Besser schlafen: Es gehört mehr dazu als nur Schlaftracker
Millionen Menschen schlafen schlecht – viele wissen es nicht einmal. Was Wearables taugen, welche Daten helfen und wo Selbstoptimierung zum Problem wird, erklärt der Schlafexperte André Alesi.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Schlafmangel wird oft unterschätzt. Er beeinträchtigt jedoch Konzentration, Reaktionsfähigkeit und Sicherheit am Arbeitsplatz erheblich.
- Wearables können Zusammenhänge sichtbar machen. Sie sind allerdings keine Diagnoseinstrumente und erfassen noch nicht alle Schlafdaten zuverlässig.
- Schlaf sollte nicht zum Selbstoptimierungsprojekt werden: Wichtiger als perfektes Schlaftracking sind gesunde Gewohnheiten und das eigene Körpergefühl.
Der Gesundheitswissenschaftler André Alesi ist Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Schlaf und Regeneration in Schramberg (Schwarzwald). Das Institut unterstützt Unternehmen unter anderem dabei, Schlaf- und Erholungsthemen in ihre betriebliche Gesundheitsstrategie zu integrieren.
Herr Alesi, was ist Schlafdeprivation – und wie äußert sie sich?
Schlafdeprivation bedeutet, dass Menschen dauerhaft zu wenig schlafen oder die Erholung nicht ausreicht. Dazu gehören auch häufige Unterbrechungen in der Nacht. Die Folgen zeigen sich unter anderem in nachlassender Konzentration, langsameren Reaktionen und einer schlechteren Entscheidungsqualität. Schlafmangel kann zudem reizbarer machen. Problematisch ist, dass sich manche Menschen an diesen Zustand gewöhnen und ihre eingeschränkte Leistungsfähigkeit gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Sekundenschlaf oder ständige Müdigkeit sind jedoch klare Warnsignale.
„Schlaf ist ein sicherheitsrelevanter Faktor“
André Alesi, Institut für Schlaf und Regeneration
Was hat bessere Schlafqualität mit dem Arbeitsschutz zu tun?
Schlaf ist ein sicherheitsrelevanter Faktor. Wer schlecht schläft, macht eher Fehler und reagiert langsamer – etwa an Maschinen, am Steuer oder bei Tätigkeiten, die zuverlässige Entscheidungen erfordern. Besonders wichtig ist das für Schichtbeschäftigte, weil die Arbeitszeiten die nächtliche Regeneration unmittelbar beeinflussen. Schlafgesundheit sollte deshalb stärker im Arbeitsschutz berücksichtigt werden – aus gesundheitlichen Gründen und um Unfälle und Fehlerquoten zu verringern.
Gesunder Schlaf und höhere Lebenserwartung: Was ist vom Longevity-Trend zu halten?
Zwischen gesundem Schlaf, allgemeiner Gesundheit und Lebenserwartung besteht ein Zusammenhang. Kritisch sehe ich aber den Hype um Longevity (Langlebigkeit), wenn er zur Selbstoptimierung für diejenigen wird, die viel Geld für fragwürdige Produkte ausgeben können. Entscheidend ist vielmehr, Arbeits- und Lebensbedingungen so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen gesund schlafen können.
Das heißt ...?
Blicken wir auf die Zahlen des Robert-Koch-Instituts: Die Ergebnisse des Panels „Gesundheit in Deutschland“von 2024 zeigen, wie verbreitet Schlafstörungen sind. Und dass Schlafprobleme mit dem Bildungsniveau zusammenhängen: Je niedriger das Bildungsniveau, desto häufiger treten Schlafstörungen auf. Mit anderen Worten: Für die Menschen, die sich noch nie mit dem Thema Schlafgesundheit beschäftigt haben, lässt sich eine Menge tun. Ein weiterer Aspekt sind nicht diagnostizierte Schlaferkrankungen. Für die obstruktive Schlafapnoe beispielsweise gibt es hohe Dunkelziffern. Die zahlreichen Betroffenen schleppen sich müde durchs Leben – mit entsprechend verminderter Leistungsfähigkeit.
Was nützen Wearables?
Personal Medicine und damit das Erfassen persönlicher Gesundheitsdaten ist der Weg der Zukunft. Die Entwicklung von Sensorik und Wearables schreitet voran und ermöglicht eine immer individuellere Betrachtung des Schlafs. Die Geräte werden kleiner und sind, zum Beispiel als Ring mit Schlaftracking-Funktion, angenehm zu tragen. Schon einfache Parameter zu messen, kann sehr aufschlussreich sein.
Könnten Sie dazu ein Beispiel geben?
Nehmen wir mal die Body Battery, ein Tool, das die Energiereserven des Körpers mit Werten von 5 bis 100 anzeigt. Diese Angaben wiederum errechnen sich aus Messdaten wie Herzfrequenzvariabilität, Puls und Schlafdaten. Wenn Sie morgens auf die Body Battery schauen und sich über ein hohes Energielevel freuen, sehen Sie eventuell damit die Effekte einer guten, entspannten Abendroutine. Oder, in einem anderen Fall, Sie beobachten, wie ein Gläschen Wein den Ruhepuls nach oben treibt. Erkenntnisse wie diese können helfen, Gewohnheiten anzupassen. Dabei ist es aber wichtig zu beachten: Wearables sind keine Diagnosegeräte. Und wenn es nur um den Ruhepuls geht – dafür braucht man kein ausgefeiltes Tool.
Welche Daten sollte man tracken – und welche eher nicht?
Es ist sinnvoller, Trends über Wochen oder Monate zu beobachten, statt sich an einzelnen Tageswerten festzuhalten. Ruhepuls und – mit Vorsicht – die Herzratenvariabilität können Hinweise geben. Angaben zu einzelnen Schlafphasen, vor allem zum Tiefschlaf, sind jedoch bei vielen Geräten noch ungenau. Zudem ist nicht bei allen Anbietern das Daten-Set-up zielführend. Wer sich von solchen Werten verunsichern lässt, kann seinen Schlaf sogar verschlechtern. Übrigens: Den Drang, Schlaf als Leistung zu sehen, die man perfektionieren und kontrollieren muss, nennt man in der Schlafforschung Orthosomnie. Diese permanente Selbstbeobachtung, etwa durch Schlaftracker, kann zu erhöhtem Druck und Anspannung führen.
Hätten Sie noch einen Tipp?
Gerade beim Schlaf ist es entscheidend, seinem eigenen Körpergefühl zu vertrauen. Wie ausgeruht bin ich, wie ist meine Schläfrigkeit? Diese Fragen sollte man auch ohne den Blick auf sein Wearable beantworten können.
In diesem Video zeigen wir, warum Unternehmen auch in schwierigen Zeiten gezielt in Betriebliches Gesundheitsmanagement investieren:
Gesunder Schlaf: Was das BGM tun kann
Der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zufolge gehen schätzungsweise rund 13 Prozent der Arbeitsunfälle auf Müdigkeit zurück. Das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) kann hier an mehreren Stellen ansetzen: an den Arbeitsbedingungen und beim individuellen Verhalten. Dazu gehören planbare Schichten, ausreichende Erholungszeiten, eine gute Pausenkultur sowie ein bewusster Umgang mit Licht, Lärm, Hitze, Stress und Erreichbarkeit. Beschäftigte sollten zugleich Informationen, Selbstchecks und betriebsärztliche Beratung erhalten.
Krankenkassen wie die AOK oder die Pronova BKK unterstützen Betriebe dabei, zum Beispiel durch Tools und Aufklärungsaktionen. Auch das Institut für Schlaf und Regenerationbietet Analysen, Schulungen und Workshops, unter anderem in Kooperation mit den Krankenkassen.
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