Urban Gardening

Ackern wie die Wilden


Jeder darf mitmachen beim Gärtnern mitten in der Stadt

Köln. Tomaten, Gurken, Kartoffeln, Auberginen, Pastinaken – all das wächst und gedeiht hier nicht im Acker. Sondern in Reissäcken und großen Plastikkörben. Dieses Feld liegt mitten in der Stadt, auf einer Industriebrache in Köln. Gleich gegenüber steht eine ehemalige Fabrik mit Klinkerfassade.

Julian Brenner, ein 28-Jähriger mit runder Brille und Pferdeschwanz, sorgt in seiner Freizeit mit dafür, dass die 1.600 Quadratmeter große Brache zu neuem Leben erblüht. Seit dem Sommer gibt es den Gemeinschaftsgarten – und wenn das Wetter gut ist, „ackern hier bis zu 15 Leute“, sagt der Biologe. „Hier darf jeder mitmachen.“

Grüne Oasen wie in Köln sieht man immer öfter: Denn Gärtnern in der Stadt, wird in ganz Deutschland immer beliebter. „Urban Gardening“ heißt dieser neue Trend.

Damit sind freilich nicht die klassischen Schrebergärten gemeint: Egal ob Flachdach, Parkdeck oder Hinterhof – Bewohner begrünen mit Duldung der Kommunen triste Flächen. Ganz verrückt nach frischem Grün sind die Berliner: Auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof stehen dafür vorübergehend fast 7.000 Quadratmeter bereit.

„Gegengewicht zur Plastiklebenswelt“

Doch völlig neu ist die Idee nicht: In New York entstanden schon in den 70er-Jahren die ersten Gemeinschaftsgärten. Und auf Kuba gehört der Stadtacker gar zum offiziellen Staatsprogramm. Im Kampf gegen die öde Mangelwirtschaft. In Havanna etwa deckt die „agricultura urbana“ 90 Prozent des täglichen Gemüse- und Obstbedarfs ab.

 

Den heutigen Stadtgärtnern geht es freilich nicht nur darum, die Früchte ihrer Arbeit zu ernten. „Psychologisch ist diese Tätigkeit ein gutes Gegengewicht zu unserer Plastiklebenswelt“, erklärt die Soziologin Elisabeth Meyer-Renschhausen, selbst begeisterte Garten-Aktivistin. „Wir sitzen so viel vor unseren Computern. Sich in der Natur zu bewegen baut Stress ab.“ Zudem habe man bei der Ernte ein Erfolgserlebnis.

Hinzu komme noch ein weiterer Aspekt: „Bei jungen Menschen gibt es das starke Gefühl, etwas ändern zu wollen.“ Das eigene Gemüse aus dem Bio-Anbau – das genügt vielen als erster Schritt in eine bessere Welt.

Alles einpacken und weiterziehen

Andreas Steinle, Trendforscher beim Zukunftsinstitut im hessischen Kelkheim, meint: „Je mehr Menschen in der Stadt leben, umso größer ist die Sehnsucht nach der Natur.“ Umgeben von einer sich immer schneller drehenden Welt sehnten sich die Menschen nach „Entschleunigung“.

Viele der neuen Landwirte kleben nicht an der Scholle. In Köln etwa haben sie nur bis Ende November Zeit, wie die Wilden zu ackern. Dann rücken die Baumaschinen an. Brenner und seine Gartenfreunde sind vorbereitet: „Einfach alles zusammenpacken – und der komplette Garten zieht um.“ Zur nächsten Brache …


 

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