Von regenerativer Energie hatte Friedrich Lohmann sicher noch nichts gehört, als er um 1860 die vom Großvater gegründete Stahlfabrik nach Witten-Herbede auf das Gelände einer Kornmühle verlegte. Doch der Vorfahre des heutigen Geschäftsführer-Trios der Friedr. Lohmann GmbH wusste, was er tat: Er nutzte die Wasserkraft als Antrieb im neuen Walz- und Hammerwerk. Kostengünstiger ging es auch damals schon nicht.

Heute kann sich glücklich schätzen, wer eine solche Anlage besitzt. Der erzeugte Strom ist günstig und umweltfreundlich. Zwar ist die Klimakrise von der Corona-Pandemie überlagert worden, am Problem hat das nichts geändert. Und das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 steht. Da sind auch die Unternehmen gefordert. Keine leichte Aufgabe angesichts der Wirtschaftskrise und anderer kostspieliger Herausforderungen wie der Digitalisierung. Viele Metall- und Elektro-Unternehmen packen es dennoch an.

Wasserkraftwerk, LED-Beleuchtung, Abwärmenutzung: Firma Friedrich Lohmann geht in die Offensive

Aus dem Lohmann’schen Wasserrad ist längst ein modernes Kraftwerk geworden, das rund vier Millionen Kilowattstunden Strom jährlich liefert. Beim Hersteller von Spezialstählen und Gussteilen ist es ein Mosaikstein im umfangreichen Öko-Paket, das seit Generationen gepackt wird.

LED-Beleuchtung, Dämmung, Abwärmenutzung – das sei die Basis, sagt Gunnar Lohmann-Hütte. Vor zehn Jahren kam mit einer großen Photovoltaikanlage die nächste regenerative Energie dazu.

Über dem Lager wird gegossen – das ist weltweit einzigartig

Rund 15 Millionen Euro hat das Unternehmen seit 2010 in den Umweltschutz investiert. Gut angelegtes Geld, wie der Geschäftsführer meint: „Wir wollen zeigen, dass Ökonomie und Ökologie kein Widerspruch sind.“ Das letzte Projekt hat die Bemühungen um Energie- und Ressourceneinsparungen auf eine neue Höhe gebracht. Auf der obersten Ebene eines Hochregallagers werden Teile wie zum Beispiel Chargiergestelle gegossen und automatisch weiter unten gekühlt und ausgelagert. In der weltweit einzigartigen Anlage verringern sich Durchlaufzeiten, Materialverluste, Temperatur- und Flächenbedarf; Einsparung: mehr als eine Million Kilowattstunden Strom und fast 600 Tonnen CO2 jährlich.

Das Ziel: Ab Mitte 2021 erste klimaneutrale Gießerei sein

Geplant war die Anlage lange vor „Fridays for Future“; der „Greta-Effekt“ habe noch mal einen Schub gegeben, so Lohmann-Hütte: „Vorher ging es um den Strom- und Gasverbrauch. Jetzt rechnen wir in CO2-Einsparungen.“ Mit der Nutzung von Wasserkraftstrom und grünem Gas sowie der zertifizierten Kompensation für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe sei man ab Mitte 2021 die erste CO2-neutrale Gießerei: „Wir wollen ein Zeichen setzen.“

Eine klimaneutrale Produktion bis 2030 ist der Masterplan von Andreas Gahl, Geschäftsführer der Mendener Firma MPG Präzisionsrohr. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Thema, seit 2004 im eigenen Unternehmen. Dabei geht es um die Produkte – Rohre, die weltweit zur Wärmeübertragung eingesetzt werden –, aber auch um die Fertigung. Um ein Drittel konnte die Energieeffizienz seit 2004 schon verbessert werden. Blockheizkraftwerk und Solaranlage erzeugen an die 1,8 Millionen Kilowattstunden Strom jährlich. Schritt für Schritt wird zudem der Verbrauch gesenkt. Mit neuen Gießöfen, Kühltürmen und Pumpentechnik wurden alte Anlagen optimiert. „Rund 20 Maßnahmen haben wir allein in den letzten zwei Jahren umgesetzt und so 1,5 Millionen Kilowattstunden Strom und eine Million Kilowattstunden Gas eingespart“, sagt Gahl.

Mit einem Energiepreis will die Firma MPG Präzisionsrohr Mitarbeiter motivieren

Oft sind es kleine Dinge, die sich aufs Jahr gerechnet lohnen – Hallenheizungen nur da, wo gearbeitet wird, der Umbau des Trichters am Abstich, dünnere Sägeblätter. Das überzeugt auch die 150 Mitarbeiter, auf die Gahl setzt: „Sie sind viel näher dran. Ich sehe nicht jede alte Pumpe.“ Mit einem Energiepreis will er ihre Achtsamkeit stärken.

Er engagiert sich auf vielen Ebenen, um zu zeigen, dass Klimaschutz kein Hexenwerk ist. Zuletzt hat er ein lokales Effizienznetzwerk angestoßen, in dem zwölf Unternehmen im Austausch voneinander lernen. Das macht Sinn, denn die Firmen stehen alle vor den gleichen Problemen. In der Region sind energieintensive Betriebe überproportional vertreten. Und die Kosten steigen nicht erst seit Einführung der CO2-Steuer.

„Bei den Energiekosten braucht die Industrie dringend Entlastung“, mahnt Özgür Gökce: „Neben Unterstützung aus Politik und Verbänden kann hier natürlich auch Energieeinsparung helfen“, so der Geschäftsführer des Märkischen Arbeitgeberverbands (MAV).

 

Brüninghaus in Altena setzt vor allem auf Wärmerückgewinnung

Energie sparen – auch kleinere Betriebe wie Brüninghaus in Altena (knapp 50 Mitarbeiter) sind da erfolgreich. Das Beizen, Ziehen und Glühen der Kaltstauchdrähte für Schrauben und Pressteile ist eine heiße Sache. Rund sieben Millionen Kilowattstunden Strom und Gas hat die Drahtzieherei 2019 verbraucht. Wasserkraft und Solarenergie? „Wir liegen im Tal dafür sehr ungünstig“, sagt Kim Hücking, die das Familienunternehmen in sechster Generation mit Sascha Schmoll als Geschäftsführer führt. Effizienz geht trotzdem: LED-Beleuchtung, nur noch ein Kompressor im Druckluftmanagement, neuer Kältetrockner und Kühlturm.

Noch mehr verspricht man sich von der Wärmerückgewinnung. Brüninghaus-Nachbar Ronald Schmiemann, Gebietsleiter bei der Firma Exodraft, regte an, die Abwärme der Glühe nicht in den Himmel zu blasen. „Wir hatten sie nur für Fußbodenheizung und Duschwasser genutzt“, erklärt Schmoll. Nach gut eineinhalb Jahren Planung und Umsetzung werden mit ihr jetzt die Becken in der Beize erhitzt. Ein 12.000-Liter-Pufferspeicher nimmt überschüssige Wärme auf. Die Investition rechnet sich: 322 Megawattstunden Gas, also mehr als 70 Tonnen CO2, werden jährlich eingespart.

Corona machte einen Strich durch die Rechnung

Bereits 2019 konnte ein geringerer Bedarf auf dem CO2-Zertifikat ausgewiesen werden als im Jahr zuvor. Dieser Trend ließ sich 2020 nicht fortsetzen. Corona machte da einen Strich durch die Rechnung. Ohne Zertifikat werde aber zukünftig kaum etwas gehen, sagt Hücking.

„Was ich für die Umwelt mache, verbessert auch die Wettbewerbsfähigkeit“, ist Lohmann-Hütte ebenso überzeugt. Umgekehrt müsse allerdings das Geschäft laufen. „Wir brauchen die richtigen Rahmenbedingungen“, fordert er: „Die Belastungen werden immer größer. Das ist ein kritischer Punkt.“ MPG-Geschäftsführer Gahl sieht es ähnlich: „Man kann als Unternehmen nicht Verluste machen, um klimaneutral zu werden.“ Vieles sei allerdings da, es müsse nur ausgeschöpft werden. Die Beispiele zeigen das.