Das Wichtigste auf einen Blick:
- Bis 2029 müssen jährlich bis zu 30.000 Rekruten mit neuen Multitarn-Kampfanzügen ausgestattet werden.
- Deutsche Textilunternehmen sorgen durch spezialisierte Veredelungstechnologien für den Schutz der Soldaten im Einsatz.
- Europaweit arbeiten Forscher an speziellen Fasern, die Soldaten zukünftig fast unsichtbar machen sollen.
Was die „Zeitenwende“ für sie persönlich bedeutet, erfahren viele junge Menschen gerade per Brief. Wer volljährig wird, erhält einen Fragebogen zur Wehrbereitschaft. Mit dem neuen Wehrdienst sollen jährlich 30.000 neue Rekruten gewonnen werden, so Verteidigungsminister Boris Pistorius. Und die Bundeswehr so bis Mitte der 30er Jahre auf 460.000 Soldatinnen und Soldaten wachsen: 260.000 aktive und 200.000 Reservisten. Eine echte Herausforderung – in vielerlei Hinsicht. Zum Beispiel müssen die neuen Bundeswehr-Angehörigen alle eingekleidet werden.
„Da kommt viel Arbeit auf uns zu“, weiß Boris Kampshoff, zuständig für den Bereich Veredelung beim Textilunternehmen SETEX. Die Bocholter bringen auf angeliefertem Tarnfleckstoff, aus dem später Kampfanzüge gefertigt werden, einen Schutz auf, der den Träger gegen Mücken- und Zeckenbisse schützt. „Dieser sogenannte Vektorenschutz hält bis zu 100 Waschzyklen“, erklärt Kampshoff. Aktuell lägen Aufträge im sechsstelligen Meterbereich vor, die Menge sei deutlich höher als in den Vorjahren.

Deutsche Textil-Industrie liefert wichtige Vorprodukte für militärische Ausrüstung
Der Veredler aus Bocholt gehört zu einem Netzwerk wichtiger textiler Betriebe, die große Konfektionäre beliefern. Diese erhalten ihre Aufträge vom Beschaffungsamt in Koblenz. In Koblenz kann man derzeit dank des 2025 beschlossenen Sondervermögens aus dem Vollen schöpfen. Unter anderem für die Fertigung des neu konzipierten Kampfanzugs mit Sechsfarb-Tarndruck (Multitarn) stehen bis 2034 knapp 19 Milliarden Euro zur Verfügung.
19 Milliarden Euro stehen für Bekleidung und persönliche Ausrüstung bereit
Quelle: Bundesfinanzministerium
Neuer Multitarn-Kampfanzug eignet sich für verschiedene Umgebungen
Der Multitarndruck wurde entwickelt, um Soldaten in Mischlandschaften und Städten zu schützen. Mit ihm sollen bis 2029 alle Soldaten ausgestattet werden. Aufs Textil gedruckt wird er von der HOL-tex GmbH aus Schloß Holte-Stukenbrock. Die Westfalen sind nach eigener Aussage das einzige Textilunternehmen, das die Druckzulassung hat, die Tarndrucke der Bundeswehr auf allen Grundqualitäten zu drucken.
Je nach Einsatzzweck werden die Stoffe beschichtet, wasserabweisend oder flammhemmend ausgerüstet. „Wir bedrucken und beschichten jährlich etwa vier Millionen Meter Stoff für persönliche Schutzausrüstung“, sagt Geschäftsführer Andre Hagemeyer. Außerdem entwickelt HOL-tex in enger Zusammenarbeit mit dem Wehrwissenschaftlichen Institut (WIWeB) in Erding, immer wieder neue Tarndruck- und Ausrüstungsvarianten.
Hochfeste Gewebe und Infrarot-Tarnung schützen Soldaten im Einsatz
Um Gewebe für die Tactical-Gear-Ausstattung – Munitionstaschen, Rücksäcke oder auch Schutzwesten – kümmert sich unter anderem das Textilunternehmen Delcotex. „Als technischer Weber liefern wir dafür das Grundgewebe aus Cordura. Es ist besonders abrieb- und reißfest“, erklärt Vertriebsleiter Uwe Mahnken. Außerdem sorgen die Bielefelder zusammen mit zertifizierten Veredlern für die Infrarot-Tarnung. Sie unterdrückt Restlicht. „So sind Soldaten zusätzlich vor der Entdeckung durch Nachtsichtgeräte geschützt. Mahnken: „Es macht sie fast unsichtbar.“
Smarte Militärtextilien dank integrierter LEDs
Die nächste Stufe der Tarnung ist Kleidung, die sich selbstständig ihrer Umgebung anpasst. Daran forscht im Rahmen des Projekts ACROSS Max Winkelmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB in Ettlingen. „Wir können durch Tarnung die Wahrnehmung manipulieren“, sagt der Experte.
Das funktioniert so: In die Tarnkleidung integrierte Sensoren messen die Umgebungshelligkeit sowie die vorherrschenden Farben und leiten diese Informationen an intelligent gesteuerte LEDs weiter, die in die Textilien eingearbeitet sind. Sie geben anschließend Licht in der passenden Farbe und Helligkeit ab. Der Soldat verschmilzt so praktisch mit der Umgebung. Im Projekt ACROSS (Adaptive Camouflage for Soldiers and Vehicles, also Adaptive Tarnung für Soldaten und Fahrzeuge) arbeiten mehrere europäische Forschungspartner zusammen. Das Projekt wird durch den Europäischen Verteidigungsfonds finanziert und hat ein Budget von knapp 15 Milliarden Euro.

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.
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