Das Wichtigste auf einen Blick:
- SGGT Hydraulik aus Neunkirchen im Saarland baut Entzunderungsanlagen, die in Walzwerken und Schmieden zum Einsatz kommen – und dominiert besonders das Geschäft mit Eisenbahnrädern.
- Beim Entzundern wird die raue, rostähnliche Schicht entfernt, die beim Erhitzen von Stahl entsteht. So kann er ohne Qualitätsprobleme weiterverarbeitet werden.
- Der kleine Mittelständler aus dem Saarland ist weltweit aktiv. Indien etwa ist ein großer Markt für SGGT.
Nicht nur Schüler bekommen Zeugnisse, sondern auch Stähle. Auf Basis der europäischen Norm 1204 müssen Stahlproduzenten die Legierungen und die mechanischen Eigenschaften ihrer Lieferungen bis ins Detail dokumentieren. Erst wenn das Zeugnis ausgestellt ist, dürfen sie das Stahlwerk verlassen.
„Aufgrund dieser Daten wissen wir, welche Stahlgüten wir für unsere Zwecke einsetzen können“, sagt Alexander Thiel. Der 34 Jahre alte Meister der Feinwerkmechanik ist bei der Neunkircher Firma SGGT Hydraulik beschäftigt.
Entzundern von Stahl: Warum die raue Schicht zum Problem wird
Das Unternehmen aus dem Saarland baut Entzunderungsanlagen für Stahlproduzenten und Schmieden auf der ganzen Welt. Diese Anlagen sorgen dafür, dass der Zunder – also die raue, dunkelrote Oberflächenschicht – vom glühend heißen Metall abspritzt, wenn es gewalzt oder geschmiedet wird. Zunder entsteht, wenn der Stahl beim Erhitzen mit dem Sauerstoff der Luft in Berührung kommt und oxidiert. Bleibt der Zunder am Stahl haften, ist die Gefahr groß, dass er bei der Weiterverarbeitung in das Material eingepresst wird, was zulasten der Qualität geht.
Kernstück der Entzunderungsanlage von SGGT Hydraulik sind Wasserdüsen. Sie müssen enormen Belastungen standhalten, denn sie richten einen Wasserstrahl mit einem Druck von mehr als 320 Bar gezielt auf den rotglühenden, 1.250 Grad heißen Stahl, um den Zunder von ihm zu lösen. Abnehmer der Entzunderungsanlagen mit den eingebauten Spezialdüsen sind unter anderem Stahlkonzerne. Sie rüsten ihre Walzstraßen mit den Maschinen von der Saar aus – egal, ob sie Knüppel, Brammen, Draht, Spundwände, Stäbe oder Warmbreitband-Bleche walzen.
Wasserhydraulische Entzunderung ist auch bei Schmieden immer mehr gefragt
Eine hohe und weiter wachsende Nachfrage verbuchen die beiden Geschäftsführer und Gesellschafter Gregor Przybylla und Michael Kohler mit ihrem wasserhydraulischen Entzunderungs-Verfahren bei Schmieden. Dort ist besonders viel Know-how gefragt. Die Schmiedeteile sind häufig komplex in der Handhabung. „Doch auch variable Teilabmessungen und unterschiedliche Legierungen müssen gleichmäßig entzundert werden“, erläutert Przybylla.
Beim Entzundern von Eisenbahnrädern und -achsen „sind wir sogar Weltmarktführer“, sagt Kohler. Hier kommt den Saarländern auch zugute, dass immer mehr Räder nicht mehr gegossen oder geschmiedet, sondern unter großer Hitze gewalzt werde. Das härtet sie zusätzlich. Der Grund dafür: „Die Hochgeschwindigkeitsstrecken und die auf ihnen fahrenden Züge stellen deutlich höhere Anforderungen an das Rad als bisher“, erklärt Kohler. Neben den bewährten Entzunderungs-Verfahren hat sich SGGT Hydraulik auch hierfür technische Lösungen ausgedacht.
„Von zehn Entzunderungsanlagen für Eisenbahnräder auf der ganzen Welt stammen acht von uns“
Gregor Przybylla, Geschäftsführer und Gesellschafter von SGGT Hydraulik
Die Anlagen zum Entzundern der Räder und der bis zu einer Tonne schweren Achsen werden in Neunkirchen nach den Vorstellungen der Kunden entwickelt und hergestellt. Anschließend baut SGGT Hydraulik sie vor Ort ein – entweder allein oder zusammen mit einem Anlagenbauer. So stehen unter anderem welche in Südafrika, China, Italien, der Türkei und Kasachstan.
Doch nicht nur dort: „Ein riesengroßer Wachstumsmarkt für uns ist Indien“, sagt Kohler. Das Geschäft auf dem Subkontinent „läuft so gut, dass wir uns überlegen, dort einen Service-Stützpunkt mit eigenen Leuten einzurichten“. Insgesamt tun in Walzwerken und Schmieden mehr als 300 Entzunderungsanlagen des Unternehmens ihren Dienst. Es ist mit Vertretungen und Repräsentanzen rund um den Globus präsent. „Von zehn Entzunderungsanlagen für Eisenbahnräder auf der ganzen Welt stammen acht von uns“, sagt Przybylla.
Saarländische Präzision: 18 Profis vereinen in Neunkirchen Hightech mit Handwerk
Das alles stemmt der Mittelständler aus der Hüttenstadt Neunkirchen mit einem relativ kleinen Team von 18 Frauen und Männern. „Ich muss hier jede Maschine programmieren und bedienen können“, sagt Alexander Thiel. „Denn wir stellen nur Einzelteile oder Kleinserien her.“ Außerdem kommen fast alle technischen Zeichnungen, nach deren Vorgaben die Metallteile für die späteren Entzunderungsanlagen gedreht, gefräst, gebohrt oder gesägt werden, aus dem eigenen Haus.
Wichtig sei „die lückenlose Dokumentation der von uns verwendeten Stahlteile“, erläutert Thiel. Denn sollte es zu Reklamationen oder gar Regressforderungen kommen, muss nachweisbar sein, dass nur normierte Stähle in die Anlagen eingebaut wurden. Thiel, der in seiner Freizeit am liebsten an Felswänden hochkraxelt, hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt: am INM, dem Leibniz-Institut für Neue Materialien an der Universität des Saarlandes. „Eine bessere Ausbildung in Sachen Materialkunde kann ich mir kaum vorstellen.“
SGGT Hydraulik: Vom Bergbauzulieferer zum Global Player
- Die SGGT (Saarländische Gesellschaft für Grubenausbau und Technik) war ursprünglich eine Ausgründung der Bochumer Eisenhütte Heintzmann. Als Zulieferer versorgte sie ab 1949 von Ottweiler aus den saarländischen Steinkohle-Bergbau mit gewalzten Rundbögen für den Streckenausbau unter Tage.
- Den Bereich Wasserhydraulik kaufte Heintzmann 1996 dem Unternehmen Werner & Pfleiderer aus Stuttgart ab.
- Im Zuge des rückläufigen Bergbaugeschäfts gründete sich 2001 die SGGT Hydraulik GmbH neu und wurde nach Neunkirchen verlegt. Heute zählen Stahlhersteller, Maschinenbauer und Energieversorger zu den Hauptkunden.






