will die Europäische Union bis 2012 ins All schießen. Sie umkreisen dann in etwa 23.260 Kilometern Höhe die Erde, und sie sollen präzise und zuverlässig Positionsdaten liefern für eine neue Wachstumsindustrie: Die Satellitennavigation.

Es ist ein Riesen-Projekt, das Brüssel hier unter dem Titel „Galileo“ anschiebt. Das neue Satellitensystem ist gedacht als  zivile, technisch verbesserte Ergänzung zum militärisch kontrollierten US-Navigationssystem GPS .

Große Erwartungen gibt es an Galileo im Blick auf Wachstum und Beschäftigung. Innerhalb der ersten 20 Jahre nach Start der Satelliten  rechnet die EU mit bis zu 11,7 Milliarden Euro an Einnahmen – etwa durch den Verkauf  satellitengestützter Empfangsgeräte.

Chancen auf viele weitere Arbeitsplätze

Im Idealfall entstehen mit dem Galileo-Projekt viele zusätzliche Arbeitsplätze – über 100.000 allein in Europa, sagen Marktforscher voraus. Für Bayern ist dabei von 8.000 bis 10000 neuen Stellen  die  Rede.

Großes Thema war die Satellitennavigation auch bei der Fachmesse Systems Ende Oktober in München. „Der Markt wartet auf Ideen. Wir sollten uns jetzt darauf konzentrieren, das Machbare umzusetzen“, beschrieb Stephan Jacquemot, beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zuständig für Technologiemarketing, den aktuellen Stand der Dinge.

Wie der Einstieg in den Satellitennavigations-Markt gelingen kann, zeigten beispielhaft die 258 Teilnehmer beim vierten  „European Satellite Navigation“-Wettbewerb. Ausgezeichnet wurden auf der Systems die besten Ideen für innovative Anwendungen – darunter waren auch zwei  junge Unternehmen aus Bayern: Die ubinam on demand Gmbh und die Superwise Technologies AG. Schon seit einiger Zeit wächst die Zahl der Firmen in München und Oberbayern, die sich mit Satellitennavigation befassen. Eine Studie der lokalen Industrie- und Handelskammer sowie der Stadt München belegt: Aktuell sind 90 Firmen mit  600 Mitarbeitern in diesem Zweig tätig.

Neue Anbieter,  neue Dienste

Noch sind die meisten dieser Firmen klein, bringen es insgesamt auf gerade mal 200 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Martin Haunschild vom bayerischen Netzwerk für Luft- und Raumfahrt ist überzeugt: „Diese Unternehmen haben ganz klar das Potenzial, Schlüsselpositionen von morgen zu übernehmen.“

Ähnlich wie bei der Luft- und Raumfahrt hat sich Bayern und vor allem die  Wirtschaftsregion München auch in der Satellitennavigation längst eine führende Rolle gesichert: Oberpfaffenhofen ist Standort des zukünftigen Galileo-Kontrollzentrums, das vom Boden aus die Aktivitäten der Satelliten im Weltraum lenkt.

Seinen Hauptsitz hat hier auch Galileo Industries – das als  Joint Venture führender europäischer Raumfahrtfirmen die Galileo-Infrastruktur mit 30 Satelliten und Bodenstationen entwickelt und liefert. Und für den Bau eines Teils der Galileo-Satelliten verantwortlich sind hier ansässige Firmen wie zum Beispiel Kayser-Threde.

Bleibt die Frage, wann Galileo startet.  Zuversichtlich ist Professor Klaus Wittmann, Direktor des Raumflugbetriebs des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums in Oberpfaffenhofen: Das System sei 2012 startklar. Nach der jüngsten Diskussion um die Finanzierung herrsche wieder „Aufbruchstimmung“. 

 Texte: Michaela Geiger

 

Beispiel: ubinam

Schlaue Post

Gilching. Das eigene Postpaket in der Packstation abholen war gestern. Bald kann ein Kunde über eine Online-Plattform selbst entscheiden, wann und wohin er sein Paket geliefert haben will. Dafür hat die Firma ubinam on demand GmbH ein System  entwickelt, das es möglich macht, verschiedene Lieferadressen für bestimmte Uhrzeiten und Wochentage zu benennen oder die Adressen von Freunden und Nachbarn einzugeben, die Pakete entgegennehmen.

„Das macht das Zustellsystem dynamischer und flexibler“, sagt Vorstand Giuliano Visintini. Und wer sich noch für den Ortungs-Service anmeldet, dem wird das Paket sogar direkt an seine aktuelle GPS-Position zugestellt. Mit dieser Idee hat ubinam on demand einen von der Post-Tochter DHL ausgeschriebenen Spezialpreis für „Intelligente Verkehrssteuerung“ beim „Satellite Navigation“-Wettbewerb gewonnen.

 

Beispiel: Kayser-Threde

Schlaue Satelliten

München. Einer der Spezialisten für Luft- und Raumfahrt in Bayern ist Kayser-Threde – seit 40 Jahren. Inzwischen setzt der Mittelständler auch auf die Satellitennavigation. „Wir wollen hier eine größere Rolle in Deutschland und Europa einnehmen“,  sagt  Geschäftsführer Jürgen Breitkopf.

Zu mehr Chancen bei der Auftragsvergabe verhilft Größe. Kürzlich ist Kayser-Threde daher mit dem Bremer Konzern OHB zum zweitgrößten deutschen Raumfahrtkonzern fusioniert. „Wir ergänzen uns perfekt“, versichert Breitkopf. Es sollen sogar 20 neue Mitarbeiter eingestellt werden.

Erfolgreich hat sich Kayser-Threde bereits beim Galileo-Projekt etabliert:  Vor kurzem hat die Firma mit der Verkabelung der Nutzlasten an Bord der ersten vier Galileo-Satelliten begonnen.

Zudem sind die Münchner Spezialisten quasi für den Herzschlag der Galileo-Mission verantwortlich: Im Luft- und Raumfahrtzentrum Oberpfaffenhofen installiert Kayser-Threde im kommenden Jahr ein Gerät, das durch hochgenaue Zeitmessung  präzise und zuverlässige Positionsbestimmungen erst möglich macht.

Ohne diese Galileo-Systemzeit funktioniert nichts. Mehrere Atomuhren sind dazu nötig, die von speziellen Zeit- und Frequenzmessgeräten überwacht werden. Diese Technologie hat Kayser-Threde gemeinsam mit dem Physik-Nobelpreisträger Theodor Hänsch entwickelt.

Ein weiteres Projekt in der Satellitennavigation ist der Erdbeobachtungssatellit „Enmap“. Hier ist Kayser-Threde führend bei Konzeption und Bau.

Miriam Zerbel

 

Beispiel: Superwise

Schlaues Handy

Wolfratshausen. Das kleine Handy wird jetzt zum großen Archiv: Es kann auf eigenen Digitalfotos Gebäude, Gegenstände, Tiere oder Pflanzen erkennen und dazu auf Knopfdruck nähere Informationen liefern. „Das sogenannte ‚Eye-Phone’ wird den Zugang zum Wissen komplett verändern“, sagt Ernst Prechtl, Vorstand von Superwise Technologies.

 

Was früher in Bibliotheken stand, wird im „Eye-Phone“ bald über GPS, später über Galileo-Satelliten abrufbar sein.  Bereits Anfang 2008 will Superwise einen Prototypen vorstellen.

Die Technologie hinter dem „Eye-Phone“ funktioniert wie ein menschliches Gehirn:  Sie ist lernfähig, arbeitet intuitiv und assoziativ. Text-, Sprach- und Bildanalyse sind in einer einzigen Anwendung kombinierbar. Prechtl: „Das ist bisher weltweit einmalig.“

 

Überzeugt hat das auch die Jury des „Galileo Masters“: Superwise gehört zu den Preisträgern beim diesjährigen Ideenwettbewerb der Satellitennavigations-Branche.

 

Interview

„Jetzt ist die Zeit zum Einsteigen“

Martin Haunschild ist als Manager des bayerischen Netzwerks für Luft- und Raumfahrt auch zuständig für Satellitennavigation. Wie sich diese junge Branche fit macht für die Zukunft, beschreibt er in AKTIV.

 

AKTIV: Wie wird die Satellitennavigation wichtig als Wirtschaftsfaktor?

Haunschild: Indem viele Firmen nützliche Produkte, Anwendungen und Dienstleistungen entwickeln, die Kunden brauchen.

 

 

AKTIV: Das heißt, es ist alles noch  im  Entstehen?

Haunschild: Ja, der Markt läuft gerade erst an. Für Unternehmen, dabei vor allem Mittelständler, ist es jetzt an der Zeit, bei diesem Thema einzusteigen.

 

 

AKTIV: Was gibt es schon an interessanten  Anwendungen?

Haunschild: Zum Beispiel der Routenplaner im Auto oder elektronische Orientierungskarten für Wanderer. Riesenthemen sind auch die sichere Landung von Flugzeugen oder die lückenlose Überwachung beim Gütertransport.

 

 

AKTIV: Und in Zukunft?

Haunschild: Da hat die Satellitennavigation gute Chan-cen, eine wichtige Schlüsselbranche zu werden, weil die Welt immer stärker durch elektronische Signale vernetzt wird.  Die Branche kann eine vergleichbare technische und wirtschaftliche Bedeutung erlangen wie Airbus im Flugzeugmarkt.

 

 

AKTIV: Gibt es dazu Zahlen?

Haunschild: Die EU sieht beim Satellitennavigationssystem „Galileo“ bis 2015 ein Marktvolumen von 270 Milliarden Euro für Anwendungen in verschiedenen Märkten. Das ist mehr als das Hundertfache von dem, was „Galileo“ mit Satellitenbau, Bodeninfrastruktur und Betrieb kostet.

 

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