„Milch macht müde Männer munter“ – so lautete in den 50er-Jahren ein Werbeslogan der westdeutschen Milch-Industrie. Später folgte die Kampagne „Die Milch macht’s“. Doch was genau macht die weiße Flüssigkeit eigentlich alles?

In den vergangenen Jahren ist Kuhmilch immer öfter in Verruf geraten: Sie mache krank, sei wirklich nur etwas für Kälber und nicht für den Menschen. Und immer mehr Deutsche würden sie nicht vertragen. Dabei wurde uns doch von Kindesbeinen an eingetrichtert, das tägliche Glas Milch sei so gesund.

Was ist nun dran an all den alten und neuen Mythen rund um die Kuhmilch? Im Folgenden verraten wir Ihnen die Antworten:

Mythos 1: Milch ist gesund

Stimmt zum großen Teil. Milch wird schon seit dem Altertum eine gesunde Kraft nachgesagt. Im Mittelalter wurde sie als vielseitiges Arzneimittel verwendet, insbesondere bei Fieber, Asthma, Husten und Entzündungen. Heute ist die gesunde Wirkung sogar wissenschaftlich nachweisbar: „Verschiedene Analysen deuten darauf hin, dass das Risiko sowohl für Bluthochdruck als auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes bei einem höheren Milchverzehr leicht verringert ist“, sagt Professor Bernhard Watzl vom Max-Rubner-Institut für Ernährung und Lebensmittel.

Milchkonsum kann tatsächlich auch das Krebsrisiko beeinflussen. „Studien zeigen, dass ein erhöhter Verzehr von Milch und Milchprodukten mit einem leicht verringerten Risiko für Dickdarmkrebs einhergeht“, sagt Watzl. Aber: Prostatakrebs tritt häufiger auf, wenn Milch in großen Mengen getrunken wird. „Täglich mehr als ein Liter Milch kann das Prostata-Krebsrisiko erhöhen. Allerdings ist eine solche Menge Milch pro Tag auch aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht sinnvoll“, so der Experte. „Milch eignet sich eben nicht als Getränk wie Wasser oder Tee.“

Mythos 2: Milch ist für jeden gut

Stimmt nicht. Denn manche Menschen vertragen Kuhmilch nicht. Dafür gibt es zwei Ursachen: die Kuhmilchallergie und die Laktoseunverträglichkeit. „Bei der Allergie handelt es sich um eine Reaktion des Immunsystems auf das Milcheiweiß. Sie tritt in der Regel nur im Kleinkindalter auf und verliert sich bis zum Grundschulalter. In diesem Fall müssen Milchprodukte konsequent gemieden werden“, sagt Dr. Maria Linderer, Geschäftsführerin der Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft. Wer dies nicht tut, riskiert Asthma-anfälle, Hautekzeme und schwere Koliken.

Anders verhält es sich bei einer Laktoseunverträglichkeit. „Um Laktose zu verarbeiten, braucht der Körper ein Enzym, das den Milchzucker spaltet: die Laktase“, erklärt Watzl. Der menschliche Körper sei lange Zeit darauf programmiert gewesen, die Herstellung dieses Enzyms spätestens im dritten Lebensjahr einzustellen. Denn dann sei ein Kind normalerweise entwöhnt. Doch manche Menschen hätten im Lauf der Evolution durch den Milchkonsum nach der Kindheit die Fähigkeit entwickelt, Milchzucker auch im Alter abzubauen.

Das habe sich als Vorteil erwiesen, gelte aber eben nicht für alle Menschen: „In Deutschland haben rund 15 Prozent der Bevölkerung eine Laktoseintoleranz“, so Watzl. Überall dort, wo Milchwirtschaft traditionell keine große Rolle gespielt hat – in Südostasien und Teilen Afrikas – haben deutlich mehr Menschen Probleme mit Laktose. Sie leiden nach Milchgenuss unter Blähungen, Durchfall und Magenschmerzen. Diese Personen können auf laktosefreie oder -arme Milchprodukte zurückgreifen oder Tabletten einnehmen, die bei der Spaltung des Milchzuckers helfen.

Mythos 3: Milch ist gut für die Knochen

Stimmt. „Milch zeichnet sich durch einen hohen Kalziumgehalt aus“, so Linderer. Unser Körper baut Kalzium in Knochen und Zähne ein. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DEG) empfiehlt deshalb, täglich 1.000 Milligramm Kalzium zu sich zu nehmen – zum Beispiel durch drei Portionen Milch: ein Glas Milch plus ein Becher Joghurt plus zwei Scheiben Käse.

Watzl ergänzt: „Wer in der Kindheit Milch trinkt, tut außerdem etwas für seine Knochenstabilität im Erwachsenenalter.“ Milchverzehr stimuliere auch unbestritten das Längenwachstum. Dafür könnten das hochwertige Protein der Milch in seiner Gesamtheit, einzelne Aminosäuren, Peptide, Mineralstoffe oder eine Kombination mehrerer Faktoren verantwortlich sein.

Mythos 4: Milch ist gut für die Zähne

Stimmt. „Milchprodukte können zum Beispiel die Anhaftung von Bakterien am Zahn mindern und den Zahnschmelz remineralisieren“, erläutert Linderer. „Außerdem reduzieren sie die Aktivität der bakteriellen Säuren: der Speichelfluss wird stimuliert, dadurch werden Kohlenhydrate schneller aus der Mundhöhle entfernt und die Plaque-Säuren neutralisiert.“

Mythos 5: Milch macht dick

Stimmt nicht. Expertin Linderer: „Es gibt kein Nahrungsmittel, das automatisch dick macht. Es kommt immer darauf an, in welcher Menge jemand es verspeist und in welcher Kombination.“ Allerdings ist Vollmilch mit 3,5 Gramm Fett und 64 Kalorien pro 100 Milliliter tatsächlich nicht gerade ein leichter Happen. Der Kaloriengehalt entspricht in etwa dem von Saft oder Wein, und ein halber Liter Vollmilch liefert so viele Kalorien wie eine Zwischenmahlzeit – mit vielen Proteinen.

„Studien zeigen, dass die verzehrten Milchproteine im Vergleich zu anderen Proteinen besonders effektiv für den Aufbau von Muskelmasse genutzt werden“, so Watzl. „Bei der wissenschaftlichen Untersuchung von verschiedenen Diäten hat sich gezeigt, dass Testpersonen, die weiterhin Milchproteine verzehrten, zwar oft keinen größeren Gewichtsverlust erzielt haben – häufig aber eine verbesserte Körperzusammensetzung als diejenigen, die komplett auf Milchprodukte verzichteten. Der Effekt konnte sowohl bei Männern als auch bei Frauen gezeigt werden.“

Mythos 6: Medikamente und Milch vertragen sich nicht

Stimmt zum Teil. Einige Medikamente, wie etwa manche Antibiotika (mit den Wirkstoffen Ciprofloxacin, Norfloxacin und Doxycyclin), sollten Patienten besser nicht mit Milch schlucken. „Denn das in Milch enthaltene Kalzium kann mit einigen Wirkstoffen im Magen schwer lösliche Komplexe bilden“, sagt Linderer. „Die Folge ist eine schwächere Wirkung der Medikamente.“

Auch Osteoporose-Medikamente aus der Gruppe der Bisphosphonate können solche Komplexe bilden. Patienten sollten solche Tabletten mit Wasser zu sich nehmen und auch noch einige Zeit nach der Einnahme auf Milch verzichten. Um sicherzugehen, immer sorgfältig den Beipackzettel lesen oder den Arzt fragen.

Mythos 7: Milch ist lichtempfindlich

Stimmt. Die meisten der in Milch enthaltenen Vitamine sind lichtempfindlich, darunter etwa die Vitamine A, B2 und B12. Neben den Nährstoffen kann auch der Geschmack unter Lichteinfluss leiden. „Es entwickelt sich der charakteristische Lichtgeschmack“, so Linderer. Das schwefelige, leicht faulige Aroma wird als unangenehm empfunden. „Weißglas-Flaschen sind daher nicht so gut geeignet, um Milch aufzubewahren. Besser sind dunkle Glasflaschen oder Getränkekartons.“

Mythos 8: Milch wird heute nur pasteurisiert verkauft

Stimmt nicht. Im Supermarkt wird zwar tatsächlich nur erhitzte Milch verkauft. Auch Frischmilch ist pasteurisiert – das heißt: sie wurde auf 72 Grad erhitzt. Hier gibt es die „traditionell hergestellte“ Variante und die „Länger frisch“-Milch. „Sie werden unterschiedlich lang und hoch erhitzt. Beide müssen gekühlt werden“, sagt Linderer. „Länger frisch“-Milch hält bis zu drei Wochen. „Bei der Pasteurisierung sind die Vitaminverluste und Geschmackseinbußen minimal.“

H-Milch (haltbare Milch) wird einige Sekunden auf mindestens 135 Grad Celsius erhitzt (heißt dann „ultrahocherhitzt“) und hält so ungekühlt mehrere Monate. „Ist sie geöffnet, gehört sie unbedingt in den Kühlschrank und hält auch dort dann nur noch ungefähr fünf Tage“, erklärt die Milch-Expertin. „Bei diesem Verfahren gehen bis zu 20 Prozent der Vitamine verloren.“

Aber auch heute gibt es noch Rohmilch zu kaufen, zum Beispiel direkt beim Bio-Bauern. Es gibt sie auch als (nur leicht gefilterte) Vorzugsmilch in Reformhäusern. „Sie muss innerhalb von 24 Stunden verkauft werden. Geschmack und Qualität hängen vom Futter der Kühe ab“, so Linderer.

Mythos 9: Milch brennt schnell an

Stimmt. Es gibt aber ein paar Tricks, um ein solches Missgeschick zu vermeiden: „Langsames Erhitzen und Rühren verhindern, dass das Eiweiß am heißen Topfboden anklebt und dann verbrennt“, empfiehlt Linderer. „Wenn vorab ein Schuss Wasser zum Kochen gebracht und dann die Milch hinzugefügt wird, hilft das zusätzlich.“ Wegen ihres Fettgehalts schwimmt die Milch dann nämlich auf dem Wasserfilm und kommt nicht in Berührung mit dem Topfboden.

Mythos 10: Milch hilft beim Einschlafen

Stimmt. „Das altbewährte Hausmittel warme Milch mit Honig kann eine einfache und effektive Lösung sein“, sagt Linderer. „Entscheidend ist das Glückshormon Serotonin. Je höher der Serotoninspiegel, desto beruhigter und entspannter fühlt man sich, und man schläft leichter ein. Milch enthält den Grundstoff für die Serotonin-Herstellung, den Eiweißbaustein Tryptophan. Unser Körper kann diesen Eiweißbaustein nicht selbst herstellen. Nach dem Genuss eiweißreicher Mahlzeiten strömt der Eiweißbaustein ins Blut und wird ins Gehirn transportiert, wo er in Serotonin umgewandelt wird“, erklärt die Expertin.

Allerdings befinden sich auch noch andere Eiweißbausteine in der Milch, die nicht beruhigend, sondern sogar anregend wirken. Ihnen wirkt der Honig entgegen. „Sein Zucker sorgt dafür, dass die meisten Eiweißbausteine – mit Ausnahme des Tryptophans – in den Muskeln eingelagert werden.“ Nach dem Genuss sollte man nur das Zähneputzen nicht vergessen und spätestens nach 15 Minuten zu Bett gehen, rät Linderer – „sonst verpufft die Wirkung wieder“.