Newry/Derry/Culdaff. Der Postbote kam wie immer gegen Mittag. Steuerte seinen roten Lieferwagen den Hügel rauf vor das Haus der Familie Warke im nordirischen Newry. Öffnete das Gartentor, lief über den knirschenden Kies, warf den Brief ein. Es nieselte. Alles wie immer.

Ein paar Stunden später sitzt der dreifache Familienvater Simon Warke am hölzernen Esstisch und starrt auf den geöffneten Brief. „Das kann nicht sein, das geht doch nicht“, stammelt er. Es ist sein persönlicher Moment der Erkenntnis: Gerade ist nichts wie immer, hier in Nordirland. Gar nichts!  

Schlagbäume statt freiem Grenzverkehr?

Der Brief, der Warke so aus der Kurve wirft, kommt von seiner Autoversicherung. In knappen Worten teilt sie ihm mit, dass sein Auto womöglich nicht mehr versichert ist, wenn er zukünftig die nahe Grenze zur Republik Irland überquert. Grund: der Brexit. Verlässt Großbritannien – und damit auch Nordirland – tatsächlich die Europäische Union, zerschneidet plötzlich eine EU-Außengrenze die irische Insel.

Warke legt den Brief auf den Tisch. Der Fernseher läuft, im Laufstall quengelt der zwei Monate alte Sohn. Warke ringt um Fassung. Er ist selbstständiger Ingenieur, hat Kunden auf beiden Seiten der Grenze, mehrmals wöchentlich überfährt er die unsichtbare Linie. Wie das zukünftig gehen soll, ist ihm ein Rätsel. Doch was ihn so aufwühlt, sind weniger die Extra-Dokumente, die die Assekuranz fortan von ihm verlangt. Ihm geht es ums große Ganze. „Was passiert hier?“, fragt er. „Gestern waren wir Nordiren noch Teil von Europa. Aber morgen? Die reißen hier alles auseinander!“, stöhnt der 48-Jährige. „Das hätte ich nie für möglich gehalten.“  

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Wie unter einem Brennglas zeigt sich auf der irischen Insel derzeit, welch zerstörerische Kraft eine europafeindliche Stimmung entfalten kann. Erzeugt von Populisten, mittels Fake News, kruder Abschottungs-Rhetorik oder schierer Lüge. Denn: Mit dem anvisierten Ausstieg Großbritanniens aus der EU reißen in Irland alte Wunden auf. 30 Jahre lang war die 500 Kilometer lange Linie zwischen der Republik Irland und der britischen Provinz Nordirland die blutigste Grenze Europas. Erbittert bekämpften sich irischstämmige katholische Nationalisten und probritische protestantische Unionisten. Bilanz: über 3.700 Tote, erschossen, in Fetzen gebombt.

Fragiler Frieden: Erst eine Autobombe in Derry, dann tödliche Schüsse

Erst mit dem Friedensschluss von 1998, dem sogenannten Karfreitagsabkommen, nahm das Morden ein Ende, die Grenzanlagen verschwanden. Dem Friedensprozess folgte ein wirtschaftlicher Aufschwung, ermöglicht durch den EU-Binnenmarkt. Jetzt aber steht das alles auf dem Spiel. „Der Brexit unterminiert das Karfreitagsabkommen“, warnt der renommierte Nordirland-Experte Peter Neumann vom Londoner King’s College. Noch drastischer äußert sich der Politologe Thomas Noetzel von der Uni Marburg: „Wird den Menschen der Puffer genommen, den die EU bietet, kann es gut sein, dass die Lage wieder eskaliert.“ Wie fragil der Frieden ist, zeigte sich im April: Im nordirischen Derry kam es zu schweren Ausschreitungen, bei denen eine Journalistin erschossen wurde. Bereits im Januar explodierte dort eine Autobombe. Drohen der Grünen Insel neue Unruhen? 

Der Nordirland-Konflikt kostete bislang 3.700 Menschen das Leben

Damian McGenity, hohe Stirn, müde Augen, brauner Arbeitsoverall, steht vor seinem Getränkeladen mit angeschlossener Postfiliale im kleinen Ort Jonesborough. Die Grenze ist nur ein paar Meter entfernt, McGenity zeigt auf die umliegenden Hügel. „Da oben stand früher die britische Armee und hat uns beobachtet“, sagt er. Nie werde er das Geräusch der Hubschrauber vergessen, die ständig über dem Ort kreisten, „wie wütende Hornissen“.

Der 45-Jährige gehört zu den Gründern der nordirischen Organisation der Brexit-Gegner. Für ihr Engagement erhielt sie vom EU-Parlament den Europäischen Bürgerpreis. „Das hier war damals ein Kriegsgebiet“, sagt er. Banditenland nannte man die Grafschaft Armagh in den dunklen Tagen der „Troubles“ – fest in der Hand der IRA, die Waffen, Zigaretten und Benzin schmuggelte. Erst mit der offenen Grenze kamen neue Möglichkeiten in den verarmten Landstrich. „Früher schlossen sich junge Männer aus Perspektivlosigkeit den Paramilitärs an, heute gibt es genug Arbeit, auf unserer Seite der Grenze oder im Süden.“

Frieden und Freiheit stehen auf dem Spiel

Es ist die Folge einer europäischen Errungenschaft, deren segensreiche Auswirkungen Kontinentaleuropäer fast schon für selbstverständlich halten: des EU-Binnenmarkts. Rund 30.000 Berufspendler täglich sowie 250.000 Lastwagen monatlich queren derzeit die quasi unsichtbare irisch-nordirische Grenze. Alle rollen sie über EU-finanzierte Straßen – die im schlechtesten Fall bald wieder von Schlagbäumen versperrt werden könnten. „Wenn die Grenze kommt, wird es wieder Grenzposten geben müssen“, fürchtet McGenity. Die Hardliner warteten nur darauf, diese zu attackieren!“ Wird die Grenze wieder hart, dürfte sein eigener Laden auch auf der Kippe stehen. Die Mehrzahl seiner Kunden kommt aus dem Süden, wo Alkohol teurer ist als in Nordirland. Für McGenity nicht so wichtig: „Es geht um mehr als Zölle und Märkte: Es geht um Freiheit. Und Frieden!“ Selbst eine neue IRA hält der Nordire für möglich. „Manche glauben, das könne nicht mehr passieren. Aber das haben sie zuvor auch über den Brexit gesagt.“

Ortwechsel: Im Zentrum der Grenzstadt Newry sitzt der Journalist Ralph Hewitt am Schreibtisch in der Redaktion des Lokalblatts „Newry Democrat“ und faltet frustriert die Hände. „Die Öffnung Nordirlands war eine Erfolgsstory, jetzt weiß niemand, wie es hier weitergehen wird“, sagt er. Die überwältigende Mehrheit der Bürger Newrys habe beim Brexit-Referendum für einen Verbleib in der EU gestimmt, „jetzt fühlen sie sich, als würden sie einfach verbannt“.

Unternehmen drohen schon mit Abschied aus der Region

Wie positiv sich die Zugehörigkeit zur EU ausgewirkt habe, sehe man doch an seiner Stadt: „Früher war Newry isoliert, heute haben wir viele erfolgreiche Unternehmen. Aber wenn die keinen Zugang zum Binnenmarkt mehr haben, werden sie gehen.“ Damit könnte er recht haben. So hat der ortsansässige Tiermedizin-Konzern Norbrook Labs bereits vor negativen Folgen gewarnt. Die Firma mache 85 Prozent ihres Umsatzes außerhalb Großbritanniens und sei auf einen reibungslosen Handel angewiesen, heißt es in einer Mitteilung. Bereits reagiert hat die MJM Group aus Newry, Ausrüster von Kreuzfahrtschiffen – und eine Niederlassung in Polen gegründet.

Wirtschaft beider Länder ist eng verflochten

Dabei lief doch alles so gut! Weil die EU nach dem Friedensschluss den politischen Raum bot, in dem sich die verfeindeten Lager annähern konnten, war Nordirland plötzlich kein abgelegener Außenposten mehr, sondern praktisch Teil der boomenden Wirtschaft des „keltischen Tigers“ im Süden. Die Arbeitslosigkeit im Norden sank in der Folge von rund 13 Prozent Ende der 90er Jahre auf aktuell nur noch 3,4 Prozent. Die Wirtschaft beider Länder gilt heute als eng verflochten, über 10.000 Unternehmen machen grenzüberschreitend gute Geschäfte. Noch …

Hoch im Norden der irischen Insel liegt das Dorf Culdaff, Grafschaft Donegal, Republik Irland. Der Atlantik schlägt donnernd gegen die malerische Küste, auf saftigem Gras weiden Schafe und Pferde, selbst die Sonne lugt an diesem Märztag mal kurz hervor. George Mills aber hat trotzdem finstere Laune. „Ich glaube, man hat die Dummheit der Menschheit unterschätzt“, zischt der 66-Jährige. Mills ist Schafzüchter und Fuhrunternehmer, gerade ist einer seiner Trucks mit Mehl unterwegs nach Dublin, mit Mills’ Sohn am Steuer.

Wenn die harte Grenze kommt, wird das nicht mehr wie jetzt an einem Tag gehen: „Weil wir dann gleich zweimal pro Strecke eine EU-Außengrenze passieren.“ Das koste Zeit und Extra-Diesel, aber viel wichtiger sei auch hier die Symbolik.

Binnenmarkt als Friedensdividende

„Mit den Nordiren wird ein ganzes Volk gegen seinen Willen aus Europa gezwungen“, sagt Mills und donnert seine Teetasse auf den Küchentisch. 20 Jahre habe man auf beiden Seiten der Grenze von der EU profitiert. „Der Binnenmarkt, all die neuen Freiheiten, die von Europa finanzierten Projekte – das war unsere Friedensdividende.“

Jetzt aber sorgt sich Mills vor düsteren Zeiten auf seiner grünen Insel. Der alte Hass sei immer noch da, das Misstrauen, das aus Nachbarn schnell wieder Feinde werden lasse. Mills schaut auf die Tischplatte. „Es ist wie eine Narbe“, sagt er dann, an der dürfe man um Himmelswillen nicht rumkratzen. „Denn wenn man es tut – dann wird sie bluten!“ 

Simon Warke: Der
Nordire fragt sich bang,
was mit seinem Land da
gerade passiert.

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