Köln. Luft verkaufen? Klingt wie ein Schildbürgerstreich, machen findige Unternehmen aber schon länger. „Es gibt Kompressoren-Hersteller, die berechnen ihren Kunden nur noch die Druckluft“, sagt Vera Demary, Daten-Expertin im Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Das funktioniert so: Ein Betrieb bekommt einen Kompressor geliehen, der mit dem Internet verbunden ist. So kann der Hersteller aus der Ferne verfolgen, wie lange sein Gerät Druckluft produziert – und stellt dem Kunden nur diese Dienstleistung in Rechnung.

Das Beispiel zeigt, wie Daten dabei helfen können, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Experten halten sie deshalb für einen der wichtigsten Rohstoffe des 21. Jahrhunderts. „Anders als Öl können Daten von vielen genutzt werden, ohne an Wert zu verlieren. Und sie sind auch nicht endlich“, sagt Demary.

Allerdings nutzen noch nicht viele Unternehmen diese Vorteile. So haben sich einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom zufolge 43 Prozent der deutschen Betriebe noch gar nicht oder nur ein wenig mit dem Thema Datenwirtschaft alias Big Data beschäftigt. Und laut einer IW-Analyse verfügen nur 29 Prozent der Industrieunternehmen in Deutschland überhaupt über die Voraussetzungen, ihre Daten effizient zu bewirtschaften.

Was bringt das Datensammeln?

Aber was heißt das eigentlich genau – Daten bewirtschaften? Und was bringt es konkret?

„Daten bringen einem Betrieb potenziell viele Vorteile“, erklärt Demary. Zum einen lassen sich Prozesse effizienter gestalten. Zum Beispiel die Produktion: Meldet ein Sensor, dass eine Maschine auf einen kritischen Wert zusteuert, kann die Wartung vorgezogen und so Stillstand vermieden werden. Oder die Lieferketten: „Indem ein Betrieb durch Datenflüsse über Unternehmensgrenzen hinweg mit einem Zulieferer verbunden ist, kann er frühzeitig auf Probleme oder Engpässe reagieren“, sagt die Expertin.

Auch Kundendaten können zum Effizienz-Booster werden. „Wenn ich weiß, wie mein Produkt vom Kunden eingesetzt wird, kann ich es viel besser anpassen. Oder sogar neue, datengetriebene Geschäftsmodelle entwickeln, die ohne Daten nicht denkbar wären.“ Druckluft statt Kompressoren zum Beispiel.

Die Medizin profitiert ebenfalls. Die Universitätsmedizin Essen etwa händigt seit einiger Zeit jedem Notfall-Patienten direkt in der Notaufnahme ein digitales Gerät aus. Über WLAN mit dem Kliniknetz verbunden, werden dort alle Untersuchungsergebnisse gespeichert und sind so jederzeit griffbereit.

Um die eigenen Datenschätze zu heben, müssen Unternehmen allerdings erst einmal investieren. Vor allem in die Digitalisierung, denn nicht digital gespeicherte Daten können nur schwer mit anderen Quellen kombiniert werden. Außerdem nötig: die sinnvolle Vernetzung! „Hier einen Speicher für die Prozessdaten aus der Produktion, dort einen für die Kundendaten – hat man solche Silos nebeneinander, lassen sich Zusammenhänge nur schwer erkennen“, sagt Demary. Zumal diese Zusammenhänge in großen Datenmengen oft erst durch mathematische Modelle zum Vorschein gebracht werden.

Maschinendaten haben keinen Eigentümer

Oft ist es aber genau die schiere Masse an Kennziffern, die Unternehmen zurückhält, sich überhaupt mit Datenökonomie zu beschäftigen. Wo fängt man an? Wie lassen sich Datensätze sinnvoll zusammenstellen? Und was ist mit dem Datenschutz?

„Als wir Unternehmen gefragt haben, was sie bei der Datenökonomie hemmt, standen rechtliche Fragen ganz oben.“ Pikant: Anders als personenbezogene Daten haben etwa Maschinendaten aus der Produktion keinen Eigentümer. „Wer sie hat, darf sie nutzen“, so Demary. Auch das hält manche Betriebe davor zurück, „Datenräume“ mit Partnern zu teilen.

Doch auch, wenn viele die Vorteile der Datenwirtschaft längst erkannt haben: Es fehlen schlicht Fachkräfte. Bitkom rät Firmen daher, stärker auf die eigenen Mitarbeiter zu setzen – etwa mit Weiterbildungen zum Data Scientist.

Übrigens: Die IW-Studie „Datenbewirtschaftung von Unternehmen in Deutschland“ ist unter iwkoeln.de kostenlos abrufbar.

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Und so profitieren Unternehmen aus Industrie und Medizin, die ihre Daten bereits professionell auswerten: 

Maschinendaten: Heller erkennt Störungen, bevor sie stattfinden

Eine CNC-Werkzeugmaschine von Hersteller Heller mit Hauptsitz in Nürtingen (bei Stuttgart) produziert nicht nur Metallteile, sondern pro Tag auch ungefähr vier Megabyte an Daten! Damit überwacht sie sich quasi selbst – denn die Servicetechniker erkennen damit einen drohenden Ausfall oft schon, bevor er eintritt. Das nennt man „Predictive Maintenance“ oder „vorausschauende Wartung“. Sie spart Zeit und Kosten.

Die Daten entstehen so: Wichtige Teile der Maschine sind mit Sensoren ausgestattet. Zum Beispiel die „Kugelrollspindel“. Die macht regelmäßig eine Testfahrt. Ihre Sensoren melden dann etwa, wie schnell und gleichmäßig sie läuft. „Anhand eines Modells bestimmen wir damit ihren Verschleißzustand“, erklärt Bernd Zapf – er leitet bei Heller den Bereich Entwicklung New Business & Innovations.

Auf einem Internetportal können die Heller-Servicetechniker und die Kunden die Daten anschauen. „Sie sind dort leicht verständlich aufbereitet“, sagt Zapf. Aber natürlich nicht für jedermann einsehbar: Man braucht den Zugang.

Predictive Maintenance hat in der Industrie längst einen festen Platz. Heller bietet sein System schon seit 2017 an. Inzwischen sind rund 500 Maschinen auf dem ganzen Globus daran angeschlossen.  

Nutzerdaten: Wolf Heiztechnik analysiert Website-Besuche

Seit über fünf Jahren bewirtschaftet der Heizungs- und Lüftungsgeräte-Hersteller Wolf aus Mainburg die Daten der Besucher seiner Website. Der Grund war die Erkenntnis, dass sich der Heizungsvertrieb verändert hat. „Klassischerweise vertreiben wir unsere Produkte über Heizungsbauer, die den Kontakt zum Privatkunden haben“, erklärt Eva Gaudlitz, Teamleiterin für das Portal „Dein Heizungsbauer“ bei Wolf. „Seit Jahren sprechen uns aber immer mehr Privatkunden direkt an und stellen Fragen.“ So entstand die Idee, die bewährte Seite dein-heizungsbauer.de zum Ratgeber-Portal auszubauen.

Früher konnten Kunden auf dem Portal lediglich Installateure in ihrer Region finden. Heute veröffentlichen Experten dort regelmäßig Artikel zu Themen wie Heiztechnik und Raumklima. Gaudlitz: „Die Beiträge sind suchmaschinenoptimiert. Das heißt: Wenn jemand ‚Ölheizung gegen Wärmepumpe tauschen‘ googelt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er auf unserem Portal landet.“

Anhand von Daten wie Suchbegriffen, Seitenaufrufen oder Verweildauer sieht das Wolf-Marketing-Team genau, wofür sich Nutzer interessieren. Und kann diese anschließend mit Suchmaschinen-Anzeigen oder Werbebannern passgenau ansprechen.

Medizindaten: Uniklinik Essen lässt Betten funken

Für Ärzte ist Datenwirtschaft an sich ein alter Hut. „Der Anfang der datengetriebenen Medizin war das Fieberthermometer“, sagt Armin de Greiff, technischer Direktor IT der Universitätsmedizin Essen. Längst messen Kliniken viel mehr als nur Fieberkurven: Laborwerte, Untersuchungsergebnisse, Selbsteinschätzungen der Patienten. Viele Abteilungen eines Klinikums erheben alle möglichen Patientendaten. Aber: „Bisher wurden die oft nicht miteinander verbunden“, sagt de Greiff.

Warum diese Vernetzung wichtig wäre, erklärt er so: „Steigt ein bestimmter Laborwert leicht an, ist das für sich genommen harmlos. Auch 38 Grad Fieber ist kein Notfall. Und über eine Veränderung des Blutdrucks könnte man hinwegsehen. Kommt das aber alles zusammen, kann das auf bevorstehende Komplikationen hindeuten.“ Ein anderes Beispiel: die Krebsmedizin. Weil jeder Tumor anders ist, analysieren Fachleute heute genetische und andere Daten, um die perfekte individuelle Therapie zu finden.

Mehr Daten erheben und diese intelligenter vernetzen: Das ist eines der Ziele der Essener Uniklinik, die zu einem „Smart Hospital“ werden will. Die neuesten Projekte: die Anbindung von Klinikbetten an ein Bluetooth-Netzwerk und die Einführung eines Patientenportals. Auf dieser geschützten Online-Seite können Patienten demnächst schon vor ihrer Einweisung Dokumente hochladen und Fakten eintragen, die das Klinikum über sie wissen sollte. Und dank der Bluetooth-Sender funken viele Betten inzwischen selbstständig, ob sie schon wieder frei und sauber sind – oder ob sie noch in die Reinigung müssen.