Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Die Schwabe Group produziert ein Arzneimittel aus Ginkgo und betreibt dafür eigene Plantagen in den USA und Frankreich.
  • Der strategische Einkäufer Max Raiser reist regelmäßig zu den Anbauorten, prüft Wachstum und Qualität und hält die Lieferkette stabil.
  • Dabei muss er verschiedene Risiken im Blick haben: zum Beispiel Extremwetter und politische Entwicklungen.

„Weit entfernte Regionen der Welt haben mich schon immer fasziniert“, schwärmt Max Raiser. Der Agraringenieur hat getrocknete Ginkgo-Blätter in den Händen und riecht daran. Für ihn sind sie ein ganz besonderer Rohstoff. Diese Blätter haben eine Reise von 7.000 Kilometern hinter sich. Denn in ihnen steckt wertvolle Heilkraft, die die Schwabe Group zu nutzen weiß.

Der 57-Jährige ist bei dem Familienunternehmen aus Karlsruhe strategischer Einkäufer für pflanzliche Rohstoffe. Der Mittelständler mit seinen rund 4.000 Mitarbeitenden produziert Arzneimittel etwa aus Ginkgo: Raiser verantwortet den Anbau in den Schwabe-eigenen Plantagen in South Carolina (USA) und Südfrankreich. „Ich habe pro Jahr etwa 50 Reisetage, auch zu den Ursprungsorten der anderen Arzneipflanzen von Schwabe“, erzählt er. Das liebt er an seinem Job. „Man muss die Bedingungen vor Ort wirklich kennen.“

So wichtig ist die Lieferkette

Egal ob in Pharma, Chemie oder anderen Bereichen: Die Industrie ist auf funktionierende Lieferketten angewiesen. Denn selten sind alle Rohstoffe in der Heimat verfügbar. Damit alle Vorprodukte in der richtigen Qualität und zur richtigen Zeit in der Produktion ankommen, brauchen die Unternehmen zum Beispiel Supply-Chain-Manager, Disponenten und Produktionsplaner. Und spezialisierte Einkäufer – wie Max Raiser.

Dass er mal bei einem Pharmahersteller arbeiten würde, hätte er als Student gar nicht gedacht. „Ich wusste nur, dass es mich in weit entfernte Länder zieht.“ In seiner Diplomarbeit untersuchte er den Reisanbau in Südamerika – und blieb dann gleich einige Jahre im Ausland. Schließlich fand er seinen Weg in den Arzneipflanzenbereich.

„Pflanzenanbau im Dienst der Gesundheit: Ich bin stolz auf meinen Beruf“ 

Max Raiser, strategischer Einkäufer bei der Schwabe Group

Heute betreut er die Ginkgo-Plantagen, die je rund 700 Fußballfelder groß sind. Sie haben eine besondere Faszination: Ginkgo gehört zu den ältesten Baumarten der Welt. Er existiert seit über 200 Millionen Jahren! Um ihn in Plantagen anbauen zu können, entwickelte die Schwabe Group Anfang der 1980er Jahre eine Methode, die Bäume heckenartig zu kultivieren.

Fakten & Hintergründe

Ernte: 4.000 Tonnen Blätter pro Jahr

Etwa 4.000 Tonnen getrocknete Ginkgo-Blätter werden pro Jahr bei der Schwabe Group angeliefert. Daraus wird das wichtigste Produkt des Unternehmens: Tebonin, ein Medikament zur Behandlung bei Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Schwindel und Tinnitus. Für zwei Kilo Wirkstoff-Extrakt braucht der Hersteller 100 Kilo Blätter. In den Verfahren steckt viel firmeneigenes Know-how. Und die Kunst, Blätter aus verschiedenen Regionen und Jahrgängen so zu kombinieren, dass der Wirkstoffgehalt jeder Tablette identisch ist.

Damit die Produktion reibungslos läuft, müssen Raiser und sein Team viele Risiken im Blick behalten: Klimawandel, Extremwetter, politische Entwicklungen. Auch gesellschaftliche Veränderungen. Beispiel Osteuropa: „Wir wissen jetzt schon, dass wir dort in 10 bis 15 Jahren wohl nicht mehr genügend Arbeitskräfte für die derzeitigen Produktionsverfahren finden, weil viele abwandern.“

Technik für einen uralten Baum

Wenn Raiser die Plantagen besucht, prüft er etwa Witterung, Boden und Wachstum. Er arbeitet eng mit den Kollegen vor Ort zusammen – alle Teil der Schwabe Group. Gemeinsam entwickeln sie immer wieder neue Technologien für Anbau und Ernte. Denn Ginkgo ist so speziell, dass die Erntemaschinen eigens intern umgebaut und angepasst werden.

Später in der Heimat hält Raiser die getrockneten Blätter wieder in den Händen – dieselben, die in der Ferne im Wind raschelten. Jetzt werden sie zu etwas, das Menschen weltweit Gesundheit und Wohlbefinden schenkt. Raiser sagt: „Ich bin stolz auf meinen Beruf.“

Die Pharma-Industrie in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg ist mit mehr als 200 Unternehmen Deutschlands größter und beschäftigungsstärkster Standort der Pharma-Industrie. Fast die Hälfte aller Unternehmen der Chemie- und Pharma-Industrie Baden-Württembergs sind Arzneimittelhersteller – nämlich 46 Prozent. Die Branche liefert neben Arzneimitteln für Mensch und Tier zum Beispiel auch Impfstoffe und Seren sowie Diagnostik-Tools in die ganze Welt.

Barbara Auer
aktiv-Redakteurin

Barbara Auer berichtet aus der aktiv-Redaktion Baden-Württemberg vor allem über die Chemieindustrie. Nach dem Studium der Sozialwissenschaft mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre volontierte sie beim „Münchner Merkur“. Wenn Barbara nicht für aktiv im Einsatz ist, streift sie am liebsten durch Wiesen und Wälder – und fotografiert und filmt dabei, von der Blume bis zur Landschaft.

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