Das Wichtigste auf einen Blick:
- Zwar sei die Talsohle erreicht, doch die Zuversicht in der Wirtschaft sei gedämpft, so Renkhoff-Mücke.
- Immerhin: Das Digitalministerium und das Wirtschaftsministerium setzen wichtige Impulse.
- Beim Ausbau der Infrastruktur müssen Genehmigungsprozesse beschleunigt werden.
Wie kommt Deutschland aus der Krise? Darüber und über den Blick der Wirtschaftsverbände auf das Jahr 2026 sprachen aktiv und der iwd mit der Vorstandsvorsitzenden der WAREMA Renkhoff SE und IW-Präsidentin Angelique Renkhoff-Mücke.
Frau Renkhoff-Mücke, die deutsche Wirtschaft steckt schon seit Längerem in einer Krise. Wie blicken Sie auf das vergangene Jahr zurück?
2025 war für die Wirtschaft von extrem vielen Herausforderungen auf unterschiedlichen Gebieten geprägt. Es gab geopolitische Verwerfungen und den Handelskrieg, die das gesamte Jahr geprägt haben. Dazu die konjunkturelle Schwäche in Deutschland und Europa. Zwar gab es zu Beginn des Jahres etwas Hoffnung, dass sich alles in eine bessere Richtung bewegt, doch sie ist Ernüchterung gewichen. Und der Ausblick ist nicht so positiv, wie wir uns das alle wünschen würden.
Laut IW-Verbandsumfrage entwickelt sich inzwischen eine – wenn auch nur leichte – Zuversicht in der Wirtschaft. Spüren Sie eine solche ebenfalls?
Ja, zumindest in einigen Branchen gibt es wieder etwas Hoffnung, dass die Talsohle erreicht ist und es langsam aufwärtsgeht. Allerdings ist diese Zuversicht insgesamt gedämpft. Niemand geht davon aus, dass wir im kommenden Jahr eine dynamische Entwicklung sehen werden. Die allermeisten Branchen rechnen tatsächlich nicht damit, dass sich die Rahmenbedingungen fundamental verändern und dadurch ein deutlicher Aufschwung entstehen könnte.
Warum blicken zumindest Teile der Wirtschaft Ihrer Meinung nach etwas positiver in die Zukunft?
Wirtschaft hängt immer auch von der allgemeinen Stimmung ab und zum Glück sind Unternehmerinnen und Unternehmer Menschen, die vorausdenkend auf die Zukunft setzen. Somit ist es eine Grundvoraussetzung für Unternehmertum, immer ein bisschen positiver nach vorn zu schauen.
„In Summe bleibt die positive Stimmung in der Wirtschaft verhalten, da die entscheidenden Reformen bislang noch nicht mit Nachdruck angegangen wurden“
Angelique Renkhoff-Mücke, Präsidentin des Instituts der deutschen Wirtschaft
Es gibt auch aus der Regierungsarbeit einige Anhaltspunkte, die für eine Trendwende sprechen könnten. Das ist zum Beispiel das Thema Bürokratieabbau. Da gehen erste wichtige Gesetzesvorlagen aus dem Digitalministerium in die Umsetzung. Auch das Wirtschaftsministerium setzte zuletzt richtige Impulse für die Wirtschaft. Die Regierung scheint zumindest an den Themen zu arbeiten. In Summe bleibt die positive Stimmung jedoch verhalten, da die entscheidenden Reformen bislang noch nicht mit Nachdruck angegangen wurden.
Ein dritter Aspekt, der etwas Hoffnung macht, ist der Fakt, dass die Handelsbeziehungen mit den USA zumindest wieder etwas berechenbarer geworden sind. Die Situation ist zwar nach wie vor sehr angespannt, aber zumindest derzeit etwas stabiler. Schon das hilft der Wirtschaft und hebt die Stimmung ein wenig.
Die Investitionsaussichten für das kommende Jahr sind in den Verbänden dennoch in Summe leicht negativ. Wie passt das zusammen?
Bei der Investitionstätigkeit darf man nicht vergessen, dass wir in den verschiedenen Branchen mittlerweile seit mehreren Jahren Stagnation oder sogar eine rückläufige Entwicklung gesehen haben. Vorhandene Kapazitäten können somit teilweise nicht mehr ausgelastet werden. Vor diesem Hintergrund ist die Investitionsneigung stark rückläufig.
Zudem sind die Rahmenbedingungen für Investitionen in Deutschland deutlich schlechter als im Ausland. Die Unternehmen überlegen sich daher genau, ob es wirklich noch sinnvoll ist, hier zu investieren. Ein weiterer Punkt: Die internationalen Handelsbeschränkungen und Zölle führen dazu, dass exportorientierte Unternehmen direkt in den Zielmärkten investieren und dort Produktionen aufbauen. Das Modell „Deutschland als Exportweltmeister beliefert die Welt aus Deutschland heraus“ ist stark unter Druck geraten und funktioniert nicht mehr.
Alarmierend sind die Einschätzungen der Verbände beim Thema Beschäftigung. Droht ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit?
Ich sehe da große Herausforderungen auf uns zukommen, speziell im Industriesektor. Hier gibt es aktuell aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage einen deutlichen Stellenabbau. Das Grundproblem für alle Branchen ist die seit Jahren negative Entwicklung der Arbeitskosten. Deutschland ist hier im Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig. In Kombination mit den hohen Energiepreisen und der überbordenden Bürokratie führt das dazu, dass der Standort Deutschland unattraktiv wird. Gepaart mit der generell rückläufigen Konjunktur müssen in Summe Überkapazitäten und Stellen abgebaut werden.
„Es ist nach wie vor extrem schwierig, Fachkräfte aus dem Ausland für deutsche Betriebe zu gewinnen. Die Hürden sind selbst für diejenigen, die kommen wollen und qualifiziert sind, immer noch hoch“
Die demografische Entwicklung schwächt die Wirkung zwar etwas ab, dennoch setzt diese Entwicklung dem Wirtschaftsstandort Deutschland zusätzlich zu, denn der Fachkräftemangel bleibt in vielen Betrieben weiterhin bestehen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bereitschaft zur Ausbildung junger Fachkräfte aufgrund der angespannten Kostensituation in vielen Betrieben sinkt. Gut ausgebildete Fachkräfte sind allerdings ein wichtiges Asset im internationalen Wettbewerb. Bisher war das eine unserer großen Stärken.
Was kann die Politik für die Standortattraktivität tun?
Es gibt eine Reihe von Themen, die die Politik beeinflussen kann, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu stärken. Angefangen beim Thema Bürokratieabbau über Fachkräftezuwanderung, wettbewerbsfähige Energiekosten, eine Begrenzung der Lohnnebenkosten bis hin zu Steuersätzen, die im europäischen und weltweiten Vergleich keine Benachteiligung darstellen. So ist es beispielsweise nach wie vor extrem schwierig, Fachkräfte aus dem Ausland für deutsche Betriebe, gerade im Mittelstand, zu gewinnen. Die Hürden sind selbst für diejenigen, die kommen wollen und qualifiziert sind, immer noch hoch.
Eine weitere Belastung sind die hohen und immer weiter steigenden Lohnnebenkosten. Sie verteuern den Faktor Arbeit und belasten damit nicht nur die Unternehmen, sondern letztendlich auch den Geldbeutel der Beschäftigten. Das macht einerseits Leistung weniger attraktiv – gerade für Fachkräfte – und führt andererseits zu deutlichen Kostennachteilen der Betriebe. Und bei Energiekosten und Unternehmensteuern ist Deutschland im europäischen Vergleich im hinteren Drittel. Schließlich lähmen hohe Bürokratieaufwände die Innovationsgeschwindigkeit der Wirtschaft und verursachen ebenfalls enorme Kosten.
Das klingt nach einem klaren Auftrag für die Regierung.
Natürlich. Jetzt gilt es, konsequent die angekündigten Reformen umzusetzen. Wir haben keine Zeit mehr, die notwendigen Veränderungen vor uns herzuschieben. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen jetzt gemeinsam alles dafür tun, unseren Wohlstand zu sichern. Ohne eine starke Wirtschaft wird dies aber nicht gelingen.
Die neue Bundesregierung will mithilfe des Sondervermögens die Konjunktur wieder anschieben. Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht kurzfristig am wichtigsten?
Das Sondervermögen ist in erster Linie für Investitionen in die Infrastruktur vorgesehen. Hier wurden in den vergangenen Jahren enorme Defizite angehäuft. Speziell bei der Verkehrsinfrastruktur gab es Versäumnisse, die dringend beseitigt werden müssen. Das betrifft vor allem große Projekte im Bereich der Straßen und Brücken, der Schienen und auch der Energieinfrastruktur. Allerdings sollte man realistisch bleiben. Auch wenn die Genehmigungsprozesse beschleunigt werden, wird der Aufholprozess Jahre dauern.
Schnelle Genehmigungen, zügige Vergaben und eine verlässliche Planung sind jetzt entscheidend, um am Ende eine nachhaltige Umsetzung zu gewährleisten. Schließlich braucht es auch ein paar Erfolgsgeschichten, damit sich die Stimmung im Land drehen kann und die Menschen wieder daran glauben, dass sich mit diesem Geld spürbar etwas verbessert.
Brauchen wir in Deutschland einen grundsätzlichen Mentalitätswechsel?
Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Bürger den Reformbedarf sieht und unterstützt – egal ob es um das Gesundheitswesen, die Rente oder die Infrastruktur geht. Aber Reformen bringen niemals nur Gewinner hervor, sondern Veränderungen führen zu Beginn oft zu Unsicherheit und Ängsten. Sobald man selbst davon betroffen ist, schwindet der Reformeifer. Spätestens wenn es in die Umsetzung geht, gibt es in Deutschland viele Widerstände gegen grundlegende Reformen. Das blockiert uns am Ende des Tages. Wir treten auf der Stelle, weil uns der Mut fehlt, notwendige Reformen durchzusetzen und das große Ganze zu sehen. Vielmehr wird versucht, möglichst viele Einzelinteressen zu berücksichtigen. Das führt zu Kompromissen, die uns nicht wirklich voranbringen, sondern eher blockieren, sodass wir das große Ziel aus den Augen verlieren.
Stichwort Infrastruktur: Sollte der Gesetzgeber eingreifen und Beteiligungen einschränken, um Genehmigungsverfahren zu beschleunigen?
Die Bundesregierung hat aus meiner Sicht erste wichtige Schritte in diese Richtung unternommen. Beschleunigte Genehmigungsverfahren bei übergeordneten strategischen Interessen, wie im Fall der LNG-Terminals, sind ein positives Beispiel dafür, dass es geht. Ohne solche Beschleunigungsverfahren werden wir die zwingend notwendige Umsetzungsgeschwindigkeit nicht erreichen können. Hier sind wir in der Vergangenheit mit zu vielen Einspruchsmöglichkeiten und Klageinstanzen über das Ziel hinausgeschossen. Im Ergebnis wurde eine Vielzahl wichtiger Projekte unnötig verzögert oder gar blockiert.
„Wir können in Europa ein starkes wirtschaftliches Gegengewicht zu den Großmächten USA, China und Russland bilden“
Ohne eine deutlich höhere Umsetzungsgeschwindigkeit bei kritischen Infrastrukturprojekten wird sich jedoch keine positivere Stimmung in der Bevölkerung entwickeln. Die Welt dreht sich viel schneller, als wir es mit unseren aktuellen Prozessen abbilden können. Dieses Missverhältnis bringt uns Nachteile und führt dazu, dass wir den Anschluss verlieren.
Außen- und geopolitisch ist die Lage unsicher wie lange nicht. Wie sollten sich Deutschland und die EU verhalten, um ihre Wirtschaft zu schützen?
Wir können in Europa ein starkes wirtschaftliches Gegengewicht zu den Großmächten USA, China und Russland bilden. Dies wird uns aber nur gelingen, wenn wir Europa als Ganzes sehen und geschlossen auftreten. Es gilt, die europäischen Kräfte viel stärker zu bündeln. Ein Beispiel wäre endlich ein einheitlicher Finanzmarkt. Es ist enorm wichtig, dass wir europäisch denken und nicht nur europäisch regulieren. Wir müssen als ein starkes Europa in den Ring steigen. Wenn uns das gelingt, haben wir sehr gute Chancen. Andernfalls spielen wir in der neuen geopolitischen Ordnung keine Rolle mehr und werden zum Spielball der großen Mächte.
Woraus schöpfen Sie trotz aller Probleme Zuversicht, wenn Sie auf das kommende Jahr blicken?
Deutschland ist stark. Die deutsche Wirtschaft ist stark. Und wir haben ein starkes Fundament, auf das wir bauen können. Darüber hinaus haben wir starke Unternehmen, die in der Vergangenheit bewiesen haben, dass sie mit schwierigen Situationen umgehen können. Und wir haben eine bunte Gesellschaft mit vielen großartigen Menschen, die gewillt sind, an der Zukunft zu arbeiten. Es ist uns in der Vergangenheit immer wieder gelungen, uns aus schwierigen Situationen herauszuarbeiten. Wenn wir diesen gemeinsamen Willen aktivieren können, wird es uns auch diesmal wieder gelingen.
Unterstützt vom iwd, dem Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Thomas Goldau schreibt bei aktiv vor allem über Wirtschafts- und Politikthemen. Nach dem Politikstudium an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg und einem Zeitungsvolontariat beim „Offenburger Tageblatt“ hat er bei Tageszeitungen und einem Wirtschaftsmagazin über den Politikbetrieb in Bonn, Berlin und Brüssel berichtet. Privat zieht es den Familienvater regelmäßig mit dem Wohnmobil in die Ferne.
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