Vor 15 Jahren rümpften viele Gäste von Josef Rayes noch die Nase, wenn es um alkoholfreies Bier ging. „Da hieß es noch: Ich trinke ein richtiges Bier oder gar nichts“, sagt der Gastronom, der in Köln unter anderem einen Biergarten mit 900 Plätzen betreibt. Mittlerweile machen alkoholfreie Sorten 15 Prozent seines Bierabsatzes aus. Vor allem zwei Gründe nennt der 65-Jährige für den Durst seiner Kunden auf die alkoholfreie Variante der beliebten Hopfenkaltschale: Die Qualität der Getränke sei besser geworden und das Gesundheitsbewusstsein der Menschen sei gewachsen.  

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Bei alkoholfreien Bieren sind deutsche Brauer weltweit führend

Auch deutschlandweit wird alkoholfreies Bier immer beliebter. 2018 produzierten deutsche Brauereien gut 6 Millionen Hektoliter, 2008 waren es noch rund 2,8 Millionen. Mittlerweile ist der Anteil am gesamten Bierabsatz laut Deutschem Brauer-Bund auf sieben Prozent gestiegen. Künftig würden es zehn Prozent sein, so die Prognose des Brauer-Bundes.

Vor allem im Hitzesommer 2018 war das autofahrertaugliche Hopfengetränk ein gefragter Durstlöscher: „Im letzten Jahr wuchs das Segment um fast 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, so Marc-Oliver Huhnholz, Sprecher des Brauer-Bundes. Mittlerweile sei jeder 15. Liter Bier, der in Deutschland produziert werde, alkoholfrei. „Damit sind Deutschlands Brauer weltweit führend bei der Herstellung alkoholfreier Biere.“

Besonders Sportler und Frauen haben das Getränk für sich entdeckt

Als wichtigen Grund für den Imagewandel nennt auch Huhnholz die geänderten Lebensgewohnheiten. Die Menschen seien nicht nur körperbewusster und mobiler geworden, es gebe auch mehr Alkoholverbote am Arbeitsplatz. Hinzu komme, dass verstärkt Frauen und Sportler das Getränk für sich entdeckt hätten – Kunden, die konventionelles Bier früher eher gemieden hätten. Stephan Lück, Lebensmitteltechnologe und Ernährungswissenschaftler, kann diesen Zuspruch nachvollziehen. Alkoholfreies Bier habe viele positive Eigenschaften. Eine davon: „Es ist ein isotonisches Getränk und verfügt über die Fähigkeit, nach dem Sport den Wasserhaushalt wieder auszugleichen.“

Gesunder Durstlöscher: Er wirkt sich positiv auf Blutbildung und das Herz-Kreislauf-System aus

Daneben hebt Lück den hohen Vitamin-B-12-Gehalt hervor, den die Hefe liefere. Normalerweise komme dieses Vitamin nur in tierischen Lebensmitteln vor und sei wichtig für die Blutbildung. Der Hopfen wiederum wirke verdauungsfördernd. Und wegen des niedrigen Alkohol- und Zuckergehalts habe alkoholfreies Bier weniger Kalorien als etwa Softdrinks. Nach Angaben des Brauer-Bundes sind es im Schnitt 26 Kalorien pro 100 Milliliter. Eine Limonade habe hingegen durchschnittlich 42 Kalorien – ebenso viel wie ein alkoholhaltig s Pils.

„Es wird auch eine gewisse Menge an Mineralien zugeführt“, sagt Lück. Etwas Magnesium zum Beispiel, aber vor allem Kalium, das unter anderem für die Regulation des Blutdrucks hilfreich sei. Gute Eigenschaften hätten auch die Polyphenole, die den sekundären Pflanzenstoffen zugerechnet werden. „Sie können sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System auswirken und ein Stück weit das Immunsystem unterstützen“, so Lück. Gichtpatienten sollten alkoholfreies Bier wegen des Gehalts an Purinen hingegen meiden.

Uwe Knop, Ernährungswissenschaftler und Buchautor, rät allerdings davon ab, sich bei der Getränkewahl von einzelnen Inhaltsstoffen leiten zu lassen. Wichtiger sei das persönliche Bauchgefühl. Sein Tipp: „Trink nach dem Sport das, was dir am besten schmeckt und womit du dich am wohlsten fühlst.“ Denn Hefe oder Kohlensäure im alkoholfreien Bier bekämen schließlich nicht jedem gleichermaßen gut. Aber offensichtlich vertrügen viele Menschen alkoholfreies Bier – sonst wäre es nicht so erfolgreich.

Neue Geschmackssorten für den Sommer

Ob Pils, Weißbier, Kölsch oder Alt – von allen Biersorten gibt es mittlerweile eine alkoholfreie Variante. Dazu gesellen sich unzählige Mixgetränke. Nach Verbandsmann Marc-Oliver Huhnholz haben rund 400 deutsche Brauereien mindestens eine alkoholfreie Marke im Sortiment – und es kommen stetig weitere hinzu. So steht neuerdings eine alkoholfreie Variante des India Pale Ale in den Verkaufsregalen. Das ist eine aromatische Sorte aus England, die in ihrer herkömmlichen Brauart nicht nur einen höheren Hopfen-, sondern auch einen höheren Alkoholgehalt aufweist als normales Bier.

„Beim Pale Ale gibt man nach dem Brauvorgang noch mal Hopfen hinzu“, sagt Huhnholz. Je nach Hopfenart schmecke dieses „Craft Beer“ mal nach Orange, mal nach Litschi oder nach Grapefruit. Das gelte auch für die alkoholfreie Ausführung – eine sehr fruchtige, aromatische Biersorte.

Und noch eins verrät Bier-Experte Huhnholz: Es gebe zwei Wege, dem Bier den Alkohol auszutreiben. Die erste Möglichkeit sei, die Gärung, bei der Malzzucker von der Hefe in Alkohol umgewandelt wird, vorzeitig zu stoppen. Der Zweite Weg: Durch Filtration wird dem Bier nachträglich der Alkohol entzogen. Eins sollte man über Bier mit dem Label „alkoholfrei“ jedoch auch wissen: Es darf immer noch bis zu 0,5 Prozent Alkohol beinhalten.