Berlin/Darmstadt. Wellpappe ist gefragt, nicht nur wegen des boomenden Online-Handels. Das spürt man auch in den Belegschaften: Die Zahl der Beschäftigten in den deutschen Werken steigt stetig, rund 20.500 Mitarbeiter arbeiten nun in der Wellpappen-Industrie. Diese Menschen stößt die Gewerkschaft Verdi gerade mächtig vor den Kopf – und das sorgt für Empörung in der Branche.

In der jüngsten Beilage „Druck + Papier“ der Verdi-Mitgliederzeitschrift macht ein großer Bericht mit dem Titel „Alles öko oder was“ Stimmung gegen Wellpappe, in einer Print-Auflage von rund 60.000 Exemplaren. „Nicht die Kisten für den Einkauf und schon gar nicht die Versandkartons sind ökologisch akzeptabel“, heißt es da, der ökologische Fußabdruck falle „eher riesig“ aus. Begleitet wird der Artikel von einer Grafik mit Daten aus dem Jahr 1998.

Verband der Wellpappen-Industrie bemängelt fachliche Fehler

Dieser Verdi-Bericht sei „fern jeder Realität“, heißt es dazu deutlich beim Verband der Wellpappen-Industrie (VDW) in Darmstadt – wo man bekanntlich stolz auf die Nachhaltigkeit der eigenen Produkte ist. Die Experten können denn auch eine ganze Reihe fachlicher Fehler und Ungenauigkeiten im Verdi-Text aufzählen.

Ein Beispiel: „Obwohl mindestens 60 Prozent des Kartons aus Altpapier gewonnen werden, braucht es für Wellpappe immer auch Frischfasern aus Holz (…) eine Fichte wächst 70 Jahre.“ VDW-Geschäftsführer Oliver Wolfrum macht klar: „Das entspricht nicht der Realität, da Wellpappe je nach Anwendungsfall oft zu 100 Prozent aus Altpapier hergestellt wird! In Deutschland produzierte Wellpappenverpackungen bestehen durchschnittlich zu 80 Prozent aus Altpapier. Für die Zellstoffherstellung wiederum wird hauptsächlich Bruch- und Durchforstungsholz eingesetzt – und nicht etwa Stammholz, wie hier suggeriert wird.“

Warum druckt Verdi einen ganz offensichtlich fehlerhaften Bericht, in dem ein wichtiges Produkt der eigenen Mitglieder kritisiert wird? Möchte die Gewerkschaft etwa die Kuh schlachten, die sie doch zugleich melken will, wie man beim VDW unkt?

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Arbeitgeberverband HPV warnt davor, die Belegschaften zu verunsichern

Der Arbeitgeberverband HPV in Berlin ist jedenfalls empört. „Die Mitarbeiter in der Wellpappenbranche, also Menschen, die ökologisch sinnvolle Produkte herstellen, werden durch solche offensichtlichen Falschinformationen ohne Not verunsichert“, sagt HPV-Präsident Jürgen Peschel. „Dazu kommt noch, dass an der Verpackungs-Industrie interessierte Jugendliche womöglich von einer Ausbildung abgeschreckt werden.“

An ein Versehen glaube er nicht: Verdi versuche wohl, durch Unruhe in den Belegschaften neue Mitglieder zu gewinnen.

Schon in der Tarifrunde habe die Gewerkschaft „mit der gleichen Pauke geschlagen – Verunsicherung durch falsche Behauptungen“. Peschel mahnt daher: „Auch Mitgliederschwund darf nicht dazu führen, mit unsauberen Methoden zu arbeiten.“