Jena. An jenem Tag, der ihr Leben für immer verändern sollte, stand die Bauingenieurin Sabine Weiß mit ihren Kindern daheim in Jena in der Küche und kochte das Abendessen.

Das Radio spielte.

Die Mauer fiel.

Die Tränen liefen.

Jetzt, an diesem wolkenschweren Septembernachmittag, mehr als drei Jahrzehnte danach, steht Sabine Weiß in 134 Meter Höhe auf der Aussichtsplattform eines Büroturms in Jena und erzählt, was sich verändert hat seither. In ihrem Leben. In ihrer Stadt. Im wiedervereinten Deutschland.

5 Euro Kaltmiete im Plattenbau

Unten wühlen Bagger auf einer der vielen Baustellen geräuschlos durch dunkle Erde. Oben lässt Weiß die Jahre Revue passieren. „Diese Stadt blüht“, sagt sie, „es ist wunderschön, das mitzuerleben.“ Und ihre persönliche Wende-Bilanz? Weiß überlegt. „Ach, na ja, so gemischt vielleicht.“ Nach der Wende schulte sie um zur Fremdsprachenkorrespondentin, fand aber nie einen Job. Seither macht sie Stadttouren für Touristen, das Geld ist knapp, Sozialwohnung im Plattenbau, 5 Euro Kaltmiete, das ist ihre Realität. Und doch: „Sozialismus, Planwirtschaft – dem alten System trauere ich wahrlich nicht nach.“

Erhebliche Fortschritte beim Aufbau Ost

Die deutsche Einheit – in ein paar Tagen knallen die Korken zum 30. Jahrestag. Zeit, genauer hinzusehen. Wie „einig“ sind wir eigentlich? Ossi hüben, Wessi drüben – welche Rolle spielt das eigentlich noch? Und ist die Einheit, ökonomisch betrachtet, ein Erfolg? „Im Großen und Ganzen ja“, sagt Klaus-Heiner Röhl, Experte für Regionalentwicklung beim Institut der deutschen Wirtschaft. „Der Aufbau Ost hat in den vergangenen 30 Jahren erhebliche Fortschritte gemacht.“ Sinkende Arbeitslosigkeit, steigende Einkommen, sanierte Infrastruktur, eine völlig neue Unternehmenslandschaft – da sei schon ordentlich was auf der Haben-Seite. „Wir sehen dazu eine Reihe von echten Boom-Regionen in Ostdeutschland“, sagt Röhl.

Wie Jena. Gut 110.000 Einwohner, Tendenz steigend. Es ist die Stadt von Jenoptik und Carl Zeiss Meditec, den bislang einzigen Ost-Unternehmen, die in einem der vier wichtigen deutschen Aktienindizes gelistet sind. Es gibt zwei Hochschulen, zwölf Forschungsinstitute, 22.000 Studenten geben der Stadt ein junges Gesicht. 250 Patente pro 100.000 Einwohner werden hier jedes Jahr eingereicht, fast fünfmal so viele wie im Bundesschnitt.

Händedesinfektion als Geschäftsmodell

Sie kommen von Orten wie diesem hier: ein Zweckbau auf dem Gelände des Forschungscampus „Beutenberg“, fünfter Stock. In ihrem Labor beugen sich Alexander Döpel und Robert Hellmundt, Gründer des Start-ups Heyfair, über ein Fläschchen aus Plastik. Darin ist ein Produkt, das Leben retten soll und gut in die Zeit passt: ein Desinfektionsmittel, das die Hände für zwei Minuten pink färbt – und so sichtbar macht, ob sie richtig desinfiziert wurden. Zielgruppe: „Professionelle Anwender in Kliniken, Pflegeeinrichtungen, Arztpraxen“, erklärt Döpel. Die Kundenkartei hat bereits über 500 Einträge im In- und Ausland, das junge Unternehmen heimste Risikokapital und Gründerpreise ein.

Liste der Boom-Regionen wird länger – und ist doch zu kurz

Ausgerechnet aus Jena in die Welt? „Wieso nicht“, sagt Döpel und schaut leicht verwundert, als verstünde er die Frage gar nicht. In Thüringen gebe es ausgezeichnete Gründernetzwerke und jede Menge Förderungen. Nach Berlin oder München zu gehen? „Haben wir überlegt“, sagt Co-Gründer Hellmundt. „Aber es gab dafür keinen Grund. Jena und Thüringen passen perfekt.“ (Übrigens: Ein Extra-Interview mit den beiden Gründern von Heyfair lesen Sie unter: iwd.de)

Produkte mit viel Zukunftspotenzial – gerade hier hat der Osten deutlich aufgeholt. Auch in Sachsen beispielsweise. Rund um Dresden wird mittlerweile jeder dritte europäische Mikrochip produziert. Tesla baut seine Fabrik in Brandenburg. Leipzig brummt auch wegen BMW. Elektro-Volkswagen rollen in Zwickau vom Band – die Liste innovativer und leistungsstarker Ost-Leuchttürme ließe sich fortführen. Und doch: Sie ist weiterhin zu kurz!

Zwar läuft es in den Ballungsgebieten im Osten oft besser als in manchen westlichen Regionen, dem Ruhrgebiet etwa. Und vielerorts ist nicht mehr Massenarbeitslosigkeit wie noch bis zum Jahr 2005 das Problem, sondern Fachkräftemangel.

Digitalisierung soll neue Perspektiven bringen

Aber: Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es noch immer große wirtschaftliche Differenzen zwischen den alten und den neuen Bundesländern, sagt Ökonom Klaus-Heiner Röhl: „Im Schnitt erreicht der Osten nur knapp drei Viertel des westdeutschen Bruttoinlandsprodukts je Einwohner.“

Und es gibt ein großes Problem: die Demografie. „In der Uckermark, in manchen Ecken Mecklenburg-Vorpommerns – es gibt viel dünn besiedeltes Land im Osten, das weiter Einwohner zu verlieren und dadurch wieder zurückzufallen droht“, sagt Röhl. Mögliche Gegenmaßnahmen? „Neue Perspektiven durch Digitalisierung auch aufs Land bringen, dazu mehr Zuwanderung.“

Neuer Job direkt nach der Wende

30 Jahre Einheit – und die Aussichten scheinen irgendwie heiter bis wolkig. So wie die Stimmung bei Martin Herzog und Hein Uhlig. Auf dem Marktplatz in Jena sitzen die beiden Rentner bei Kaffee und Wasser und reden sich die ergrauten Köpfe heiß. Thema: die deutsche Einheit. „Es ist merkwürdig“, sagt Uhlig, 75, Physiker mit Zeiss-Vergangenheit, „es geht mir persönlich gut, ich habe eine auskömmliche Rente. Aber die reine Liebe ist die Wiedervereinigung nie geworden.“

Was verwundert. Nach der Wende fanden Uhlig wie Herzog schnell einen neuen Posten, arbeitslos waren sie nie. „Die traumatischen Erfahrungen vieler Ostdeutscher, deren Lebensgrundlage förmlich ausradiert wurde, habe ich nie machen müssen“, sagt Uhlig.

Der Westen zahlt die Zeche?

„Ich weiß, die DDR war seinerzeit am Ende, die Umwelt ruiniert, die Firmen nicht konkurrenzfähig, die Bausubstanz fürchterlich“, sagt Uhlig. Trotzdem fühlt er bei sich und in seinem Umfeld viel Unzufriedenheit. Wie kommt das? Uhlig rührt im Milchkaffee. Vielleicht hätten Menschen in West wie Ost das Gefühl, die Zeche zu zahlen, sagt er. „Im Westen, weil sie seit Jahrzehnten Geld rüberschicken. Und im Osten, weil viele das Gefühl haben, dass ihre Lebensleistung nicht anerkannt wurde.“

Angleichung der Ost-Renten dauert noch bis 2025

Unterschiedliche Werte: Bei der Rente gelten ungleiche Regeln für West- und Ostdeutschland. Rentenwert und Beitragsbemessungsgrenze sind verschieden, zudem werden die Ost-Entgelte höher gewertet. Damit sollte der Einheitsprozess sozialer gestaltet werden, weil die Ost-Löhne anfangs sehr viel niedriger waren.

Vorteil für Ostdeutsche: Für den gleichen Lohn – und damit die gleiche Beitragszahlung an die gesetzliche Rentenkasse – bekommen ostdeutsche Beschäftigte später mehr Rente als westdeutsche Arbeitnehmer! „Durch die Hochwertung der Verdienste wird der geringere Rentenwert Ost mehr als ausgeglichen“, betont die Deutsche Rentenversicherung Bund. Das gilt noch bis Ende 2024.

Schrittweise Angleichung: 2017 ist das Rentenüberleitungs-Abschlussgesetz beschlossen worden. Es regelt die schrittweise Erhöhung des Ost-Rentenwerts auf West-Niveau bis Juli 2024 sowie die ebenfalls schrittweise Abschaffung der Hochwertung. Ab Anfang 2025 gelten dann bundesweit die gleichen Regeln. Es bleibt aber bei der Hochwertung der bis Ende 2024 im Osten erzielten Löhne.

Ungleiche Belastung: Rentennahe Arbeitnehmer und Rentner im Osten profitieren von dieser Angleichung – jüngere Ost-Beschäftigte werden schlechtergestellt.