Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Schon seit 2023 kommt Deutschlands Wirtschaftsleistung nicht mehr voran, das Bruttoinlandsprodukt stagniert.
  • Auch in den nächsten Jahren ist kein nennenswerter Aufschwung zu erwarten: Das sogenannte Potenzialwachstum fällt praktisch auf null.
  • Gründe dafür sind der Rückgang des Arbeitsangebots durch den demografischen Wandel sowie eine anhaltende Investitionsschwäche.

Kleine Quizfrage zu einem großen Problem: Wie stark hat die deutsche Wirtschaftsleistung seit Anfang 2023 insgesamt zugelegt? Korrekte Antwort: Überhaupt nicht!

Das reale, also inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist sogar geschrumpft. Und ein deutliches Minus wird auch dann noch unter dem Strich stehen, wenn das BIP 2026 tatsächlich um ein halbes Prozent steigen sollte – wie es die Bundesregierung jetzt laut ihrer Frühjahrsprojektion erwartet.

Echtes Wirtschaftswachstum war also gestern. Und offenbar ist da auch nicht mehr viel zu erwarten: Wir werden uns „an durchschnittliche Wachstumsraten von 0 Prozent“ gewöhnen müssen, sagt Professor Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts.

Und Professor Bert Rürup vom Handelsblatt Research Institute sieht Deutschland „auf dem Weg in die Dauerstagnation“. Aber warum eigentlich? Wie kommt man als Ökonom zu einer derart tristen Ansage?

Immer weniger Arbeitskräfte: Der demografische Wandel schlägt jetzt voll zu

Anlass ist eine Schätzung des Produktionspotenzials im Frühjahrsgutachten mehrerer Wirtschaftsforschungsinstitute, der Gemeinschaftsdiagnose vom April. Das sogenannte Potenzialwachstum zeigt an, wie stark eine Volkswirtschaft normalerweise wachsen kann, wenn es keine externen Schocks gibt. Also, wie das BIP bei einem „normalen“ Einsatz von Arbeit, Kapital und Technologie langfristig zunehmen sollte. Und da erwarten die Ökonomen bis 2030 gerade mal 0,1 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Im Schnitt der 2010er Jahre lag das deutsche Potenzialwachstum noch bei rund 1,2 Prozent!

„Wir müssen uns an durchschnittliche Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts von 0 Prozent gewöhnen“

Vor allem das schrumpfende Arbeitsvolumen drückt unser Produktionspotenzial stark nach unten. Die deutsche Bevölkerung altert deutlich, dieser demografische Wandel führt auch zu weniger Arbeitsstunden: Es verlassen mehr Ältere den Arbeitsmarkt, als Jüngere nachfolgen.

Bis 2045 dürfte sich so eine Lücke von etwa 4,5 Millionen Menschen auftun, so ein aktueller Kurzbericht aus dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Laut Frühjahrsprojektion der Regierung wird die erwerbsfähige Bevölkerung im Alter von 20 bis 66 schon bis 2030 um knapp 1,9 Millionen Menschen schrumpfen.

Nicht genügend Investitionen: Die Investitionsschwäche bremst Deutschland aus

Dazu kommt eine zweite Wachstumsbremse: In Deutschland wird schon länger recht wenig investiert, das gilt gerade auch im internationalen Vergleich. Diese Investitionsschwäche ist eines der größten Probleme unserer Volkswirtschaft. Kein Wunder, wie aktiv-Leser wissen: Viele Bedingungen am Standort D machen ja nicht gerade Lust, hier viel Geld zu riskieren. Man denke nur an die Bürokratie, die Energiepreise, den Fachkräftemangel und nicht zuletzt die Lohnnebenkosten.

Das Statistische Bundesamt zeigt auf, wie dramatisch die Lage bei den Investitionen inzwischen ist. Nach Abzug der Abschreibungen und im Verhältnis zum BIP gilt: 2025 haben die Unternehmen, der Staat und die Bürger so wenig in Anlagen, Infrastruktur und Gebäude investiert wie noch nie seit 1990!

Das Gutachten der Institute ist da aber dennoch optimistisch. Es rechnet mit einer positiven Investitionsquote bis 2030, der Wert des sogenannten Kapitalstocks etwa aus Werkhallen und Maschinen sollte also leicht steigen.

Am schwierigsten vorherzusagen ist naturgemäß die dritte Komponente des Potenzialwachstums: die Produktivität. Hier erwarten die Ökonomen ein Mini-Plus. Gibt es schon bald nennenswerte Effizienzsteigerungen durch den Einsatz von KI?! Oder wiegt schwerer, dass geopolitische Konflikte – ein Stichwort: Zölle – das Wirtschaften weltweit ineffizienter machen?!

Deutschland sollte jedenfalls alles, was die Produktivität erhöht, sehr willkommen sein – damit wir am Ende vielleicht doch etwas mehr Wirtschaftswachstum erleben, als jetzt leider zu vermuten ist.

Arbeitsmarkt: 2026 fällt die Frühjahrsbelebung offenbar aus

  • Deutsche Betriebe werden wohl weitere Stellen streichen. Das zeigt das Ifo-Beschäftigungsbarometer: Im April sank es auf den schlechtesten Wert seit dem Corona-Mai 2020. „Die geopolitische Unsicherheit greift auf die Personalplanungen der Unternehmen über“, teilt das Institut dazu mit, „es werden mehr Arbeitsplätze ab- als aufgebaut.“
  • Im April waren denn auch erneut über drei Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, fast 80.000 mehr als im gleichen Monat des Vorjahrs. Die übliche Frühjahrsbelebung am Arbeitsmarkt fällt dieses Jahr offensichtlich aus. „Eine Trendumkehr am Arbeitsmarkt ist noch nicht in Sicht“, stellt die Bundesagentur für Arbeit fest.
Thomas Hofinger
Chef vom Dienst aktiv

Thomas Hofinger schreibt über Wirtschafts-, Sozial- und Tarifpolitik – und betreut die Ratgeber rund ums Geld. Nach einer Banklehre sowie dem Studium der VWL und der Geschichte machte er sein Volontariat bei einer großen Tageszeitung. Es folgten einige Berufsjahre als Redakteur und eine lange Elternzeit. 2006 heuerte Hofinger bei Deutschlands größter Wirtschaftszeitung aktiv an. In seiner Freizeit spielt er Schach und liest, gerne auch Comics.

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