Lebenslanges Lernen

„Ältere denken gründlicher“


Forscher Ernst Pöppel erklärt, was unser Hirn leisten kann – und wie man es fit hält

Die kleinen grauen Zellen verdrahten sich früh – und das war’s dann: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Mit solchen Vorstellungen sind wir aufgewachsen. Schnee von gestern! Längst hat die Wissenschaft das Gegenteil bewiesen.

„Jeder Mensch kann sein Leben lang lernen – wenn er will: Unser Gehirn macht das schon mit, alle Funktionen bleiben normalerweise bis ins hohe Alter erhalten.“ Das erklärt Professor Ernst Pöppel, einer der renommiertesten Hirnforscher, im Gespräch mit AKTIV.

Englisch lernen mit Mitte 50

Viele Jahre hat Pöppel (70) das Institut für Medizinische Psychologie der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität geleitet – nun erlebt er mit, wie Forschungserkenntnisse Allgemeingut werden.

Für Experten steht schon seit langem fest, dass lebenslanges Lernen tatsächlich möglich ist. Die Akzeptanz in der Öffentlichkeit steigt aber erst jetzt: „Es findet da eine stille Revolution statt“, freut sich Pöppel.

Sollen also Mitarbeiter jenseits der 50 sich noch um ihre Weiterbildung kümmern? „Auf jeden Fall!“, ruft der Professor, und nennt gleich ein Beispiel: „Warum sollte ein Mitarbeiter nicht mit Mitte 50 noch Englisch lernen, wenn es für den Betrieb sinnvoll ist? Schon in zwei Jahren kann man da relativ viel erreichen.“

Mit Blick auf die Rente mit 67 fügt er hinzu: „Den Umgang mit PC und Internet sollten alle lernen – das ist heute eine Selbstverständlichkeit, dass man sich da fit macht.“ Auch, so Pöppel, „um vielleicht später von einem körperlich anstrengenden Job ins Büro wechseln zu können“.

Wichtig sei zunächst die innere Einstellung, mahnt der Wissenschaftler: „Nur nicht glauben, dass man jetzt zum alten Eisen gehört.“ Natürlich laufe bei den Älteren manches langsamer ab – „aber Schnelligkeit darf man nicht mit Intelligenz verwechseln“.

Die Stärke der Erfahrung

Die besonderen Stärken der erfahreneren Kollegen erklärt Pöppel so: „Wenn man älter wird, lernt man, gründlicher zu denken. Ältere sind besser in der Lage, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und man muss es erst lernen, eine Sache auch zum Abschluss zu bringen, Ältere sind darin besser.“

Wie Alt und Jung gleichermaßen ihre geistige Fitness stärken können, dafür gibt der bekannte Hirnforscher den AKTIV-Lesern dann noch zwei ganz praktische Tipps für den Alltag:

  • „Jeder Mensch sollte sich jeden Abend bemühen, ungestört Bilanz zu ziehen: Was war heute gut, was vielleicht auch nicht? Eine Art inneres Tagebuch: Das ist ein hervorragendes Gedächtnistraining, es führt auch zu mehr Selbstverantwortung – und es dauert kaum zehn Minuten.“
  • „Regelmäßig energisch spazieren gehen! Wer nur auf der Couch sitzt, lernt schlechter. Und mindestens dreimal die Woche richtig ins Schwitzen zu kommen, das ist das beste Medikament gegen Depressionen. Man muss dafür den inneren Schweinehund besiegen.“

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