Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Deutschlands Wirtschaft befindet sich in einer ernsten und langanhaltenden Krise.
  • Die Politik hat nun in vielen Feldern wichtige Entscheidungen zu treffen, um das Land wieder flott zu kriegen.
  • In manchen Bereichen zeichnen sich Lösungen ab, in anderen sind dicke Bretter zu bohren.

Wir alle erleben einen traurigen Rekord, sagt der Ökonom Professor Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „Von der tiefsten Krise der Bundesrepublik, nämlich der Finanzkrise 2008, sind wir in die längste Wirtschaftskrise gekommen.“ Und die hält nun schon seit dem Abschwung 2019 an. Besonders heftig spüren das die Menschen in der Industrie, auch in Bayerns Metall- und Elektro-Industrie (M+E). Monat für Monat gehen dort Tausende Jobs verloren. Immer wieder müssen Werke dichtmachen – nicht nur bei den Autozulieferern oder in der Chemie.

Ein Ende ist nicht in Sicht, ist sich auch Bertram Brossardt sicher, Hauptgeschäftsführer der bayerischen M+E-Arbeitgeberverbände bayme vbm. Aus Gesprächen mit Unternehmern im Land weiß er: Die Hoffnungen auf Erholung haben sich zerschlagen. „Wir befinden uns nicht mehr nur auf schiefer Ebene, sondern in einem drastischen, ungebremsten Fall“, fasst er die ernste Lage zusammen.

Doch woran liegt es? IW-Direktor Hüther fasst es zusammen: „Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Gemengelage aus geopolitischem Epochenbruch und tiefgreifenden Transformationsprozessen“, sagt er.

Unter geopolitische Herausforderungen fallen etwa die Handelsbeschränkungen der USA, aber auch die expansive Handelspolitik Chinas, das eigene Waren mit staatlichen Subventionen so stützt, dass sie konkurrenzlos günstig auf die Weltmärkte kommen – und damit etwa teurere deutsche Produkte verdrängen. Auch der russische Angriffskrieg in der Ukraine sowie der Iran-Krieg verändern die geopolitische Lage. Dagegen, so Hüther, könne Deutschland alleine aber nichts ausrichten.

Wo jedoch im Inland selbst gehandelt werden kann, das ist, die strukturellen Probleme in Deutschland anzugehen. Und genau diese wirken sich laut einer aktuellen IW-Standort-Studie im Auftrag der vbw deutlich negativer auf Investitions- und Standortentscheidungen der bayerischen Unternehmen aus als internationale Risiken.

Deutschland scheint also irgendwann falsch abgebogen zu sein. Und dagegen lässt sich etwas unternehmen. Vieles hat die Politik erkannt, tüftelt bereits an Gesetzen, die den Befreiungsschlag bringen sollen. aktiv hat die wichtigsten Baustellen identifiziert und fragt: Was hilft den Betrieben – was bremst sie?

Sozialabgaben

Steigende Lohnzusatzkosten machen Arbeit teurer und schaden so der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen

Immer mehr Ältere in Rente, immer weniger Junge in Arbeit: Der demografische Wandel hat Deutschland bald voll im Griff – mit gravierenden Folgen für die Sozialsysteme. Daher ist hier der Reformbedarf besonders groß.

Experten warnen vor einem deutlichen Anstieg der Lohnzusatzkosten: Die Sozialbeiträge von Betrieben und Beschäftigten für Rente, Gesundheit und Pflege laufen aus dem Ruder, falls die Politik keine Reformen einleitet. „Wir müssen die Kosten des Sozialsystems dringend in den Griff kriegen“, fordert IW-Direktor Hüther.

Zuletzt hat der Sachverständigenrat Wirtschaft in seinem Frühjahrsgutachten erneut klargemacht: Die Sozialabgaben insgesamt werden dramatisch steigen, wenn nichts passiert. Ohne harte politische Reformen werden sie schon 2035 bei 47,7 Prozent liegen. Das wären 5,4 Prozentpunkte mehr als heute und vermutlich nicht das Ende. Treffen würde es die arbeitende Generation.

„Wir brauchen umfassende Reformen, um Deutschland fit für die Zukunft zu machen“

Professor Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft

Es geht aber nicht nur um Generationengerechtigkeit, sondern auch um die Arbeitskosten für Firmen und damit um ihre Wettbewerbsfähigkeit Denn Lohnzusatzkosten belasten nicht nur die Beschäftigten selbst, sondern auch Arbeitgeber, die rund die Hälfte zahlen.

Eine von der Regierung eingesetzte Kommission hat gerade Vorschläge für die Zukunft der Rente vorgestellt. Darin etwa enthalten: Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung, Abschaffung der Rente mit 63 sowie eine kapitalgedeckte Zusatzrente in Form eines staatlichen Fonds. Über die Vorschläge wird die Politik nun diskutieren.

Ein Sparpaket fürs Gesundheitssystem liegt bereits vor und wurde bei Redaktionsschluss noch im Bundestag beraten. Es soll die Ausgaben der Krankenkassen begrenzen und so den Beitragssatz stabilisieren. Zugleich soll aber die Beitragsbemessungsgrenze steigen. Das würde die Kosten für die Betriebe weiter erhöhen.

Steuern

Im internationalen Vergleich holt Deutschland endlich auf

Unternehmen müssen in Deutschland relativ hohe Steuern auf Gewinne zahlen. Das soll sich nun ändern. Die Politik hat erkannt, dass sie hier etwas tun muss, um die Standortbedingungen zu verbessern. Sie lässt sich allerdings Zeit dafür.

Firmengewinne werden bei uns im internationalen Vergleich relativ hoch besteuert: Aktuell liegt die Gesamtsteuerbelastung bei rund 30 Prozent. Das ist ein schwerwiegender Nachteil für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland: Denn dann bleibt bei Firmen hierzulande weniger vom Gewinn übrig, der in Investitionen fließen kann.

Doch das Problem wird nun angepackt. Der Körperschaftsteuersatz wird ab 2028 schrittweise von 15 auf 10 Prozent gesenkt. Ab 2032 liegt die Gesamtsteuerbelastung der Unternehmen dann nur noch bei etwa 25 Prozent. „Ein gutes Signal an die Unternehmen“, sagt IW-Direktor Michael Hüther.

Quasi als Erste-Hilfe-Maßnahme gilt seit Juli 2025 (und noch bis Ende 2027) der sogenannte Investitionsbooster: Diese schnelleren Abschreibungen für Ausrüstungsinvestitionen können allen Betrieben helfen.

Wirtschaftsverbände wie bayme vbm wünschen sich allerdings gerade in der aktuellem Krise deutlichere Impulse für die Wirtschaft – etwa durch ein Vorziehen der beschlossenen Steuersenkungen. Zu zusätzlichen Belastungen dürfe es auf keinen Fall kommen.

Infrastruktur

Nur mit intakten Straßen, Schienen und Netzen kann die Wirtschaft wachsen

Die Zahl ist dramatisch: 84 Prozent der Firmen sehen sich durch die mangelhafte Verkehrsinfrastruktur in ihrer Geschäftstätigkeit regelmäßig beeinträchtigt.

Das zeigt eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter rund 1.100 Unternehmen vom vergangenen Herbst. Marode Straßen, kaputte Brücken und verspätete Züge belasten die Firmen stärker als in allen Auflagen dieser Umfrage zuvor. 2018 klagten 67 Prozent, fünf Jahre zuvor nur 59 Prozent über Belastungen.

Hauptproblem sind die Straßen. Kein Wunder: Werden Güter und Waren doch vor allem per Lkw durchs Land gekarrt. Die Schiene ist keine echte Alternative – auch damit sind 71 Prozent der Firmen unzufrieden. Wasserstraßen haben wiederum eine der ältesten Infrastrukturen überhaupt, Schleusen stammen teils noch aus der Kaiserzeit.

Luft nach oben ist vor allem auch bei der Versorgung mit digitaler Infrastruktur, also Netzen, Glasfaser und Mobilfunk. Zwar kommt der Ausbau in Bayern gut voran, aber laut Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) erreichen Glasfaseranschlüsse nur 36 Prozent der bayerischen Haushalte und 40 Prozent der Unternehmen. Dabei steigen die Anforderungen, etwa durch Anwendungen von KI.

Immerhin hat die Politik umgesteuert und Anfang 2025 ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen für die Infrastruktur bewilligt. Damit’s schnell geht, braucht es aber eins: unbürokratische, zügige Genehmigungsverfahren!

Investition & Innovation

Die innovative Leistung der Unternehmen in Deutschland hat zuletzt nachgelassen

Innovative Firmen und leistungsfähige Forschungslandschaft: Für Deutschland sind das zentrale Voraussetzungen für Wohlstand und Wachstum. Doch dafür fehlt vielen Firmen derzeit das Geld.

Mobilität der Zukunft, klimafreundliche, energieeffiziente Industrie, regenerative Stromgewinnung, Anwendungen der künstlichen Intelligenz: Auf vielen Gebieten tut sich weltweit gerade sehr viel. Und die deutsche und bayerische Industrie hat für viele dieser Fragen auch Antworten. Doch um vorne mitzuspielen, müssen Firmen investieren: in Forschung, Entwicklung und in die serienreife Vermarktung neuer Produkte, um damit Geld zu verdienen. Doch zuletzt ist vor allem die Innovationsleistung der Unternehmen stark zurückgegangen. Gerade im wichtigen Bereich Digitalisierung bleibt Deutschland hinter Staaten wie den USA und China zurück.

Allerdings sind gerade Investitionen im Inland auch in der bayerischen M+E-Industrie zuletzt gesunken, zeigt die Winter-Konjunkturumfrage der Arbeitgeberverbände bayme vbm. Stattdessen fließt Geld ins Ausland. IW-Direktor Michael Hüther nennt dafür Gründe: „Die Standortbedingungen für Investoren in Deutschland sind gemischt: Starker Forschung, Rechtssicherheit und Innovationskraft stehen hohe Kosten, Bürokratie und eine marode Infrastruktur gegenüber.“

Bürokratie

Überbordende Regulierung ist das ärgerlichste Problem für viele Unternehmen

Immer mal wieder hat die Politik versprochen, unnütze Bürokratie abzubauen. So richtig geklappt hat es bislang nie. Die Erwartungen sind daher für den neuen Aufschlag besonders hoch.

Was stört die Betriebe in Bayern und Deutschland am meisten? Die Konjunkturumfragen der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme vbm zeigen es: die Bürokratie! Neun von zehn Firmen gaben dies regelmäßig als Ursache für verschlechterte Standortbedingungen an.

Warum aber klagen die Unternehmen über Bürokratie? Vor allem verschlingt der ganze Papierkram viel Arbeitszeit – und damit auch Geld. Und je kleiner die Firma, desto höher fallen Kosten und Zeit ins Gewicht, die Mitarbeitende für das Ausfüllen von Formularen benötigen.

Laut einer Studie der KfW-Bank vom vergangenen Jahr verwenden etwa Beschäftigte von mittelständischen Unternehmen rund 7 Prozent ihrer Arbeitszeit für bürokratische Prozesse. Zeit, die dann beispielsweise für produktive Arbeiten fehlt, die der Firma bares Geld einbringen.

Daran arbeitet die Regierung offenbar ernsthaft. Das braucht es auch laut IW-Direktor Michael Hüther, und zwar dauerhaft: „Bürokratie lässt sich nicht mit einem Handstreich abbauen.“ Laut Koalitionsvertrag sollen die Bürokratiekosten der Wirtschaft um 25 Prozent sinken. Mit Karsten Wildberger gibt es erstmals einen Minister für Digitales und Staatsmodernisierung, der die Verschlankung gezielt anpacken soll.

So hat das Kabinett bereits im Herbst 2025 eine „Modernisierungsagenda“ beschlossen. Erste Punkte wie der „Bau-Turbo“ für einen schnelleren Wohnungsbau sind schon umgesetzt, weitere wie die „Unternehmensgründung in 24 Stunden“ sind in Arbeit.

„Mindestens ein Drittel der Berichts-, Dokumentations- und Auskunftspflichten“ soll bald wegfallen, verspricht die Regierung. Und auch auf EU-Ebene versucht man, überzogene Vorgaben wieder einzufangen – etwa beim Lieferkettengesetz. Aber leider ist auch wieder neue Bürokratie im Anmarsch: etwa die deutsche Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie, die für Unternehmen zusätzliche Berichtspflichten bedeutet.

Energie

Um produzieren zu können, brauchen Unternehmen Strom. Doch der ist bei uns noch immer sehr teuer

Die Energiewende liegt nicht im Plan: Windkraft, Netze, Wasserstoff, Stromspeicher – überall hinkt der Ausbau den hochgesteckten Zielen hinterher. Und Energie ist hierzulande viel teurer als anderswo.

Den Stand der Dinge hat das 14. Energiewende-Monitoring im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) im Frühjahr analysiert. Es zeigt sich: Unser Strommix, auch in Bayern, ist bereits sehr grün. Etwa drei Viertel des Stroms stammen aus regenerativen Quellen.

Doch obwohl Sonne und Wind an sich keine Rechnung schicken: Für Energie müssen Betriebe in Deutschland tief in die Tasche greifen. Laut Eurostat zahlen sie EU-weit mit am meisten – ein echter Wettbewerbsnachteil.

Bisherige Maßnahmen greifen zu kurz: Die Senkung der Stromsteuer gilt nur für Teile der Wirtschaft. Die Netzentgelte sinken dank Steuergeld leicht – der Zuschuss wirkt aber nur kurzfristig. Und für spezielle, besonders energieintensive Betriebe gilt seit Januar zwar ein Industriestrompreis, doch angesichts vielfältiger Einschränkungen auf EU-Seite verpufft die Wirkung.

Grundsätzlich gelte es, Deutschland unabhängiger von Energieimporten aus geopolitisch instabilen Regionen zu machen, sagt IW-Direktor Michael Hüther: „Elektrifizierung ist ein vielversprechendes Gegenmittel.“ Doch dafür braucht es wettbewerbsfähige Strompreise – und zugleich müssen Übertragungsnetze und Stromspeicher ausgebaut werden.

Fachkräfte

Wir benötigen mehr gut ausgebildete Menschen aus dem Ausland

Es klingt paradox: Viele Unternehmen bauen Stellen ab – und doch herrscht Fachkräftemangel. Tatsache ist, dass es nach wie vor an Arbeitskräften mit bestimmten Qualifikationen mangelt. Helfen kann da ein erleichterter Zugang für ausländische Fachkräfte.

Knapp 370.000 Arbeitskräfte mit bestimmten Qualifikationen fehlen aktuell in Deutschland. Das hat das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft berechnet.

Zugleich bezweifelt kaum ein Experte, dass es hierzulande schon bald einige Millionen Arbeitskräfte sein könnten, die fehlen. In den kommenden Jahren wird das sogenannte Arbeitskräftepotenzial jedes Jahr um rund 500.000 Personen sinken – weil die geburtenstarken „Babyboomer“ in Rente gehen und deutlich weniger junge Menschen nachrücken.

Ein Teil der Lösung lautet Migration: Die Bertelsmann-Stiftung spricht von einer jährliche Nettozuwanderung von knapp 300.000 Personen bis 2040. „Wir brauchen Menschen aus dem Ausland, die bei uns arbeiten, bestenfalls hoch qualifizierte junge Leute, die Lust haben, hier etwas anzupacken“, sagt auch IW-Direktor Michael Hüther.

Doch auch im Inland müssen die Weichen so gestellt werden, dass noch mehr Menschen arbeiten können, die bislang nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen. Das gilt vor allem für Frauen: Durch mehr Kinderbetreuungsmöglichkeiten hätten etwa junge Mütter bessere Chancen, vollzeitnah statt in Teilzeit zu arbeiten. Und klar: Auch eine längere Lebensarbeitszeit würde helfen, die Herausforderung des demografischen Wandels zu bewältigen.

Alix Sauer
Leiterin aktiv-Redaktion Bayern

Alix Sauer hat als Leiterin der aktiv-Redaktion München ihr Ohr an den Herausforderungen der bayerischen Wirtschaft, insbesondere der Metall- und Elektro-Industrie. Die Politologin und Kommunikationsmanagerin volontierte bei der Zeitungsgruppe Münsterland. Auf Agenturseite unterstützte sie Unternehmenskunden bei Publikationen für Energie-, Technologie- und Mitarbeiterthemen, bevor sie zu aktiv wechselte. Beim Kochen und Gärtnern schöpft sie privat Energie.

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Michael Stark
aktiv-Redakteur

Michael Stark schreibt aus der Münchner aktiv-Redaktion vor allem über Betriebe und Themen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Darüber hinaus beschäftigt sich der Volkswirt immer wieder mit wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Das journalistische Handwerk lernte der gebürtige Hesse als Volontär bei der Mediengruppe Münchner Merkur/tz. An Wochenenden trifft man den Wahl-Landshuter regelmäßig im Eisstadion.

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